Anzeige:
Sofie Lichtenstein: Bügeln. Protokolle über geschlechtliche Handlungen




25. Februar 2017
Gerald Fiebig
für satt.org

  Die Damen und Herren des Orchesters: Zweihundert Jahre ohne Erfolg

Die Damen und Herren des Orchesters:
Zweihundert Jahre ohne Erfolg

Nebula Fünf Enterprises Int. 2017
» Labelseite
» Flight 13
» amazon


Die Damen und Herren des Orchesters: Zweihundert Jahre ohne Erfolg

Wenn Understatement in Selbsterniedrigung umschlägt, nennt man sein Debütalbum »Zweihundert Jahre ohne Erfolg« und seine Band »Die Damen und Herren des Orchesters«, was in einem (Punk-) Rockkontext ja durchaus als Signal maximaler Uncoolness gelten kann – Ironie hin oder her. So viel Selbsterniedrigung hat diese Platte (Vinyl mit ansprechendem Textblatt und beiliegender CD und beiliegendem Downloadcode!) aber keineswegs verdient.

Dass sie auf dem Label Nebula Fünf Enterprises Int. in einem Punkrock-Kontext erscheint, ist unstrittig. Betrieben wird es von den Herren des Orchesters Roland van Oystern (Gesang, Gitarre und Autor aller Songs auf der Platte) und Ferdinand Führer (Gitarre, Percussion, Gesang). Die Damen des Orchesters sind Frederike Nagel (Gesang, Bass, Piano) und Miriam Ulrich (Schlagzeug, Klarinette, Saxophon, Gesang). Die auf dem Papier in der Tat (kammer-) orchestral wirkende Auflistung von Instrumentarium täuscht indes. Was man zu hören bekommt, sind 15 knackige, auf den Punkt gebrachte Songs in gut 35 Minuten, die eine solide Punkrock-Prägung ebenso verraten wie ein Gespür für Pop-Hooks. Die blassen, schlaksigen Gestalten der Smiths werfen lange Schatten auf diese Platte (bis hin zu geradezu eindeutigen Reverenzen wie »Da ist Panik in den Straßen«). Und das ist hier ausdrücklich als Kompliment gemeint.

Das gemeinsame Schaffen von Songwriter Roland van Oystern und Ferdinand Führer währt inzwischen schon deutlich länger als die historische Partnerschaft von Morrissey/Marr. Die beiden kooperieren wie gesagt als Labelmacher, als Musiker in diversen Projekten, aber auch – nicht nur im Pop-Kontext eher untypisch – als Ko-Autoren von Prosatexten, veröffentlicht u.a. im »Homestory Magazin« und zuletzt in dem 2016 im Ventil Verlag erschienenen Band »Ein Tag Hagel und immer was zu essen da«.

  Ein Tag Hagel und immer was zu essen da

Ferdinand Führer & Roland van Oystern:
Ein Tag Hagel und immer was zu essen da

Ventil Verlag 2016
168 Seiten, 15,00 €
ISBN: 978-3-95575-056-5
» Verlag
» amazon

In diesem – naja - Reisetagebuch bestechen van Oystern und Führer durch eine kunstvoll kultivierte Haltung der Haltlosigkeit, ein Kokettieren mit dem eigenen existenziellen Überfordert-Sein, von dem man nie so genau sagen kann, wo die apathische Naivität aufhört und die selbstironische Pose beginnt. Mit ähnlichen Ambivalenzen arbeiten auch viele von van Oysterns Texten auf »Zweihundert Jahre ohne Erfolg«. Die Figur des Underdogs, des von der Gesellschaft – Staat und Kapital (»Nichts zu verkaufen«, »Le Patron«), Familie (»Mama«), Militär (»Herr General«) und Religion (»Engel«) – Beschädigten bis Kaputtgemachten, ist in den Songs fast omnipräsent.

In der Schwebe bleibt jedoch die Haltung des Autors zu den Figuren – und in diesem souveränen Umgang mit dem Rollen-Ich sind die Songtexte den Prosatexten van Oysterns absolut ebenbürtig. Der hier spricht, ist kein Protestsänger, der als Sympathisant im Namen seiner Figuren Anklage gegen die schlechte Welt erhebt. Hier hört man einen Skeptiker, dessen Nicht-Einverstandensein sich nicht nur gegen die oben aufgezählten Standardfeindbilder seiner Peer-Group wendet, sondern auch besagte Peer-Group (und ihn selbst) mit einschließen kann – eine Mischung aus Woyzeck (»Er läuft ja wie ein offnes Rasiermesser durch die Welt, man schneidt sich an ihm«) und Bartleby (»Ich möchte lieber nicht«).

Nun sind die Songtexte aber gerade nicht prosaisch-narrativ, sondern durchaus knappe, eher lyrisch-skizzenhaft. Die Spannung zwischen den darin entworfenen Figuren und deren Autor entsteht nicht auf der Textebene allein, sondern durch die Performance, in der Art, wie van Oystern seine Texte singt. Eben nicht mit der selbstgewissen bis geifernden Pose des Anprangerns, sondern mit einer zwischen Sanftmut und Ennui, zwischen Langeweile und Zärtlichkeit changierenden Crooner-Stimme, wie sie im aktuellen deutschsprachigen Pop sonst wohl nur Andreas Spechtl von Ja, Panik zu Gebote steht. Eine Stimme, die beim Hören dieser Platte ganz nah an die Intimität unseres Gehörgangs heranrückt. Und aufgrund dieser Nähe fordert es uns umso mehr heraus, dass sie sich der Kategorisierung so sehr entzieht. Und genau deshalb ist dieses Album großer Pop: Weil es exakt auf der Klinge zwischen dem geschriebenen Text und dessen vokaler Performance, zwischen gedanklichem Konzept und körperlichem Klang, zwischen Literatur und Musik balanciert. Weil Pop nie nur musikalische Struktur ist, sondern immer ein intermediales Arrangement aus Körper (Stimme), Kopf (Text) und Wunschmaschine (Instrumente/Produktion/Sound). Nur wenn man auf all diesen drei Ebenen was Interessantes zu bieten hat, macht man interessanten Pop. Bei dieser Platte ist das der Fall.

Einer Platte, die unsere Selbstgewissheit herausfordert, während sie gleichzeitig (in Form fett produzierter Kopfnick-Pogo-Gitarrenbretter) voll in die Schatzkiste des emotionalen Erlebens greift – kann man von Kunst mehr verlangen? Darüber könnte man jetzt sicher noch lange, und auch kontrovers, diskutieren, aber: »Alles, was es zu sagen gibt / Steht unter Schweigepflicht« (»Bunkerträume in Bickendorf«).