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2. Dezember 2008
Guido Rohm
für satt.org


Elektrische Schatten


  Ken Park

Ken Park
USA 2002

Regie:
Larry Clark
und Ed Lachman

91 Minuten

Bonusmaterial:
Interviews mit Larry Clark,
Ed Lachman und Tiffany Limos;
Trailer, Booklet mit Essay zum Film
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Wie man einen
schlechten Film dreht

Eine Anleitung in fünf Punkten


Kleine Vorrede

Gut! Stellen Sie sich vor, Sie wären Raymond Carver. Sie kennen Raymond Carver nicht? Hm. Fangen wir also anders an. Stellen Sie sich vor, Sie wären ein Schriftsteller. Nicht irgendein Schriftsteller, sondern ein wirklich guter Schriftsteller. Zwar wird der Alkohol irgendwann Ihren Untergang besiegeln, aber noch ist es nicht soweit. Sie schreiben Kurzgeschichten. Lakonische Kurzgeschichten. Sie sind an einen verdammt guten Lektor geraten. Sein Name ist Gordon Lish. Dieser Lish streicht also wie eine verrückt gewordene Sekretärin in Ihren Texten rum. Das ist nicht weiter schlimm. Ihre Texte gewinnen dadurch. Sie werden zum ungeschlagenen Meister des Minimalismus. Würde Ihnen das gefallen?
Gut! Stellen Sie sich nun vor, Sie wären Larry Clark. Sie drehen mit einem gewissen Edward Lachman, der in Ihren Kreisen nicht gerade unbekannt ist, einen Film mit dem Titel KEN PARK. Sie haben nur ein Problem. Sie haben keinen Gordon Lish, der Sie bändigt. Und glauben Sie mir, ich habe Ihren Film gesehen. Er hätte es wirklich nötig gehabt.


1. Wählen Sie eine skandalöse Ausgangssituation

Ihr Film beginnt mit einem Selbstmord. Ein gewisser Ken Park, der die Klammer des Films sein soll, erschießt sich in einem Skaterpark vor laufender Videokamera. Sie halten das für eine gute Idee. Sie wollen Ihren Film mit einem Beben beginnen. Die Zuschauer sollen auf ihren Plätzen im Kino zusammen zucken, sollen murmeln: „Wow, was für ein Anfang. Also, dieser Larry Clark erschüttert uns immer wieder.“ Die Sache mit der Videokamera ist natürlich ein besonders cleverer Kniff. Hier führen Sie gleich alles vor: die sichtungsgeilen Zuschauer, den nonverbalen Dialog des modernen Menschen mit der Bildschirmoberfläche, die Kamera als letzten Ort der Erinnerung und der Realität. Die Kamera speichert uns ab. Sie gibt uns aber auch wieder. Sie spuckt uns als Protagonisten aus. Das Leben ist zu einem Trailer geworden.
Leider haben Sie dies alles nicht erzählt. Sie gaukeln uns eine solche Erzählung nur vor. Sie spielen mit intellektuellen Versatzstücken. Sie sind auf dem besten Weg, einen miserablen Film zu drehen. Weiter so...


2. Packen Sie die Nöte der ganzen Welt in Ihren Film

So! Den Anfang Ihres Films haben Sie schon mal versaut. Das haben Sie wirklich gut gemacht. Als nächstes erzählen Sie aus dem Leben von vier Jugendlichen. Allesamt Freunde des so schrecklich Dahingeschiedenen. Ken Park kommt in deren Leben nicht wirklich vor. Warum sollten wir uns also um ihn kümmern? Und weil Sie die Frage erst gar nicht stellen, tun wir das auch nicht.
Bei den vier Kids hauen wir natürlich mal so richtig auf die Kacke. Da lassen wir wirklich alles vorkommen: Religionswahn, Sadomasochismus, Inzest, Mord. Wir packen in diesen Film alles. Absolut alles. Sie haben es begriffen. Hier wird nicht mit dem Skalpell gearbeitet, nein, wir operieren gleich mit einer Motorsäge. Der Zuschauer muss zwar zwangsläufig den Hirntod sterben, aber das soll uns nicht weiter interessieren. Schließlich wollen wir hier keinen guten Film drehen. Würden wir das wollen, dann müssten wir Gus van Sants „Elephant“ untersuchen. Tun wir aber nicht.


3. Beim Wichsen ist sich jeder der Nächste

Masturbation ist ein dankbares Thema, kann der Filmemacher hier doch symbolisch Kommunikationskritik betreiben. Sex als Selbstbezüglichkeit, als Selbstgespräch des Körpers. Darauf gehen Sie selbstredend nicht ein. Sie gehen in Ihrem Film einen Schritt weiter. Bei Ihnen masturbiert der Protagonist, während er sich mit der Schlaufe eines Bademantels selbst stranguliert. Weil das aber noch nicht genügt, sieht er sich dabei die Übertragung eines Tennisspiels an. Sie hätten ihn noch einen Kopfstand machen lassen müssen. Dann erst wäre es perfekt gewesen. Der Marquis de Sade hätte seinen Spaß an einer solchen Szene gehabt. Und es wirkt alles so verflucht kunstvoll, so schockierend.
Leider nimmt Ihnen das keiner ab. Warum? Weil Sie inzwischen das Niveau eines seichten Pornos erreicht haben. Sie beherrschen Ihr Material nicht. Sie erliegen den eigenen Bildern. Sie sind dabei, einen wirklich schlechten Film zu drehen. Ich bin stolz auf Sie!


4. Wenn der Vater mit dem Sohne

Inzest ist ein Tabu. An solche heißen Eisen wagt sich natürlich nicht jeder. Und weil Ihnen das nicht reicht, packen Sie Ihren Film randvoll mit sexuellen Angeboten und Übergriffen.
Eine Mutter treibt es mit dem Freund der Tochter, der wiederum beobachtet seine oralen Experimente mit einem aufmerksamen Blick und philosophiert über Gewalt gegen den bösen Ehemann, der zwischen ihm und seinem Objekt der Begierden steht.
Dann haben Sie noch einen ständig besoffenen Vater, der eigentlich schwul ist und sich in seinen eigenen Sohn verliebt hat.
Zum Schluss bekommen wir auch noch den ödipalen Mörder, der, die Zeiten sind halt nicht mehr die besten, seine Großeltern statt der Eltern töten muß. Bei dem ganzen Blut bekommt er natürlich auch noch einen Ständer. Wäre der nicht gekommen, wären wir wirklich von Ihnen enttäuscht gewesen. Sie aber haben es eingebaut. Sie haben was gewagt, und Sie haben auf der ganzen Länge verloren. Spiel, Satz und Niederlage.


5. Insel der Debilen

Sex als Ausstiegsdroge. Wer mit dem Leben nicht zu recht kommt, der sollte es einfach mal so richtig wild mit einer Gruppensexsitzung versuchen. Das hilft der Verdauung, der Figur, wohl aber leider nicht dem Hirn. Weil Sie aber einen missglückten Film über ein paar Heranwachsende drehen, die sich zum Schluss noch mal so richtig verzückt durchs Bild wälzen müssen, setzen Sie alles auf eine Karte. Da wird zugelangt, zugepackt, gerammelt was das Zeug hält. Und weil das noch nicht genug ist, lassen Sie einen der Jungs noch über das Paradies schwafeln. Da gäbe es nur Sex, Sex, Sex. Spätestens an der Stelle haben Sie die letzten Zuschauer eliminiert. Das ist kein Kopfkino. Das ist Kopfschusskino. Ich beglückwünsche Sie. Nicht auszudenken, wenn ein Michael Haneke einen solchen Stoff zum Bearbeiten in die Hände bekommen hätte. Am Ende wäre der Film noch gut geworden.