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Juni 2007
Christina Mohr
für satt.org

Musikbücher Juni 2007

Ein Kessel Buntes

Kürzlich fragte mich jemand, welche Kriterien ein Buch erfüllen muss, um in der Musikbuch-Rubrik bei satt.org besprochen zu werden – die Kurzformel „Buch von Musikern oder Buch über Musik“ kann zur Orientierung herangezogen werden. Alles geht: Lach- und Sachgeschichten, Roman, Tagebuch, Fotoband, Lexikon. Die aktuelle Bücherschau eignet sich vortrefflich, ein ungefähres Bild dessen zu skizzieren, was bei satt.org alles unter „Musikbuch“ fallen kann …


Martell Beigang:
Unverarschbar
(Schardt)

Martell Beigang, Unverarschbar

Martell Beigang aus Köln ist Profimusiker: er war sieben Jahre Drummer bei m. walking on the water, arbeitete als Live- und Studiomusiker mit Ulla Meinecke, den Lassie Singers und vielen mehr; seinen grössten Publikumserfolg konnte er als Schlagzeuger von Dick Brave & the Backbeats feiern. Er sang in seiner eigenen Band Eisen, heute nimmt er mit dem Swinger Club Jazzplatten auf und verfolgt ausserdem eine neues Bandprojekt namens Hallo*Erde – Beigang kennt also alle Licht- und Schattenseiten des Musikbusiness aus eigener Erfahrung.
Sein Roman „Unverarschbar“, im Oldenburger Schardt Verlag erschienen, ist deshalb auch sehr realitätsgetreu geraten. Das Buch erinnert in weiten Teilen an einen Wirtschaftsroman – mit diesem inzwischen ausgestorbenen Genre wurde vor einigen Jahren versucht, in eine Romanhandlung verpacktes Wirtschafts-Know-How Menschen zugänglich zu machen, die keine Börsenmakler waren, aber dennoch über die Materie Bescheid wissen wollten. Dass in diesen Romanen der Nutzwert des Inhalts wichtiger war als die literarische Qualität, scheint einleuchtend. Ein bisschen so ist es auch mit „Unverarschbar“, mit dem Unterschied, dass Beigang sehr gut mit Sprache umgehen kann, der Roman flüssig lesbar ist und am Schluss gar mit einer unerwarteten Wendung aufwartet. Im Vordergrund steht aber Beigangs Insiderwissen über „das Geschäft“, auch wenn er das Geschehen in eine – sicherlich autobiographisch gefärbte – Rahmenhandlung einbettet. Protagonist Ben ist (unfreiwilliger) Single, seine Band „Servokings“ ist Geschichte. Er ist auf der Suche nach einer neuen Aufgabe, schliesslich erhält er das Angebot, als Backing-Musiker bei einem Auftritt des Castingshow-Stars Silvio Mendez in der Kölnarena zu spielen. Er nimmt an, auch deswegen, um seinem erklärten Hassobjekt, dem Poppüppchen Janine Paffrath (offensichtlich auf Jeanette Biedermann gemünzt), die ebenfalls in der Show auftreten soll, tüchtig die Meinung zu geigen. Paffrath verkörpert für ihn, den ausgebildeten, erfahrenen, „echten“ Musiker, alles Schlechte der heutigen Poplandschaft. Schauspielsternchen, die von gierigen Managern ins Studio gezerrt werden und dort zu vorgefertigter Plastikmucke trällern, sind ihm ein Dorn im Auge – vor allem, weil Figuren wie Paffrath Erfolg haben und er nicht. Beigang/Ben will anprangern: gegen den Schund, für gute Musik. Was gute Musik ist, weiss Ben genau und teilt es seinen Lesern gerne mit, er spart nicht an Ratschlägen, was er für empfehlenswert hält: zieht er ein Buch aus der Tasche, ist es selbstverständlich „The KLF. Das Handbuch. Der schnelle Weg zum Nr. 1-Hit“; der Geschmack des Autors/Protagonisten ist in jeder Zeile unantastbare Referenz. Man muss Beigang Respekt zollen für seine Authentizität, seine Ehrlichkeit, seinen Erfahrungsschatz und den Furor, mit dem er die Ungerechtigkeiten des Popzirkus beim Namen nennt. Insgesamt fühlt man sich als Leser manchmal ein bisschen zu dolle belehrt, beziehungsweise mit der Nase auf bestimmte Stellen gestupst. Mit seinem Swinger Club ist Beigang jedenfalls etwas lockerer drauf.


» infinitemusic.de
» unverarschbar.de



Jens Friebe:
52 Wochenenden.
Texte zum Durchmachen

(KiWi)

Jens Friebe, 52 Wochenenden. Texte zum Durchmachen

Ueberhaupt niemanden belehren will Jens Friebe, dessen letztjährige Blog-Kolumne „52 Wochenenden“ nun als KiWi-Taschenbuch erscheint. Friebe hat einen völlig andere Herangehensweise als Beigang, seine Kolumnen beziehungsweise Kurzgeschichten sind mal wahr, mal ausgedacht, mal überkandidelt, mal geheimnisvoll und erheben nie den Anspruch, allgemeingültig zu sein. Friebe ist völlig subjektiv, schliesslich geht es ja - mit wenigen Ausnahmen – um das, was er und seine augenzwinkernd-halbherzig unkenntlich gemachten Freunde und Familienmitglieder erlebt haben. Man folgt ihm, der Band Britta und verschiedenen Berliner Schluffi-Bohemians durch die Nächte und manchmal auch durch sonnige Tage. Im Mittelpunkt steht immer das Wochenende, End- und Höhepunkt der Woche, der für Nichtbohemians im Angestelltenverhältnis eine noch grössere Bedeutung haben dürfte als für den popistischen Friebe-Clan. Das Berichtenswerte der Woche auf zwei, höchstens drei Tage zu konzentrieren, hat etwas zutiefst dekadentes und verschwenderisches: Montag bis Donnerstag lebt man quasi in der Makulatur, das Leben glänzt und strahlt nur Freitagnacht bis Sonntagmorgen. Friebes Formuliertalent kennt man schon von seinen Platten, im längeren Text lebt er sich erst richtig aus. Zugfahrten, Releaseparties, alles ist erzählenswert, aber selbst ein Friebe-Wochenende ist nicht grundsätzlich von Höhepunkten gekrönt. Manchmal passiert auch nix, oder man bricht sich den kleinen Zeh und erkennt in diesem Umstand die eigene Sterblichkeit. Ob er seine Träume notiert („Ich träumte, ich führte ein Artischockenrestaurant“), oder Anekdoten aus dem Tourneeleben erzählt („Ich bin Jens Friebe, guten Abend. Wir sind auf Tour. Und haben schon einiges hinter uns“), stets moduliert er das Erlebte (oder Nicht-Erlebte) zu kunstvoller Kurzprosa, bei der es unwesentlich ist, ob der Text „wahr“ oder „nicht wahr“ ist – wie es bei Literatur eben sein sollte.
Wer nachprüfen möchte, ob und wie stark Jens Friebe in seine Netztexte eingegriffen hat, kann bei 52 Wochenenden nachschauen.
Das Buch „52 Wochenenden“ hat nicht nur ein entzückendes Cover, sondern featuret ausserdem: eine Gastkolumne von Linus Volkmann, Vorwort von Dietmar Dath und Zeichnungen vom Autor selbst.


» jens-friebe.de
» myspace.com/jensfriebe



Courtney Love:
Dirty Blonde. Die Tagebücher
(KiWi, Übersetzt von Clara Drechsler)

Courtney Love, Dirty Blonde. Die Tagebücher

„Die Frau, die alle sterben sehen wollen“ titelte die Spex 1994, nachdem sich Courtney Loves Gatte Kurt Cobain eine Kugel in den Kopf geschossen hatte. Spätestens seitdem wurde Mrs. Love mit tausenderlei Attributen, meist Beschimpfungen bedacht: Hexe, Hure, Schlampe, Mörderin … was wollt Ihr noch? Geboren 1964, aufgewachsen unter für ein Kind höchst verwirrenden Umständen, als widerständige Hochbegabte in Besserungsanstalten untergebracht – sehr früh sucht sie Zuflucht im Fantum (Bay City Rollers), bald beginnt sie, selbst Gitarre zu spielen. Verstört und aufmüpfig sein: das sind die besten Voraussetzungen, um entweder ein grosser Star oder eine bedauernswerte Irre zu werden. Courtney Love ist beides, und zwar jeweils zur gleichen Zeit. Bei allem Yellow-Press-Wirbel, allen Diskussionen, ob sie ihre Nase operieren liess und ob sie wirklich schauspielern kann, wird häufig übersehen, dass Courtney Love eine grossartige Musikerin ist – ob mit ihrer Band Hole, oder später als Solokünstlerin und hellsichtigen Alben wie „America's Sweetheart“. Zum Teil ist sie natürlich selbst dafür verantwortlich, dass ihre musikalischen Fähigkeiten hinter der Inszenierung als Glamourqueen zurückstehen, manchmal allerdings entgleitet ihr das eigene Leben (Schauprozesse, Drogenmissbrauch, Entzug des Sorgerechts für ihre Tochter Frances Bean) und die Skandalpresse übernimmt das Kommando. Courtney Loves Tagebücher, beziehungsweise von ihr ausgewählte Auszüge sind nun unter dem Titel „Dirty Blonde“ erschienen und man darf davon ausgehen, dass sie bei diesem Projekt die volle Kontrolle hatte. Deswegen ist dieses Buch auch keine Beichte, Biographie oder Erklärung für irgendetwas, sondern ein Patchwork aus Fotos, Briefen, handschriftlichen Einträgen und Songtexten – doll parts zum Zusammenbasteln. In diesem Sammelsurium finden sich viele Schätze, zum Beispiel ihr Brief an John Peel, der sehr früh auf eine amerikanische Band namens Hole aufmerksam wurde, kleinfamilienidyllische Fotos von Kurt und Frances, eine Bewerbungspostkarte der kleinen Courtney an den Disney Club (sie wurde abgelehnt) und viele Mosaiksteinchen mehr, die in der Gesamtschau ein schiefes, möglicherweise authentisches Bild von Frau Loves „Celebrity Skin“ ergeben.


Alex Hannaford: Scissor Sisters
(Schwarzkopf & Schwarzkopf)

Alex Hannaford, Scissor Sisters

Der Schwarzkopf & Schwarzkopf-Verlag widmet den neuen Titel seiner Nice-Price-Reihe den Scissor Sisters – die peppig-poppige Aufmachung des Buchs mit bunten, collagenhaft gestalteten Seiten passt wunderbar zu den Glampop-Shootingstars aus Amerika, deren Erfolg nicht zuletzt durch ihre verwegene sexy Aufmachung begründet wurde. Popbiograph Alex Hannaford, der bereits Bücher über Green Day, Coldplay und Pete Doherty geschrieben hat, hält interessanten Gossip über Jake Shears, Ana Matronic, Babydaddy, Del Marquis und Paddy Boom bereit und zeichnet die Karriere der Band von ihren Anfangstagen bis zu ihrem Megaerfolg mit „I don't Feel Like Dancin'“ auf. Der Bildteil ist zugegebenermassen gehaltvoller und umfangreicher als der Text, aber bei den Sisters geht das schon in Ordnung. Schliesslich gibt's ja auch eine Menge zu gucken! Enjoy!


Jens Raschke:
Disco Extravaganza.
Eine Reise ins Wunderland
der sonderbaren Töne

(Ventil)

Jens Raschke, Disco Extravaganza. Eine Reise ins Wunderland der sonderbaren Töne

Popbücher mit Listencharakter, also die „100 besten, unverzichtbarsten, verzichtbarsten, dämlichsten, …Platten“, haben Konjunktur. „Disco Extravaganza“ von Jens Raschke verfolgt einen anderen Ansatz: Raschke listet zwar auch auf, aber nicht, um Empfehlungen für die tadellose Plattensammlung abzugeben, sondern um Schreckliches, Obskures und Erstaunliches ans Tageslicht zu befördern.
Raschke war Begründer der legendären Kieler „Sitzdisco“, gemeinsam mit dem Schauspieler Christian Preuss stellte er dem Publikum untanzbare, seltsame, grossartige und meist völlig unbekannte Platten vor. Einige daraus fanden gewiss Erwähnung in „Disco Extravaganza“, der Reise ins Wunderland der sonderbaren Töne: Raschke erzählt urkomisch, detail- und kenntnisreich, zum Beispiel die Geschichte der bemitleidenswert untalentierten Girlgroup The Shaggs: die vier Schwestern wurden von ihrem karrieregeilen Vater bis zur Veröffentlichung der LP „Philosophy of the World“ getrieben. Dieses Manifest künstlerischen Scheiterns erhielt höchste Weihen durch das Lob Frank Zappas und erreicht heute Höchstpreise auf Sammlerbörsen. Die Schwestern selbst wollten aber nie wieder etwas mit dem Showgeschäft zu tun haben. Joseph Beuys' Antikriegs- und -atomkrafthymne „Sonne statt Reagan“ aus dem Jahre 1982 entstand nicht aus dem hohlen friedensbewegten Bauch heraus, sondern war ein perfide geplantes Produkt, an dem politisch überkorrekte Deutschrocker wie Wolf Maahn beteiligt waren – Gerüchten zufolge wurden die übriggebliebenen Singles mit Castortransporten nach Gorleben transportiert (die Wahrheit über „Sonne statt Reagan“ weiss Jens Raschke, aber wir wollen ja an dieser Stelle nicht zuviel verraten). Scientology-Begründer Ron L. Hubbard wollte die Menschheit auch akustisch bekehren, „Church of Satan“-Chief Anton LaVey sang „Satan takes a Holiday“ und John Wayne liebte the land of the free so sehr, dass er eine Platte namens „America, why I love her“ aufnahm. Doch Jens Raschke arbeitete sich nicht nur durch den akustischen Atommüll zweifelhafter Berühmtheiten, liebevoll erzählt er die Geschichte des bayrischen Busfahrers Franz Xaver Schweiger, der unter dem Künstlernamen (!) Joe Francis Schweiger schwülstige Glaubensbekenntnisse auf Platte presste. Ebenfalls eine Story wert ist das kurze Leben eines schwedischen Schülers, der als „Anton Maiden“ zu 15 Minuten Ruhm gelangte: Anton nahm zu Hause schrecklich schief gesungene Karaokeversionen von Iron Maiden-Songs auf, stellte diese ins Internet und wurde binnen kürzester Zeit berühmt-berüchtigt. Seine CD war bald ausverkauft, aber er hatte nicht nur Fans; bald erreichten ihn mehr bittere Hassbriefe von Iron Maiden-Hardlinern als von begeisterten Karaoke-Sängern. Mit nur 23 Jahren setzte er seinem Leben ein Ende, bis heute sind seine Beweggründe ungeklärt. „Disco Extravaganza“ ist voll von erstaunlichen, rührenden und abstossenden Geschichten – man wünscht sich, dem Buch läge eine CD mit Hörproben bei … Moment, vielleicht ist doch es besser, dass die meisten der vorgestellten Musikstücke für immer im Nirwana der ungehörten Songs verschwanden …


Frank Wonneberg:
Vinyl Lexikon. Fachbegriffe,
Sammlerlatein, Praxistipps

(Schwarzkopf & Schwarzkopf)

Frank Wonneberg, Vinyl Lexikon. Fachbegriffe, Sammlerlatein, Praxistipps

Es gibt sie ja immer noch, die Ungläubigen, die die Schallplatte totsagen und selbst CDs nicht mehr als Tonträger akzeptieren wollen. Die Sammler von echtem Vinyl für sentimental und ewiggestrig halten und selbst nur noch Sounddateien aus dem Netz laden. Für diese Menschen ist Frank Wonnebergs Vinyl Lexikon natürlich nicht gedacht. Alle anderen, nämlich besagte „gestrige“ Sammler, Vinyljunkies, Techno-DJs, Nostalgiker und Musikliebhaber, finden in diesem Lexikon nicht weniger als 1000 Stichworte rund um die schwarze Scheibe: wer weiss schon, was die „Reibungszahl“ anzeigt und was der „Rumpelspannungsabstand“ misst? Wie funktioniert „Monophonie“ und wer erfand das „Graphophon“? Wofür steht die Abkürzung „SACEM“ und was macht ein „Toningenieur“ genau? All das und viel mehr wird im Vinyl Lexikon präzise und prägnant erklärt. In der Mitte des Buchs befindet sich ein Bildteil mit Etikettenstammbäumen, anhand derer man die gestalterischen Entwicklungen von Plattenlabels nachvollziehen kann. Musikjournalist Wonneberg liefert mit der überarbeiteten Neuauflage des im Jahr 2000 zum ersten Mal erschienenen Lexikons ein Standardwerk für Historiker und Hipster gleichermassen.