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19. Juli 2011
Friederike Kapp
für satt.org


  Nader und Simin - Eine Trennung (Asghar Farhadi)
Nader und Simin - Eine Trennung (Asghar Farhadi)
Nader und Simin - Eine Trennung (Asghar Farhadi)
Bildmaterial: Alamode Film
Nader und Simin - Eine Trennung (Asghar Farhadi)
Nader und Simin - Eine Trennung (Asghar Farhadi)
Nader und Simin - Eine Trennung (Asghar Farhadi)


Nader und Simin
Eine Trennung
(Asghar Farhadi)

Iran 2011, Originaltitel: Jodaeiye Nader az Simin, Buch: Asghar Farhadi, Kamera: Mahmoud Kalari, Schnitt: Hayedeh Safiyari, Musik: Sattar Oraki, mit Leila Hatami (Simin), Peyman Moaadi (Nader), Shahab Hosseini (Razieh), Sareh Bayat (Hodjat), Sarina Farhadi (Termeh), Babak Karimi (Richter), Ali-Asghar Shahbazi (Naders Vater), Shirin Yazdanbakhsh (Simins Mutter), Kimia Hosseini (Somayeh), Merila Zarei (Frl. Ghahraei), 123 Min., Kinostart: 14. Juli 2011

Asghar Farhadi zeigt in seinem bärengekrönten Film genau das, was der Titel ankündigt: die Geschichte einer Trennung; die Scheidung nämlich des Ehepaars Nader und Simin. Obgleich ihr Verhältnis zueinander von Fairness und Vertrauen getragen ist, entzweit die beiden eine Kollision unvereinbarer Interessen: Simins Herz hängt daran, »ins Ausland zu reisen« (also auszuwandern), während Nader (Peyman Moadi) seinen zunehmend dementen Vater (Ali-Asghar Shahbazi) nicht alleine lassen möchte. Zwischen den beiden steht die gemeinsame Tochter Termeh (Sarina Farhadi), die sich auf richterliche Befragung zunächst dafür entscheidet, dem Vater die Treue zu halten. Ausgehend von diesem Konflikt, entwickelt Asghar Farhadi anhand einzelner Figuren ein klaustrophobisches Portrait der heutigen iranischen Gesellschaft – als einer Gesellschaft, die an ihren eigenen Regeln erstickt:

Als Simin (Leila Hatami) aus der gemeinsamen Wohnung auszieht, sieht der berufstätige Nader sich gezwungen, eine Haushaltshilfe als Betreuung für den Opa einzustellen. Die kreuzbrave, fleißige Razieh (Sareh Bayat) kommt aus einfachen Verhältnissen. Sie hat das Geld für diesen Job bitter nötig, denn ihr Mann Hodjat (Shahab Hosseini) ist arbeitslos und die Familie ohne Einkommen. Daß sie schwanger ist, verschweigt sie ihrem neuen Chef.

Anders als ihr liberaler Arbeitgeber, ist Razieh eine treue Adeptin der allgegenwärtigen orthodox-islamischen Propaganda. Als der Opa unversehens einnässt, gerät sie in eine moralische Zwickmühle: den Wunsch zu helfen einerseits, die Scheu vor dem verbotenen nackten männlichen Körper andererseits. Darf sie einem inkontinenten Greis die Hose wechseln? Razieh ruft bei der islamistischen Hotline für Alltagsfragen an – es gibt sie wirklich! – und entscheidet sich dann hochherzig und mutig doch für den Hosenwechsel. Das ist so absurd, daß es schon komisch ist. Für die Zuschauer; für die Protagonistin ist es gefährlich. Selbst die etwa fünfjährige Tochter Somayeh (Kimia Hosseini) erfaßt instinktiv die Gefahr, der sich die Mutter in dieser Situation aussetzt, und verspricht, dem Vater nichts zu erzählen.

Als der verwirrte Opa in einem unbeobachteten Augenblick aus der Wohnung entwischt und auf der Straße einen Unfall erleidet, spitzen die Ereignisse sich zu. Razieh erleidet eine Fehlgeburt, Nader kommt in Untersuchungshaft, Hodjat zeigt sich jähzornig und unversöhnlich, die beiden Frauen, Razieh und Simin, suchen gemeinsam nach einer Lösung.

Trotzdem wird keine der Figuren diffamiert; selbst für den aggressiven Hodjat, und seinen ohnmächtigen Zorn bringt der Film Verständnis auf.

Auch die Nebenfiguren bei Justiz und Polizei werden erstaunlich sympathisch gezeichnet, allen voran der Familien- und Scheidungsrichter, der zugleich als Strafrichter fungiert (Babak Karimi). In ihm sehen wir einen hart arbeitenden Mann, der, ausweislich der vielen Wartenden auf den Behördenfluren zeitlich mehr als ausgelastet, auf Schikane seiner Mitbürger keinerlei Wert legt, sondern Ausgleich sucht und ermöglicht, wo Ausgleich möglich scheint.

Vor dem Richter beginnt und endet der Film: In der letzten Szene wird die Scheidung von Nader und Simin vollzogen, und die halbwüchsige Termeh muss sich entscheiden, welches Elternteil künftig das Sorgerecht bekommen soll. Jede mögliche Antwort der Tochter kann das Unglück der Familie nur perfekt machen.

Scheidung und Sorgerecht, Berufstätigkeit und pflegebedürftige Eltern, Arbeitslosigkeit und Existenznöte – Nader und Simin besticht durch die große Genauigkeit, mit der familiäre Grundkonflikte in einer modernen Industrienation beschrieben werden. Die omnipräsente, lebensfeindliche staatliche Überreglementierung gewinnt erst durch ihre Übersetzung in ganz alltägliche Tragödien ihre volle Wucht – und der sehnsüchtige Wunsch nach Auswanderung, nach einem besseren Ort zum Leben seinen tiefen Ernst.

Kamera und Schnitt halten sich im Hintergrund und überlassen die sich steigernde Dynamik ganz der Handlung und ihren Protagonisten. Das großartige Schauspielerensemble verleiht den Figuren durchweg überzeugende, profilierte Persönlichkeiten.