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Sofie Lichtenstein: Bügeln. Protokolle über geschlechtliche Handlungen





August 2006
Marc Degens
für satt.org


Jacques Tardi:
120, Rue de la Gare

Edition Moderne 2006

Cover

190 S., 29,80 €
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Dieser Text erschien erstmals auf fluter.de

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Jacques Tardi:
120, Rue de la Gare

Jacques Tardi
Foto © casterman - a. sagalyn

Auf dem 12. Internationalen Comic-Salon in Erlangen vom 15. bis 18. Juni 2006 erhielt Jacques Tardi für sein Lebenswerk den Max-und-Moritz-Preis, die bedeutendste Auszeichnung für Comicschaffende im deutschsprachigen Raum. Das Werk des 1946 als Sohn eines französischen Soldaten geborenen Tardi ist ebenso umfangreich wie vielseitig: Jacques Tardi hat zahlreiche Kriminalromane zu Comicerzählungen umgearbeitet, und mehrfach den Grauen des Ersten Weltkriegs abgebildet – angeregt durch die Schilderungen seines Großvaters, der im Schutz einer verwesenden Leiche aus den Schützengraben von Verdun entkam. Neun Alben schildern die fiebrigen Abenteuer der im Paris der Belle Epoque (frz. für „schöne Epoche“, ca. 1885 bis 1914) lebenden Schriftstellerin Adèle Blanc-Sec. Im vergangenen Jahr hat Tardi die vierbändige Geschichte „Die Macht des Volkes“ über die Pariser Kommune von 1871 vollendet. Daneben arbeitet Tardi erfolgreich als Buchgestalter und -illustrator. Eines seiner Meisterwerke liegt in einer prachtvollen Ausgabe seit kurzem endlich wieder auf deutsch vor: Das 186 Seiten lange Kriminalabenteuer „120, Rue de la Gare“ mit dem Privatdetektiv Nestor Burma in der Hauptrolle.

Erfunden wurde Nestor Burma von dem französischen Kriminalschriftsteller Léo Malet (1909-1996). Nestor Burma steht in der Tradition der hartgesottenen, trinkfesten, illusionslosen und einzelgängerischen Detektivfiguren amerikanischer Prägung, wie sie Dashiell Hammett (1894-1961) und Raymond Chandler (1888-1959) schufen. Die Handlung von „120, rue de la Gare“ setzt 1940 in einem deutschen Straflager ein, wo Nestor Burma von einem Sterbenden eine Adresse und eine geheimnisvolle Botschaft erhält. Nach seiner krankheitsbedingten Entlassung versucht Burma in Lyon und Paris das Rätsel dieser letzten Worte zu lösen, stößt dabei auf einen unheilvollen Komplott, in denen auch mehrere seiner Freunde und alten Kollegen verwickelt sind. Kugeln schwirren, Menschen sterben … Am Ende versammeln sich in klassischer Detektivgeschichtenmanier alle Verdächtigen an einem Ort, und Nestor Burma entlarvt den Täter.

Trotz der verwirrenden Handlung hat Tardi einen dichten und spannenden Comic geschaffen, weil der Geschichte – im Gegensatz zu seinen anderen vier Nestor-Burma-Comics – genügend Raum und Seiten zur Verfügung stehen, um sich zu entfalten. Sehr gekonnt setzt Tardi dabei comic-eigene Elemente ein, wie z. B. die Wiederholung von Bildausschnitten in Sprechblasenform als Zeichen der Erinnerung. Zeichnerisch ist „120, Rue de la Gare“ makellos und Tardis gemalte Schwarz-Weiß-Seiten bekommen durch verschiedene Grauabtönungen eine ausdrucksstarke Tiefe. Für diese von ihm entwickelte Technik wurde Tardi berühmt – ebenso für seine Detailgenauigkeit. Fast alle Stadt- und Landschaftsansichten in Tardis Comics beruhen auf zeitgenössischen Fotografien, so daß in „120, Rue de la Gare“ neben dem zerknautscht aussehenden Nestor Burma das Frankreich der Kriegszeit und insbesondere die Hauptstadt Paris eine tragende Rolle spielen.