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20. November 2012 | stefan heuer für satt.org |
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ich erzählte dir von den gästen in der lounge, die fiebernd warteten – Crauss und die juicy transversions seiner LakritzvergiftungEnde 2011, also vor gut einem Jahr, nahm ich die Lakritzvergiftung von Crauss zum ersten Mal in die Hand. Seitdem vergeht keine Woche, in der ich nicht einige der darin enthaltenen Gedichte nachläse. Die Zeiten, in denen mich die Befindlichkeiten des Literaturbetriebs irritiert haben, in denen ich in Kategorien wie Logik oder Erfolg dank Qualität gedacht habe, sind lange vorbei. Dennoch bin ich hin und wieder überrascht über die Ignoranz, mit der manchen Werken begegnet wird. Die Lakritzvergiftung von Crauss wollte ich ursprünglich „einfach nur lesen“, nichts dazu schreiben, und lehnte so eine Rezension zunächst ab; nach vielen Lyrik-Besprechungen wollte ich Crauss’ Buch nur genießen. Schon nach den ersten Gedichten war ich mir sicher, dass genügend andere darüber schreiben würden, dass es nicht an Rezensionen und Querverweisen mangeln, kurz: dass Lakritzvergiftung die verdiente Aufmerksamkeit finden würde. Dass ich mich nun dazu entschlossen habe, doch einige Zeilen zu schreiben, liegt daran, dass bis heute lediglich eine einzige Besprechung zu diesem Buch erschienen ist – von Hellmuth Opitz bei Fixpoetry –, und dass ich mit einigem in dieser Besprechung nicht einverstanden bin, nicht sein kann, denn Opitz hat Feinheiten in den Gedichten herausgearbeitet und isoliert, verkennt jedoch das große Ganze. Dass er letztendlich zu einem überwiegend positiven Urteil kommt, spricht für die Texte. Der wohl ärgerlichste (und nur auf diesen möchte ich ausführlich eingehen, weil er mich tatsächlich geschockt hat) bezieht sich auf den Umstand, dass der Band nicht nur die Gedichte von Crauss in deutscher Sprache, sondern auch Übertragungen einiger von ihnen in insgesamt zehn andere Sprachen enthält. Manche Gedichte werden nicht übersetzt, andere hingegen zwei- oder dreifach. Opitz zieht daraus den Schluss der Inkonsequenz und geißelt die Übersetzung in Sprachen wie Moselfränkisch oder Georgisch als „überambitionierte Polyphonie“ ohne Erkenntniswert. Er moniert eine „prätentiöse Mehrsprachigkeit, die nicht erhellend wirkt, sondern nur dem Pump up the volume-Prinzip zu dienen scheint“. Wer sich nur ein wenig mit dem Werk von Crauss auskennt, weiß, dass man ihm eines sicher nicht vorwerfen kann, und das ist Beliebigkeit. Es gibt wohl nur wenige Autoren, die sich so skrupulös mit dem eigenen Output beschäftigen wie er. Nicht umsonst existieren von zahllosen seiner Texte eigene Alternativ-Versionen und Remixe, verändert er, manchmal noch nach Jahren, einige Worte, auch ganze Passagen. Es ist höchst unwahrscheinlich, dass sich in seinen Gedichten auch nur ein Wort befindet, das nicht mehrfach geprüft und auf seine Berechtigung im Text hin befragt wurde. Wer das weiß, kann nicht ernstlich annehmen, dass die Auswahl der Übersetzungen ohne Konzept ausgeführt oder gar zum Seitenschinden genutzt wurde, wie Opitz böse behauptet (wenn dem so wäre, hätte Crauss ja auch alle Gedichte in sämtliche Sprachen übersetzen und auf diese Weise den Seitenumfang problemlos vervielfachen können...). Es wird einen Grund haben, warum ein Gedicht ins Englische und eben nicht ins Französische übertragen wurde – Erinnerungen, Verbindungen zu dem jeweiligen Übersetzer, phonetischer Schönklang, oder die pure Lust, ein Gedicht in eben jener Sprache verewigt zu sehen. Opitz tut so, als sei ein Autor seiner Leserschaft oder ihm als Kritiker eine Erklärung schuldig, und das sehe ich anders. Dass Opitz in seiner Kritik besonders auf die Phallusgedichte zeigt und sie als „vitale Kraftgebärde“ abtut – geschenkt. Wer Gedichte (aber auch die Prosa) von Crauss liest, der weiß, worauf er sich einlässt – weiß es zumindest hinterher. Lakritzvergiftung – juicy transversions making your dick ache, wie der Titel vollständig lautet, ist, genau wie sein Vorgänger Motorradheld, ein sexuelles Buch, durchsetzt mit homoerotischen Phantasien und Szenen, offenstehenden Hosen, unter Brücken oder an Stränden ausgetauschten Körperflüssigkeiten. Crauss’ Gedichte leben in Gefühlslandschaften, in Stimmungen, sind sehr persönlich, lesen sich sehr intim – selbst flüchtige Begegnungen wirken zärtlicher als alles, was im ZDF auf der Romantik-Schiene zu sehen ist. Crauss lässt den Leser dicht an sich heran, seine Worte kommen nicht als dickflüssiger, wetterfester Lack, sondern als Lasur daher, die deutlich mehr zeigt als sie verbirgt. WAITING FOR THE HURRICANE Trotz ständigen Nachschubs und unablässig wachsender Bücherberge in meinem Arbeitszimmer, habe ich (wie wohl jeder, der viel und gerne liest) einige Bücher bereits mehrmals gelesen und werde sie auch noch öfter zur Hand nehmen, manche zyklisch immer und immer wieder; aber dass ein Buch bei mir so abgewichst aussieht wie die Lakritzvergiftung, das ist selten. Letzte Woche kam ein Freund vorbei, betrachtete die Lesespuren (angegrabbelter Schnitt, Eselsohren, ein nahezu auf das Doppelte des ursprünglichen Umfangs angewachsenes Volumen, als Lesezeichen verwendete Klebezettel) und meinte, ich bräuchte das Buch wohl mal in neu. Aber nein, lieber Freund, ganz im Gegenteil: Genau so muss ein Buch aussehen!
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