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September 2006 Dorothea Kenneweg
für satt.org

Matthias Zschokke: Maurice mit Huhn
Ammann Verlag 2006

Cover

240 S., 18,90 €
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Matthias Zschokke:
Maurice mit Huhn

Der Literaturhausleiter sagt, das Buch sei eines der besten, das er seit Jahren gelesen habe. (Der verlegene Autor starrt auf seine vor ihm auf dem Tisch liegenden Hände. Daraufhin blickt die mit ihm leidende Zuhörerin aus dem Fenster auf den gegenüberliegenden Balkon, auf dem eine Frau die Grünpflanzen gießt. Immerhin ist der Autor so, wie sie ihn sich vorgestellt hat. Er liebt die Veranstaltung namens Autorenlesung nicht. Auf einem Podium zu sitzen verursacht ihm Unbehagen, dabei war er doch sogar einmal Schauspieler.)

Es ist das beste Buch des Jahres, aber trotzdem steht es nicht auf der Spiegel-Bestsellerliste. Das liegt daran, daß Matthias Zschokke nicht zu denen gehört, die „Geschichten erfinden mit Hand und Fuß, Anfang und Ende, Aktionen und Reaktionen, Ursachen und Wirkungen, Leichen, Polizisten, Intrigen, Liebe, Leidenschaft, Schicksal, Tod.“ Vielmehr ist „Maurice mit Huhn“ un livre sur rien (Flaubert), ein Buch, in dem es um nichts geht, in dem der Roman um sich selbst kreist und sich auf seiner eigenen Metaebene abspielt. Das Buch ist dabei keineswegs dröge oder papierene Theorie, sondern voller Leben – es gibt auch eine wunderbare erotische „Stelle“. Außerdem könnte man „Maurice mit Huhn“ unter dem Label Berlin-Roman in den Buchhandlungen auslegen, da es ja ausdrücklich in Charlottenburg und am Nettelbeckplatz im Wedding spielt.

„Maurice mit Huhn“ ist der Versuch einen Roman zu schreiben, ohne sich an die Regeln zu halten: Also ohne Erzählperspektive und ohne Handlung und dergleichen. Oder vielmehr tut Matthias Zschokke so, als hielte er sich an die Regeln. Er erfindet einen Protagonisten, Maurice, nur um dann wieder in die Ich-Erzählhaltung zurückzufallen und sich nicht darum zu kümmern, ob es nun Maurice ist, der im Nordosten der Stadt an seinem Tisch sitzt oder der Erzähler selbst. Gegen Ende des Buches stößt man auf ein Kapitel, in dem alle über Maurice gesammelten Informationen wieder über den Haufen geworfen werden. Anstatt um eine alte Mutter kümmert sich Maurice nun um einen alten gebrechlichen Vater und hat einen Sohn, anstatt weiterhin, wie vorher angenommen, kinderlos zu bleiben. „Was für ein Durcheinander. Wer hat hier dazwischen gesprochen? Maurice‘ Freund? Ein Jugendfreund? Ein weiterer Maurice?“

Ein Roman ohne Handlung, wer soll das lesen? Das klingt anstrengend. Da steigt doch jeder aus, klappt das Buch nach wenigen Seiten zu und legt es ermüdet zur Seite. Deshalb wird das Motiv des Cellospielers oder der Cellospielerin eingeführt, deren oder dessen Identität Maurice aufzuspüren sich bemüht. Es ist der berühmte Angelhaken, der vom Autor ausgeworfen wird, damit der Leser brav folgt und bis zur letzten Seite bei der Stange bleibt. Matthias Zschokke scheint aber diesen gängigen Methoden zur Herstellung von Spannung zu mißtrauen und legt die Mechanismen seines Romans offen. Der Leser soll nachher nicht behaupten können, er habe von nichts gewußt, er sei um die Handlung geprellt worden. Am Ende gibt es nämlich sowohl einen Cellospieler als auch eine Cellospielerin, an deren Existenz man aber seine berechtigten Zweifel hegen darf, zumal sie sich auch noch in einen Klavierspieler verwandeln.

Wenn man nicht, Handlung erwartend, das Buch entnervt weggelegt hat, findet man eine Aneinanderreihung von Miniaturen, Briefe an einen Freund namens Hamid, Kindheitserinnerungen, assoziative Betrachtungen anhand willkürlich aufgeschlagener Dudeneinträge, Robert-Walser-hafte Prosastückli, die am Faden des Cellospielermotivs in eine schöne Perlenkettenreihe gebracht werden. Verschiedene Motive werden „nach schönster Rondomanier“ wieder aufgenommen. Der Cellospieler als alter ego des Autors ist nicht umsonst ein Musiker: Von der Musik erwartet schließlich auch niemand, daß es darin um etwas anders als Musik gehen soll.