Stereo Total: Paris – Berlin
Interview mit Françoise Cactus
Stereo Total: Paris – Berlin (Disko b)
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Stereo Total gelingt mit ihrem neuen Album „Paris – Berlin“ einfach alles: die 14 Songs der Platte bringen die vielen Komponenten des Stereo Total-Sounds unter einen Hut und auf den Punkt. Noch nie klangen Françoise Cactus und Brezel Göring so positiv erwachsen, dynamisch und melodisch, ob bei Rock'n'Roll-Songs wie „Plastic“oder „Küsse aus der Hölle der Musik“, Chansons wie „Ta Voix au Téléphone“ oder den Elektronik-Disco-Tracks. Wenn ihnen Perfektion auch sicher fern liegen mag, erreichen sie auf „Paris – Berlin“ einen so dichten, warmen Sound, der ihnen auf früheren Platten nicht gelang. Das bewährte Rezept - maximaler Effekt bei minimalem Aufwand – funktioniert schon beim ersten Songs des Albums, „Miss Rébellion des Hormones“ wunderbar, dieses Lied besitzt eine der schönsten und zu Herzen gehendsten Melodien, die Stereo Total je aufgenommen haben. „Ich bin der Stricherjunge“, lakonisch intoniert von Brezel, führt die Trompete ins minimalistisch instrumentierte Stereo Total-Universum ein: angeblich bekam Françoise die Trompete zu Weihnachten geschenkt und klingt auf „Stricherjunge“ laut Brezel schon fast wie Miles Davis – aber das sollte man nicht unbedingt wörtlich nehmen. Die wie immer teils deutschen, teils französischen Lyrics drehen sich um Liebe, Rebellion und Nostalgie, was sich höhepunktisch bei „Küsse aus der Hölle der Musik“ auswirkt; sexuelle Revolution und Rebellion gehen Hand in Hand bei „Patty Hearst“, einem Song über die entführte amerikanische Milliardärstochter, die sich in ihren Entführer verliebte und nicht mehr zu ihrer Familie zurück wollte. Die Geschichte beeindruckte Françoise so sehr, dass sie im vergangenen Jahr einen Hearst-Abend in der Berliner Volksbühne veranstaltete. Sehr bitter fällt das Beziehungsresümée aus, das Françoise bei „Plus Minus Null“ zieht: „So viele Dramen für so wenig Genuss, so viel Gerede für so wenig Sex“ singt sie und klingt kein bisschen versöhnlich dabei. Ein Höhepunkt des Albums ist „Mehr Licht“, ein hypnotischer, treibender Discotrack, der von einer gefährlichen nächtlichen Autofahrt handelt, bei der man sich vor allem „mehr Licht“ wünscht – sehr zwingend, sehr toll. Dieses Stück alleine lohnt schon die Anschaffung von „Paris – Berlin“, aber zum Glück sind auch die anderen Songs fantastisch. Abgeschlossen wird das Album vom „Für immer Punk“-haften „Moderne Musik“, auf dem Angie Reed und San Reimo, Mitstreiter aus frühen Stereo Total-Tagen, zum Mitsingen eingeladen wurden.
satt.org konnte Françoise Cactus ein paar Fragen stellen:
CM: Wie geht's Wollita?
FC: Wollita geht's prima. Im Gegensatz zu mir hat sie gerade nichts zu tun und faulenzt den ganzen Tag herum.
CM: Das neue Album klingt in meinen Ohren "erwachsener" (das ist freundlich gemeint!!), satter und voller - war das Absicht oder ergab sich dieser Effekt einfach so?
FC: Das war Absicht. Wir haben keine Computersounds verwendet, sehr viel live aufgenommen, denn wir wollten, dass "Paris-Berlin" wärmer klingt und irgendwie menschlicher.
CM: "Paris - Berlin" weckt kosmopolitische und bohemistische Assoziationen – was soll der Albumtitel ausdrücken?
FC: Das Album haben wir so genannt, weil Brezel aus Deutschland kommt und ich aus Frankreich. Dieses Mal wollte ich einen ganz einfachen Titel, denn bei "Do the Bambi" wurde es irgendwann unerträglich, diese (berechtigte) Frage zu beantworten: "Was bedeutet Do the Bambi?" Unsere Musik ist ausserdem ein Cocktail aus französischen und deutschen Einflüssen (Chanson/NDW, um es grob zu resümieren).
CM: Du bist in Berlin geblieben - warum hast du dieser Stadt den Vorzug gegeben und nicht Paris?
FC: Weil es für mich hier in Berlin einfacher war, als Musikerin zu (über)leben. Paris ist eine schöne Stadt, aber auch sehr stressig und elitär.
CM: Welches Stück von "Paris - Berlin" liegt dir am meisten am Herzen?
FC: Die Lyrics von "Komplex mit dem Sex" gefallen mir am besten. Aber die Melodie von "Miss Rébellion des Hormones" finde ich - in aller Bescheidenheit - einfach wunderbar!
CM: In den Stereo Total-Texten gibt es eine bestimmte Dialektik – Dinge können immer so, so und wieder anders sein - fallen dir konkrete Statements schwer?
FC: Also, meine Statements sind meiner Meinung nach sehr klar. Natürlich spreche ich sie in den Liedern nicht klipp und klar aus, ich verwende dann Bilder, imitiere Konversationsstile, usw. Denn für mich gehört der "klare" Ausdruck fester Ideen nicht in die besondere "Chansonsprache." Ich möchte immer Raum für Assoziationen lassen. Ein Beispiel: in "Komplex mit dem Sex" weiss die Frau nicht, wo sie sich in dieser sexgeladenen Welt positionieren soll. Mein Statement dahinter bedeutet: ich habe die Nase voll davon, mit diesem ganzen Sexzeug bombardiert zu werden - im TV, in Frauenzeitschriften, bei Werbungen … Ich bin gegen die Banalisierung von besonderen Sexvorlieben. Ich mag gern Bataille, aber es langweilt mich zu Tode, wenn im TV Gummifetischisten (z.B). dermassen banal ihr "Hobby" darstellen. Und, wie wäre mein Lied, wenn ich das so aufgeschrieben hätte?
CM: Auf dem Cover inszeniert Ihr Euch als zeitloses Liebespaar - wie bleibt man füreinander interessant auch nach vielen Jahren? Oder gibt es Momente, in denen Ihr es nicht miteinander aushaltet?
FC: Ja, manchmal streiten wir und wollen uns voneinander trennen, das ist die Hölle. Aber meistens verstehen wir uns sehr gut. Es hilft auch natürlich ungemein, dass wir diese Musik miteinander machen. Dadurch sind wir auch irgendwie Freunde.
CM: Hättet Ihr gedacht, dass das Projekt Stereo Total so lange überlebt?
FC: Oh nein. Wir haben meistens sehr wenig gedacht. Ueber die Zukunft am wenigsten.
CM: Stört es Euch, wenn Stereo Total als "Pop-Trash" bezeichnet werden? Sind solche Bezeichnungen nicht generell lächerlich?
FC: Wir wurden nicht nur als "Pop-Trash" bezeichnet, sondern auch als "Easy Listening", "Elektroclash", "New irgendwas", usw. usw. Diese Bezeichnungen sind immer lächerlich, aber ich verstehe, wenn Journalisten sie verwenden. Irgendwie müssen sie ein Produkt beschreiben, ihre Zeilenzahl ist limitiert, ohne Schubladen geht das kaum!
CM: Fühlst du dich als Botschafterin für französische Popmusik?
FC: Ja. Und ich denke, ich sollte trotz der drastischen Massnahmen des neuen Präsidenten für meine diplomatische Funktion honoriert werden.
CM: Ihr seid auf der ganzen Welt unterwegs und nehmt damit eine ziemliche Sonderstellung im deutschen Pop ein - woran liegt es, dass Ihr international so beliebt seid?
FC: Es liegt daran, dass wir in unserer Musik versuchen, Grenzen abzuschaffen. Linguistische Schranken sollen verschwinden, ebenso die Barrieren zwischen Musikstilen. Wir singen in verschiedenen Sprachen und versuchen viele Musikrichtungen, wobei klar bleiben muss, dass die Interpretation typisch Stereo Total bleibt. Ausserdem sind wir meistens sympathisch und nicht so arrogant, wir spielen auch in Ländern, wo keiner unsere CDs kauft.
CM: Siehst du dich als Vorbild für junge Musikerinnen? Was rätst du ihnen?
FC: Ich sehe mich als Vorbild für niemand. Trotzdem könnte ich einer jungen Musikerin ein paar Ratschläge geben: Hab keine Angst, mach es einfach, schäm dich nicht, "schlecht" zu sein, versuch', das besondere an dir zur Geltung zu bringen und besonders: kopiere nicht den Mainstream.
CM: Seit einiger Zeit wird heiss debattiert über neuen Feminismus, alten Feminismus, Feminismus überhaupt - was sagst du dazu? Sind junge Frauen heute zu leichtfertig, was ihre Rolle angeht?
FC: Sie sind nicht zu leichtfertig, aber leichtfertiger als ihre Mütter, die 1a-Vorarbeit geleistet haben!
CM: Du schreibst regelmässig eine Kulturkolumne für die Frankfurter Rundschau - freut es dich, dass deine Meinung über Musik, Literatur, etc. gefragt ist?
FC: Ob meine Meinung wirklich gefragt ist? Meinen Freunden gefällt das kleine Blabla zwischen den Rezensionen immer am Besten.
CM: Was würdest du tun ohne Stereo Total?
FC: Weiss ich nicht. Eine andere Band? Total Stereo?
» www.stereototal.de