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Sofie Lichtenstein: Bügeln. Protokolle über geschlechtliche Handlungen




26. Oktober 2011
Thomas Vorwerk
für satt.org


  Poliezei (Maïwenn)
Poliezei (Maïwenn)
Bildmaterial: Central Film
Poliezei (Maïwenn)
Poliezei (Maïwenn)
Poliezei (Maïwenn)


Poliezei
(Maïwenn)

Frankreich 2011, Originaltitel: Polisse, Buch: Maïwenn, Emmanuelle Bercot, Kamera: Pierre Aïm, Schnitt: Laure Gardette, Musik: Stephen Warbeck, Production Design: Nicolas de Boiscuillé, Kostüme: Marité Coutard, mit Karin Viard (Nadine), Joeystarr (Fred), Marina Foïs (Iris), Nicolas Duvauchelle (Mathieu), Maïwenn (Melissa), Karole Rocher (Chrys), Emmanuelle Bercot (Sue Ellen), Frédéric Pierrot (Balloo), Arnaud Henriet (Bamako), Naidra Ayadi (Nora), Jérémie Elkaïm (Gabriel), Riccardo Scamarcio (Francesco), Sandrine Kiberlain (Mme de la Faublaise), Wladimir Yordanoff (Beauchard), Laurent Bateau (Hervé), Louis-Do de Lencquesaing (M. de la Faublaise), Anthony Delon (Alex), Louis Dussol (Vincent), Carole Franck (Céline), 127 Min., Kinostart: 27. Oktober 2011

Maïwenn Le Besco, die ältere Schwester von Isild Le Besco, sah im Fernsehen eine Dokumentation über eine Polizeistation, die gezielt auf minderjährige Täter und Opfer zugeschnitten ist - und sie wollte darüber auch einen Film drehen. Doch statt sich des Dokumentarfilms als Mediums zu bedienen, schuf sie einen Spielfilm, der zwar ihre persönliche Recherche bis hin zur Rolle einer Fotografin, die die Polizisten bei der Arbeit beobachtet, spiegelt, und das Drehbuch auch komplett aus »wirklichen« Fällen bestückt, aber trotz einer eher unkonventionellen Erzählart eben die Spielhandlung der Dokumentation vorzieht.

Es geht um ganz unterschiedliche Fälle: Illegale Einwanderer, jugendliche Taschendiebe, sexuelle und andere Misshandlungen - und bei den Polizeibeamten sieht man auch, dass sie diese Abwechslung zu schätzen wissen (»Eine Ausreißerin - die will ich haben - Habe ich noch nie gemacht.«) Mit der von der Regisseurin gespielten Fotografin als Einsteigerin lernt auch der Zuschauer die einzelnen Polizisten langsam kennen - mit ihren Macken, Talenten und Problemen. Doch genau, wie die innerbetrieblichen Abläufe eher zwei herausgerissenen Folgen Hill Street Blues ähneln als einer herkömmlichen Spielfilmdramaturgie, so spiegeln auch die angerissenen, aber fast nie akkurat zu den Akten gelegten Fälle den »wirklichen« Polizeialltag - der eben oft auch sehr frustrierend ist. Diese Frustration überträgt sich teilweise auch auf den Zuschauer - was einerseits in Bezug auf die Heranführung an das Thema meisterlich ist - andererseits aber eben auch frustrierend - und die Zuschauer werden ganz unterschiedlich drauf reagieren, denn längst nicht jeder weiß es zu schätzen, wenn ein Film ihn oder sie auf geniale Art zu frustrieren weiß.

So gibt es beispielsweise einen sehr bedenklichen Misshandlungsfall, der aber offenbar im korrupten Polizeiapparat einfach unter den Teppich gefegt wird - und auch im Film nicht wieder zur Sprache kommt. In 38 von 40 Filmen wäre diese Ungerechtigkeit natürlich der Hauptaufhänger der gesamten Handlung und in 37 von diesen 38 Filmen würde der Täter auf irgendeine Art bestraft werden. Frau Le Besco hingegen bemüht als Anti-Frustrations-Maßnahme zur Besänftigung des Publikums einzig eine nebenbei daherplätschernde Liebesgeschichte (ein fast alleinstehendes Zugeständnis an gängige Publikumserwartungen) und weiß sehr wohl, wie sie ihr Publikum packen kann - mitunter auch auf eine fast widerliche Art wie bei der irgendwie sehr bedenklichen und Diskussionen provozierenden Parallelmontage am Ende des Films.

Polisse ist ein Film, der keinen kalt lässt - sowohl wegen seines Themas ("Ich will ins Internat, weil Papa mich zu lieb hat") als auch wegen seiner Inszenierung und des Drehbuchs. Und wenn Maïwenn diesen Film als Doku umgesetzt hätte, wäre er auf eine Art ganz ähnlich verlaufen, auf andere Art aber auch komplett anders, denn natürlich hätte man eine Dokumentarfilmerin weiträumig um bestimmte Themen herum (Korruption und Gefälligkeiten, Alkohol und Bulimie unter Politessen, Homophobie unter Kollegen, Unbekümmertheit oder Überkompensation beim eigenen Umgang mit kindlicher Sexualität, Spannungen zwischen verschiedenen Revieren) umgeleitet oder abgelenkt, während der Film so, wie er jetzt steht, zwar seine Probleme hat, aber die Autorin / Regisseurin diese Probleme auch ganz allein so konstruiert hat. Und hin und wieder ein paar Schokostreusel politisch unkorrekten Humors hätte man in einem Dokumentarfilm wahrscheinlich auch komplett herausgeschnitten. So ist der Film ein Beispiel für »The Best of Both Worlds« geworden, und somit ein wahrer Volltreffer. Auch, wenn man sich an den deutschen Titel eine ganze Zeit gewöhnen muss.