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6. Februar 2013
stefan heuer
für satt.org
  Jürgen Nendza, Apfel und Amsel. Gedichte
Jürgen Nendza, Apfel und Amsel. Gedichte. 72 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag. poetenladen verlag, Leipzig 2012. 16,80 Euro.
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Bei uns zu Hause wird viel gelesen. Meine Frau liest Sachbücher und historische Romane, mein Sohn favorisiert Asterix- und Garfield-Bände sowie diverse Star Wars-Enzyklopädien. Ich meinerseits steuere neben Kunstbänden und Dick Francis-Krimis vor allem Gedichtbände bei. Da wir viel lesen, bleibt entsprechend wenig Zeit fürs Aufräumen übrig, was zur Folge hat, dass überall Bücher herumliegen: auf dem Bett, auf den Sofas, in der Küche, auf allen Treppen und Fußböden und neben den Toiletten. Das wiederum führt dazu, dass Novitäten nicht lange verborgen bleiben und jedes Familienmitglied stets informiert ist, was die anderen gerade literarisch konsumieren. Das sorgt für ständigen Gedankenaustausch, so wie vorgestern, als ich mit dem neuen Gedichtband von Jürgen Nendza in der Wanne lag, während meine Frau sich um ihre Fingernägel kümmerte. Da ich den Schutzumschlag entfernt hatte, um ihn vor einem Wasserschaden zu bewahren, erkundigte sie sich nach dem Titel. „Apfel und Amsel“, sagte ich. „Und worum geht’s?“ fragte sie. „Um Äpfel und Amseln“, sagte ich, „aber das wäre natürlich nur die halbe Wahrheit. Das Buch ist unterteilt in vier Kapitel, wobei das zweite...“ „Keine Vorträge!“ ermahnte mich meine Frau und machte Anstalten, das Badezimmer zu verlassen. „Bitte kurz und knapp!“

So sehr ich mich auch über familiäres Interesse an meiner Lektüre freue – gerade bei Gedichtbänden fällt es mir für gewöhnlich schwer, sie in wenigen Worten zusammenzufassen. In der Tat wimmelt es in Nendzas neuem Buch von Amseln, und auch Äpfel tauchen auf, fast wie in unserem winterlichen Garten, und doch handelt es weder von ornithologischen Feinheiten noch von der jährlichen Obsternte. Wollte ich dem Wunsch meiner Frau nachkommen und Apfel und Amsel so kurz wie möglich resümieren, in wenigen Wörtern, in einem Wort gar, dann wäre dies Wort: Zeit.

An dieser Stelle könnte man einwenden, dass die Zeit in Gedichten bereits zur Genüge abgehandelt worden sei, ebenso wie der Krieg, die Liebe, Gott oder der Tod. Stimmt alles, aber wie heißt es so schön: Wenn zwei das Gleiche tun, ist es noch lange nicht dasselbe!

Jeder passionierte Lyrikleser wird schon mit Gedichten konfrontiert gewesen sein, in denen vergammelndes Obst Vergänglichkeit symbolisierte, ähnlich den welken Blumensträußen in der Stillebenmalerei. Viele Lyriker, die sich des Themas Zeit annehmen, rücken ausschließlich den schrumpeligen Apfel, die Vergänglichkeit, in den Vordergrund. Im Gegensatz dazu zeichnet Nendzas Anverwandlung des Themas Vielseitigkeit und Vielzeitigkeit aus. Auch er setzt Früchte und Tiere metaphorisch ein, hat dabei aber stets das große Ganze im Blick. Die eine Amsel, der eine Apfel, schön und gut, doch Nendza geht es darum, Generationen darzustellen, Fortpflanzung und Ursprung, und das, was später einmal, in der Zukunft, aus den Knochen und Kernen der derzeitigen Generation erwachsen wird. Dieser zeitlich ausgreifenden phylogenetischen Perspektive entsprechend, begnügt sich Nendza nicht mit einem synchronen Schnitt und verweilt allein beim reifen Apfel, sondern er geht weit zurück, bis in die Zeit, als der Apfelbaum noch nicht da war, wie auch andererseits sein Interesse nicht mit dem Bild der ringeligen Schale auf dem Kompost erschöpft ist. Immer einen Gedanken zurück und einen Schritt voraus – so ist die Lyrik von Jürgen Nendza.

Oft versteckt sich in seinen Gedichten ein ganzes, vielleicht sein eigenes Leben:

WIR TREFFEN UNS im Apfel, erzählen uns
in seinem Haus, wo kleine Amseln reifen

und erwarten einen Baum, der sich mit der Erde
dreht, die wir aufsagen und trinken,

weil wir durstig sind: Ein ganzes Meer,
das in uns schweigt, wie das Fruchtfleisch

schweigt im Apfel, wie das Schweigen in der Stille
schweigt und anfragt und mit dem Jawort

in sich trägt sein Weiß wie eine Braut. Wir sind es,
die einkaufen im Zentrum. Nach dem Frühstück

ist das Fenster ein Regal. Wir stehen auf. Wir
räumen ein. Wir sind es. Sind es nicht.

Zum Schluss ein Beispiel für die eindrücklichen Landschaftsgedichte in Apfel und Amsel. Im Kapitel „Bulten und Schlenken“ durchwandert Nendza (tatsächlich und in Gedanken) das Hohe Venn, ein Hochmoor im deutsch-belgischen Grenzgebiet – ein Zufall und eine besondere Freude für mich, denn viele der von ihm festgehaltenen Wege und Anblicke kenne ich selbst: die Wanderwege rund um Xhoffraix, die teilweise überraschend steilen Serpentinen, das Wild, das ebenso plötzlich auftaucht wie es verschwindet, die dumpfen Geräusche vom nahegelegenen Steinbruch. Nendza braucht nicht viel, um dies alles für mich wieder sichtbar werden zu lassen.

EINSPRENGLINGE. Wir stehen
im Steinstrom. Weißadrig
das Kalben der Quarzite.

Eine Wimper fällt auf deine Wange.

Dein freigeasteter Blick.
Im aufgefalteten Meer
leuchtet ein Reh.