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10. November 2015
Robert Mattheis
für satt.org
  Markus Metz und Georg Seeßlen: Geld frisst Kunst – Kunst frisst Geld.

Markus Metz und Georg Seeßlen: Geld frisst Kunst – Kunst frisst Geld. Ein Pamphlet. Berlin: Suhrkamp, 2014. 496 Seiten, 20 Euro.
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Die Wunschmaschine aus der Waschmaschine

»Don't follow audioguides,
watch the parking meters.«
Martin C. Schmidt



Für Markus Metz und Georg Seeßlen sind Blödmaschinen eingeschliffene gesellschaftliche Prozesse, in deren Mittelpunkt das massenmediale Environment steht. Jedes System ist potentiell eine Blödmaschine - auch der Kunstbetrieb. In ihrem Pamphlet »Geld frisst Kunst – Kunst frisst Geld« setzen sie ihr kritisches Projekt gegen die »Verblödung« fort.

Der Mensch ist ein Wesen, das gerne Maschinen baut. Druckmaschinen. Kaffeemaschinen. Waschmaschinen. Baumaschinen. Junggesellenmaschinen. Hamletmaschinen.

Aber seit 40 Jahren ist der Mensch auch selbst eine Maschine, oder jedenfalls ist ihm eine eingebaut: eine Wunschmaschine. Gilles Deleuze und Félix Guattari, der literarische Philosoph und der philosophische Psychiater, haben diesen Begriff erfunden. Das Unterbewusstsein als Fabrik. Wie im asiatischen Sweatshop Hemden zusammengenäht werden, werden in den hirninternen Fabriken zwischen Hypothalamus und Amygdala im Sekundentakt Begehren und Sehnsüchte zusammengenäht zu einem Gewand der Träume, so die Pariser Theorie.

Während jedoch diese Idee in meinen Augen immer von einer gewissen poststrukturalistischen Unschärfe blieb, überzeugt der Begriff, mit dem ein deutsches Autorenduo jetzt die Menschheit um eine Maschinengattung bereichert, durch Sinnfälligkeit: Ich rede von der Blödmaschine.

Ich sage gleich vorab: Ich finde den Ansatz der beiden Aufklärer hinreißend. Sie schreiben mit Herz und Hand und Witz und Welthaltigkeit. Ihr Buch »Blödmaschinen« ist eine wahre Fundgrube für Erleichterungsgefühle. Wenn man es aufschlägt, wird man belohnt. Freilich, das ganze dicke Ding hintereinander weg zu lesen, das mag eine arg redundante Erfahrung sein. Was nicht zuletzt daran liegt, dass der postmoderne Alltag in all seiner Vielfalt ja ein ziemlich gleichförmiges Ding ist! Außerdem ist ein solches Buch ja auch nicht dafür gemacht, in einem Rutsch gelesen zu werden. In einem Rutsch lesen – das machen doch nur Ignoranten und Rezensenten!

Für Markus Metz und Georg Seeßlen sind Blödmaschinen eingeschliffene gesellschaftliche Prozesse, in deren Mittelpunkt natürlich die Massenmedien und ihr Drumherum stehen. Jedes System ist potentiell eine Blödmaschine. Da man aber nicht vergessen darf, dass auch das Gehirn nichts anderes ist als ein Medium, kann man, meine ich, den Begriff »Blödmaschine auch auf den Menschen anwenden.

Wir selbst sind eine ebensolche Blödmaschine wie die BILD-Zeitung (weswegen diese ja auch so wunderbar funktioniert). Sich selbst als jemanden zu sehen, der versucht, möglichst erkenntnisfrei durch den Tag zu kommen, ist eine erhellende und vitalisierende Erfahrung. Wie soll man denn sonst auch einen von der Globalisierung in eine Danteske Erfahrung verwandelten Alltag überstehen, ohne auf kurz oder lang den Verstand zu verlieren? Wenn man sich nicht seine tägliche Dosis Verblödung gönnen darf?

Unser Geist geht gebückt.

Was Metz und Seeßlen in ihren gemeinsamen Schriften attackieren, unermüdlich und von allen Seiten, ist diese Tendenz zur Verblödung. Sie zielen auf eine postkantische Selbstentmündigung, eine Entmündigung 2.0. Diese versuchen sie sturmreif zu schießen, ein ebenso erhellendes und unterhaltsames wie aussichtsloses Unterfangen. Die Aktien der Aufklärung stehen schlecht. Der Mensch hat das Internet geschaffen, mit dem er alles Wissen aller Zeiten per Mausklick in Sekundenschnelle auf seinen Bildschirm zaubern kann. Und er benutzt diese Wissensmaschine, um Pornos zu sehen und Blödsinn zu treiben.

Eine Erweiterung dieses Blödmaschinen-Projekts stellt jetzt »Geld frisst Kunst. Kunst frisst Geld« dar. Wieder im Suhrkamp Verlag erschienen, macht das Werk manches richtig, was die »Blödmaschinen« leider noch falsch gemacht hatten. Erstens arbeitet es mit Fußnoten. Was nicht zuletzt die Orientierung erleichtert. Zweitens ist es ein Pamphlet, es verzichtet auf alle Wissenschaftsmimikry (der Wissenschaftsbetrieb ist ja auch nur eine Blödmaschine, Leute). Und statt serienmäßig eingebautem Hochdiskurs-Anspruch gibt es Illustrationen, eine Bilderspur von Ute Richter – was sich ja auch so gehört bei einem Text, der um Kunst kreist.

Der Kunstbetrieb ist also auch eine Blödmaschine. Für den skeptischen Zeitgenossen mag das keine Überraschung sein. Unterhaltsam ist die Lektüre allemal. Und wahr ist ja auch: Wann haben Sie zum letzten Mal jemanden sagen hören: »Die Kunst? Pah! Ich glaube nicht an die Kunst!«? Die Kunst ist uns etwas Heiliges, obwohl sie sich nicht nur durch die horrenden Preise für Picassos und Damien Hirsts und van Goghs längst in eine absurdes Theater verwandelt hat. Man steht ja wirklich in jeder Kunstausstellung betreten herum, weil man nicht weiß, ob man die schiere Scharlatanerie genießen oder einen Kloß im Hals haben soll vor so viel Tiefsinnigkeit. Bedeutung oder Beschiss. Kein Mensch kann die beiden Seiten der Medaille voneinander ablösen! Eine ganze Stadt, Berlin, beruht auf diesem janusköpfigen Prinzip. Wenn wir die Kiste öffnen – ist die Katze dann tot, oder springt sie uns ins Gesicht?

Von einem Zombie kann ja auch keiner mehr sagen, ob er eine Leiche im Ausnahmezustand ist oder nur ein besonders zuwendungsbedürftiger Zeitgenosse.

Umso wichtiger ist es für den Zusammenhalt der Kunstwelt, dass von außen idiotische Preise aufgerufen werden. Das Zeug muss teuer sein! Wenn es schon keine Kunst ist, ist es wenigstens Luxus!

Kommen wir nun zur Probe aufs Exempel. Denn wenn eine Kunst keinen Wert hat, die sich mit der Welt nicht messen kann – was soll man dann erst über ein Buch über Kunst sagen, das vor der Wirklichkeit versagt? Ich musste das Pamphlet von Markus Metz und Georg Seeßlen vor Ort, in der Anwendung am Real-Fall, erproben.

Deshalb verbrachten wir die letzten Tage in der Nähe von Málaga, das die Geburtsstadt von Pablo Ruiz Picasso ist. Natürlich besuchten wir als Erstes das »Museo Picasso«. Eine wunderbare Gelegenheit, die Blödmaschine Kunstbetrieb in actu zu bewundern! (Das Buch hatte ich selbstverständlich dabei.)

Von Audioguides hypnotisiert, werden die Touristenscharen rund um die Uhr an zweitrangigen Exponaten des größten Künstlers des 20. Jahrhunderts (kommen Sie!) vorbeigeschleust. Man kann, beim besten Willen, nicht länger als 3,4 Sekunden vor jedem Werk verweilen. Geht nicht. Hält man gar nicht aus. Es ist ein Erlebnis wie Astronautennahrung. Hinterher kann man sich schlauer fühlen, aber man ist wahrscheinlich eher dümmer. Satt ist man nicht, und doch möchte man kotzen.

Erstaunlicherweise fiel uns keiner auf, der ein Selfie von sich machte, im Hintergrund eine protokubistische Frauenzeichnung, mit so einem Selfiestick, mit dem er immerzu auf sich zeigen kann statt auf die Welt.

In einem Raum erzählte ein Fotograf in Endlosschleife von seinen Begegnungen mit Picasso. Mein Sohn saß auch hier gebannt vor dem Bildschirm, wie bei »Sam der Feuerwehrmann«.

Im »gift shop« dann die überteuerten Biographien, Studien, Erinnerungsbände. Hier gab's dann auch die wichtigen, Epoche machenden Picasso-Werke. Leider nur zum Durchblättern, nicht zum Hindurchlatschen.

Es war alles so wie in »Geld frisst Kunst, Kunst frisst Geld«. Weshalb ich am Abend, auf unserer Terrasse in Torrox Costa, reichlich deprimiert war, trotz malerischen Sonnenuntergangs. So unterhaltsam Polemik ist, solange man sich sagen kann, es sei eine Übertreibung, so niederschmetternd ist sie, wenn man feststellt: Stimmt ja alles!

So blätterte ich durch mein Pamphlet im grünen Einband, einen schalen Geschmack im Mund. Exit through the gift shop, baby. Vielleicht ist auch alles nur ein Giga-Meta-Scherz von Banksy?

Picasso selbst sagte, Málaga sei ein Dorf, bitterste Provinz, bah! Mit 19 haute er ab von dort, und er kehrte kein einziges Mal zurück.

Was lernen wir daraus? Hört auf die Künstler! Und lest Metz und Seeßlen!