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Dezember 2006
Christina Mohr
für satt.org

Greatest Hits

Es gibt einige untrügliche Anzeichen dafür, dass Weihnachten vor der Tür steht: die Mauer aus Lebkuchenschachteln im Supermarkteingang, die es zu durchbrechen gilt, oder Werbeplakate mit Heidi Klum im Pelzbikini. Oder – verläßlichste Vorboten: Greatest-Hits-Compilations, die von den Labels wie zufällig ab Oktober oder November auf den Markt geworfen werden. Hier eine kleine Auswahl aus der Fülle von „Ultimate-“, „Defintive-“ oder ähnlich betitelten Alben:


The Best of
Depeche Mode:
Volume 1

(Mute/EMI)

The Best of Depeche Mode, Volume 1
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Depeche Mode
Kürzlich bei den MTV European Music Awards wurden Depeche Mode zur besten Band gewählt – ein Anachronismus? Nein, keineswegs. Nur wenigen Bands, die in den achtziger Jahren ihre Karriere begannen, ist es gelungen, in Würde erwachsen zu werden und sich ständig weiterzuentwickeln, ohne dabei ihre Anfangszeit zu verleugnen. Depeche Mode wurden mit ihren Fans erster Stunde zusammen alt und groß, sind der „die Jugend von heute“ nicht peinlich und irgendwie mag man Depeche Mode – trotz ähnlich langer Laufbahn und weltweiter Fandichte – nicht in eine Reihe mit U2 stellen. Depeche Mode fielen nie durch unnötiges Gutmenschentum auf, pflegten lieber ihre Neurosen und Drogensüchte, was einer Popband aber auf Dauer mehr Credibility verleiht als politische Wahnideen. Depeche Mode flirteten kurz nach ihrer von Moog-Synthesizern untermalten Teeniebopperzeit mit Industrialklängen und S/M-Fashion, was der Band im Rückblick fast radikale Züge verleiht. Bitte nochmal erinnern: Ketten, Leder und explizites Vokabular zum Beispiel bei „Master and Servant“, einem Smashhit aus dem Jahre 1984, das Video lief zwischen den kindgerechten Nena- und Nik Kershaw-Filmchen bei Formel Eins. Trotzdem blieben Depeche Mode stets massenkompatibel und sind bis zum heutigen Tag auf höchste Chartplatzierungen und ausverkaufte Hallen abonniert. Dave Gahans Stimme setzt dem DeMo-Sound den unverwechselbaren Stempel auf – ob bei „Personal Jesus“ zum ersten Mal in der Bandgeschichte die Gitarre Einzug hält, oder mit „Suffer Well“ eine ganz eigene Interpretation von Techno versucht wird. Aus all' diesen Gründen und noch einigen mehr ist der Titel „Beste Band“ verdient und nachvollziehbar.
Die jetzt von Depeche Modes Hauslabel Mute veröffentlichte Best-of-Compilation (die wohlweislich als „Volume 1“ nummeriert wurde) ist im Shuffle-Modus scheinbar ungeordnet zusammengestellt: 17 ausgewählte Singlehits der Band erscheinen nicht in chronologischer Reihenfolge, der Reigen wird mit „Personal Jesus“ von 1993 eröffnet, die erste Single „New Life“ von 1981 erklingt als vorletztes Stück. Mal abgesehen von dem beeindruckenden Potpourri großartiger Elektropopsongs, deren Bandbreite sich von fröhlichen Gassenhauern wie „Just Can't Get Enough“ (noch mit Gründungsmitglied Vince Clarke) über DeMos Industrialphase („People are People“), die düsteren Drogenzeiten von „I Feel You“ und unsterbliche Stadionhits wie „Everything Counts“ und „Never Let Me Down Again“ erstreckt, stellt sich dennoch die Frage nach Sinn und Nutzen dieser Zusammenstellung, die mit keinerlei Sperenzien und Extras außer einem einzigen neuen Song („Martyr“) aufwartet. Denn: Hardcorefans besitzen jeden von DeMo jemals auf CD oder Vinyl hinterlassenen Ton in mehrfacher Ausführung, ebenso die sprichwörtlich gewordene Japanpressung und brauchen daher dieses Album nicht. Weniger engagierte Menschen haben 80er-Jahre-CD-Boxen zu Hause, auf denen auch Depeche-Mode-Hits drauf sind. Ich denke, diese Platte wurde für Leute erdacht, die wegen Familiengründung oder anderer Katastrophen (Wohnung ausgebrannt) ihre Plattensammlung verloren haben oder aufgeben mußten. Aber ohne ein paar Depeche-Mode-Songs im Haus kann niemand leben, deswegen ist dieses Best-of-Album als Notration oder Grundausstattung durchaus vertretbar.


Oasis:
Stop the Clocks

(SonyBMG)

Oasis: Stop the Clocks
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Oasis
Wären die Gallagher-Brüder Liam und Noel nicht unverständlich nuschelnde Manchesterboys, hätten sie auf Grund ihrer angeborenen Großkotzigkeit ein ideales Rappergespann abgegeben. Doch nach Roadiejobs für die Inspiral Carpets in den frühen neunziger Jahren beschloss Noel, der ältere Gallagher, eine Band zu gründen, die sich an seinen Lieblingsbands Beatles, Sex Pistols, den Kinks und The Who orientieren sollte. Erste Bedingung: niemand ausser ihm darf die Songs schreiben. Bruder Liam sang, die Schulkumpels Paul "Bonehead" Arthurs, Paul McGuigan und Tony McCaroll wurden an die Instrumente verteilt. Nach den Anfangszeiten unter dem Namen Rain benannte sich die hoffnungsvolle Gruppe in Oasis um – was daraus folgte, ist Britpophistory. Die erste Single „Supersonic“ erschien 1994, der Longplayer „Definitely Maybe“ wurde im selben Jahr veröffentlicht und ist bis heute das meistverkaufte Debutalbum aller Zeiten. „What's the Story, Morning Glory“ von 1995 strotzte vor Hits und Selbstbewußtsein, der Erfolg von Oasis war nicht aufzuhalten. Ebenso legendär wie ihre Platten ist das öffentliche Auftreten der Gallagher-Brüder: Schlägereien, selbstherrliche Interviews, Alkohol, Eheprobleme – das volle Programm. Ihr letztes Album „Don't Believe the Truth“ von 2005 verursachte allerdings nicht mehr einen solchen Wirbel wie die Vorgängerplatten. Oasis konnten ihren Ruf als genreprägende Gitarrenband mit genialen (geklauten?) Momenten festigen, aber die wilden Jahre scheinen vorbei.
Noel G. tönte noch vor gar nicht allzu langer Zeit, dass er Oasis eher auflösen würde, bevor er ein Greatest-Hits-Album zuließe. Da Oasis aber auch ihr Stück vom Christmas-Gingerbread haben wollen, kam man auf die geschickte Idee, das Album „Stop the Clocks“ zu nennen – Problem gelöst! (Dass deutsche Innenstädte mit „Oasis – Greatest Hits. Out now“-Plakaten tapeziert sind, bekommen sie vielleicht nicht mit). Um den Grundgedanken des Best-of-Albums noch mehr zu verschleiern, verteilte man 18 Songs auf zwei CDs (wirkt wertiger) und sparte ein paar Stücke aus, die man auf einer solchen Compilation erwarten würde: es fehlen Songs von „Be Here Now“, der LP von 1997, die immerhin den Hit „Stand by Me“ enthielt. Dafür sind die wichtigsten Stadionschunkler der Band drauf, zum Beispiel „Wonderwall“, „Rock'n'Roll Star“, „Go Let It Out“, „Champagne Supernova“ und „Live Forever“. Mit aufgenommen wurde auch „Acquiesce“, eine B-Seite, und das von Noel gesungene, oder besser: intonierte „Talk Tonight“. Wer Oasis für Beatles-Kopisten oder schlichtweg Scharlatane hält, wird durch „Stop the Clocks“ keinen anderen Eindruck gewinnen. Aber auch ich muß – ungern – zugeben, dass „Don't Look Back in Anger“ mir immer wieder Tränen der Rührung und Begeisterung in die Augen treibt.


Go - The Very
Best of Moby

(Mute/EMI)

Go - The Very Best of Moby
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Go - The Very Best Of Moby
Kürzlich kaufte ich eine Flasche „Teany“, einen lecker aussehenden und ebenso schmeckenden Softdrink. Das Männchen auf der Banderole kam mir bekannt vor: war das nicht der Little Idiot aus Mobys Video „Why Does my Heart Feel So Bad“? Richtig, „Teany“ ist die von Moby und seiner Liebsten zusammengerührte Limo, politisch und ernährungsphysiologisch vollkommen korrekt. Moby ist ein Künstler, der mit seiner explizit alternativ-veganen Lebenshaltung bei weniger engagierten Menschen, die gerne rauchen und Bier trinken häufig Brechreiz auslöst. Zu nett, zu freundlich ist der Typ, zu glatt und erfolgreich inzwischen seine Musik. Aber so leicht das Lästern über Moby auch fällt, man verkennt dabei leicht die Tatsache, dass der niedliche Nerd wirklich große Tracks produziert hat – seine hypnotisierende Bearbeitung der Twin-Peaks-Titelmusik von Angelo Badalamenti, „Go!“ von 1991 zum Beispiel, sein James-Bond-Theme oder den hysterischen Post-Acid-Hit „Feeling so real“.
Moby kann auf eine mittlerweile 15jährige erfolgreiche Karriere zurückblicken, noch dazu ist er in diesem Jahr 40 geworden – Anlässe genug, um eine Best-of-Compilation zu rechtfertigen, auf der sich auch ein ganz neues Stück befindet: das etwas uninspiriert klingende, aber durch die Stimme von Gastsängerin Debbie Harry geadelte „New York, New York“.



Moby: New York, New York
YouTube direkt

Es ist ein bisschen schade, dass auf der europäischen Best-of-Ausgabe der Schwerpunkt auf die gefälligen Superhits gelegt wurde – Tracks wie „Body Rock“ (1999) und „That's When I Reach For My Revolver“ (1996) gibt es (in neuen Remixen) nur auf der US-amerikanischen 2-CD-Version. Diese Tracks zeigen nämliche einen anderen Moby, nämlich den, der Ende der achtziger Jahre der Hardcoreband The Vatican Commandos angehörte und der diese prägende Zeit – trotz der später für sich entdeckten softeren Elektrospielarten – nie vergessen hat. Live bekommt man einen Eindruck der wilden Moby-Jahre, wenn er derwischartig über die Bühne tobt und die Lautstärkeregler bis zum Anschlag hochziehen läßt, bis einem schier die Ohren abfallen. Und Moby liebt das Experimentieren: als er 1999 das Album „Play“ veröffentlicht, will das zunächst niemand hören. Zu weird klingen die Gospel- und Bluessamples aus den dreißiger Jahren in Synthietracks wie „Find my Baby“ und dem zum Evergreen gewordenen „Why Does My Heart Feel So Bad?“. Erst durch den Einsatz als Werbeuntermalung und Filmmusik entwickelte sich „Play“ langsam aber sicher zum Dauerbrenner und ist bis heute Mobys erfolgreichster Longplayer. Auch wenn man es neueren Hits wie „We're All Made of Stars“ und „Lift me Up“ nicht unbedingt anhört: Moby polarisiert. Und wenn es durch Nettsein ist: Darf ich Ihnen eine Limonade anbieten?


Prince:
Ultimate

(Warner)


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Prince
Der Höhepunkt sollte am Schluß kommen – und wer verschafft Höhepunkte jeglicher Art besser als Prince Rogers Nelson aus Minneapolis, kurz Prince? Prince ist der einzige aus der Megastar-Riege (Madonna, Michael Jackson, Elvis), der zu jedem Zeitpunkt für jeden Ton auf seinen Platten selbst verantwortlich war – der einzige „echte“ Musiker der Eighties-Superstars. Der 1958 als Sohn des Jazzmusikers John Nelson geborene Prince bekam bereits als 19jähriger einen 100.000-Dollar-Vertrag von Warner Brothers angeboten, totale künstlerische Freiheit inklusive. Die erste Platte, schlicht „Prince“ betitelt, ist zwar noch kein kommerzieller Erfolg, aber der typische Prince-Sound ist schon klar erkennbar: erhitzter Streetfunk, der mit eingängigen Pop-Melodien verschmilzt, dazu die erotisierenden Vocals des Meisters. Spätere Hits wie „1999“, „Purple Rain“ oder „Alphabet Street“ sind funky Klassiker, die bis heute tanzbar und zeitlos klingen. Prince definiert Funk als Sexmusic, Sex tropft aus jeder Zeile, jedem Akkord und natürlich seiner Stimme. Sex geht zu Prince' Platten genauso gut wie Tanzen, bei Musik von Prince wird klar, wie nah diese Aktivitäten beisammen liegen (sollten …). Explizite Lyrics wie bei „Little Red Corvette“ unterstreichen sein Ansinnen deutlich.
Der endgültige Aufstieg in den Popstarolymp gelingt Prince 1985 mit dem Film „Purple Rain“, in dem er mitwirkt und die Filmmusik komponiert, für die er einen Oscar erhält. Viele andere Künstler profitieren von seinem kreativen Output: Sinéad O'Connor singt das von ihm komponierte „Nothing Compares to You“ und versetzt 1988 die gesamte MTV-Gemeinde in einen kollektiven Weinkrampf. Gitarristin Wendy Melvoin und Keyboarderin Lisa Coleman, die 1985 Princes Band The Revolution angehörten, veröffentlichen als Duo Wendy & Lisa mehrere Platten, ihr größter Hit hieß „Waterfall“. Die geniale Schlagzeugerin Sheila E. prägte viele Jahre den Prince-Sound mit ihrem peitschenknall-uhrwerkpräzisen Spiel. Hier fielen bisher nur weibliche Namen - klar, Prince ist ein Lady's Man, auch wenn er wegen seiner winzigen Körpergröße von 1,57 m stets in Highheels auftrat und auch sonst extravagante Outfits bevorzugte. (Gossip: Das Tragen hochhackiger Schuhe ging nicht spurlos an ihm vorbei: im vergangenen Jahr mußte er sich an der Hüfte operieren lassen.) Seine Karriere ist keineswegs nur von anhaltendem Erfolg geprägt: die LP „Lovesexy“ schafft es nicht in die Top Ten, das „Black Album“, ebenfalls von 1986, wird von Warner wegen zu expliziter Texte gar nicht erst veröffentlicht. Damit beginnen die ewigen Streitereien zwischen Prince und dem Label, das zuerst so viel für ihn möglich machte. Prince will irgendwann nicht mehr Prince heißen, sondern malt ein namenloses Symbol auf seine Plattenhüllen – und „Symbol“ nennt man ihn daraufhin. „TAFKAP“, „The Artist Former Known As Prince“ erfindet später ein Journalist, aber TAFKAP ist kein Name für einen Star. Viele Jahre und Gerichtsprozesse später ist Prince wieder Prince, 2006 erscheint sein aktuelles Album „3121“ - bei Universal.
Unvergänglich aber sind – egal unter welchem Namen auf welchem Label erschienen – seine Songs, angefangen bei „I Wanna Be Your Lover“ von 1979 über „Controversy“, „Delirious“ von 1982 bis zum experimentellen „Sign o' the Times“ von 1987. Was diese 2-CD-Compilation vom 2001 ebenfalls bei Warner veröffentlichten Album „The Very Best of Prince“ unterscheidet und abhebt, sind die elf auf Disc 2 versammelten Remixe, die bis dato nur auf raren Maxisingles zu finden waren (die Remix-Stücke tauchen nicht auf Disc 1 als Normalversionen auf). „Raspberry Beret“, „Pop Life“ oder „Kiss“ sind hier in atemberaubenden extended versions zu hören, mit denen man locker eine ganze Partygesellschaft zum Abgehen bringen kann.