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Selten passt ein Name so gut zum Produkt wie bei Monotekktoni: Unter diesem Alias produziert die Berlinerin Tonia Reeh vielschichtigen, kubistischen, vertrackten, tanzbaren, intelligenten Lärm, der dich mitten ins Gesicht tritt, aber auch den Blick auf verdeckte Schönheiten lenkt. Mächtige Bässe und treibende Elektrobeats verschieben tektonische Schichten, rütteln sie durcheinander. Monotekktoni arbeitet ohne Computer, mit Klavier, allerlei elektronischem Gerät, Megaphon und ihrer voluminösen Soulstimme erzeugt sie ein charakteristisches Ganzes, bei dem Punk, Techno, Dancefloor ineinandergreifen. Dass ihre Musik irgendwie auch Pop ist, dafür sorgen nicht zuletzt die zersplitterten, aber eingängigen Melodien und Refrains. Zorn auf Politik und gesellschaftliche Mißstände ist eine ihrer Triebfedern, für sie ist alles Private auch politisch - eine Haltung, die sich nicht viele Musiker leisten und zutrauen. Die Lyrics sind plakativ und sloganartig, ideal für Transparente. Tonis Stimme schlägt dazu Kapriolen -- mal opernhaft, mal verzerrt kreischend, mal souldivenhaft tief und rauchig. Dazwischen erklingen immer wieder verträumte, klassisch anmutende Pianoparts, die den Krach erden und für kurze Zeit Harmonie ins Spiel bringen. "Ich will nicht, dass meine Musik zu nett und niedlich klingt. Deswegen müssen die Störgeräusche sein." Sagen Deine Eltern manchmal, dass du mit deiner tollen Stimme doch "schöne" Lieder singen sollst? "Ja klar, meine Eltern sind beide Opernsänger, sie wünschten sich, dass ich auch Opernsängerin werden soll. Sie finden meine Musik total schlimm, sie verstehen überhaupt nicht, warum ich sowas mache." Die musikalische Früherziehung durch ihr Elternhaus kommt Toni aber durchaus zugute: sehr früh bekam sie Klavierunterricht und trat schon als Kind öffentlich auf. Deshalb fällt es ihr heute auch nicht schwer, ihre in-your-face-show alleine durchzuziehen: "auf der Bühne zu stehen, macht mir nichts aus, das bin ich gewöhnt." Monotekktoni tritt nicht nur alleine auf, sondern ausserdem mit wenig Equipment: ein Keyboard, Effektgeräte, E-Gitarre, zwei Mikrofone, das ist alles, was sie auf der Bühne braucht. Auf die Frage, ob ihr der kleine Transporter gehört, der vor dem Club parkt, lacht sie: "nein, wir (sie und ein Freund, der das Merchandising übernimmt) sind mit einem alten Golf unterwegs. Morgen fahren wir damit nach Paris!"
Nach "Tonfalle" und "How to reduce power consumption to a minimum" ist im April Monotekktonis drittes Album "Love Your Neighbour? No, Thanks." erschienen. Zum Titel sagt sie, "Achtung, Ironie! Das sollte zwar durch die ausgestopften Tiere auf dem Cover klar werden, aber der Titel wird oft falsch verstanden." Die Zeile "Love Your Neighbour? …" spielt auf ein Buch* des Poststrukturalisten Slavoj Zizek an, der mittlerweile zu einer popkulturellen Instanz geworden ist und den auch Monotekktoni sehr bewundert: "Ich finde es nicht so toll, wenn Leute mit Fremdwörtern um sich werfen, aber Zizek ist ganz klar verständlich: er sagt deutlich, dass man das Leben geniessen soll, sein Ansatz ist total hedonistisch." Es kann gründlich schiefgehen, wenn sich Popmusiker auf Philosophen beziehen, aber bei Monotekktoni passt alles wunderbar zusammen: Zizek wird seine populäre, sloganlastige Herangehensweise an komplexe philosophische Fragestellungen genauso vorgeworfen, wie er dafür geliebt wird. Monotekktonis Musik und Texte funktionieren ähnlich, eine gleichgültige Haltung dazu ist unmöglich, es kann nur Ablehnung oder Begeisterung geben. Apropos Musik: Welche Musik hört Monotekktoni zuhause? "Zur Zeit am liebsten die B-Seiten-Sammlung von Sonic Youth. Ich mag auch elektronische Sachen von Oval, Colleen, Björk oder Tarwater. Dieser kalte Minimal, der als 'Berlin-Electro' gilt, gefällt mir hingegen gar nicht. Und ganz oft höre ich zuhause gar nichts, weil in mir selbst so viel Musik ist, die raus muss!" CM: Du bist mit einigen Tracks auf dem Monika-Sampler "4 Women No Cry" vertreten, sind solche frauenspezifischen Projekte heute denn noch nötig? Monotekktoni: Mehr denn je, leider! Ich habe es selbst mal auf einem Festival erlebt, dass ein DJ, dem höchstens zehn Leute zugehört haben, viel mehr Gage bekommen hat als ich -- und bei mir war viel mehr Publikum! Ich musste ausserdem draussen auf der Wiese auftreten, hatte kein Licht, keinen Tisch für mein Equipment und musste sehen, wie ich zurecht kam. Da war ich schon sehr sauer, weil ich das Gefühl hatte, richtiggehend ausgebootet zu werden. Dass das auch in der Club- und Elektroszene so ist, ist echt traurig. CM: Warum erscheint deine Platte nicht auf dem Monika-Label? Das würde sich doch anbieten … Monotekktoni: Wir waren tatsächlich im Gespräch, aber Gudrun Gut hatte andere Vorstellungen als ich. Die Leute von Sinnbus sind sehr kooperativ und lassen mir alle Freiheiten. CM: Wie ist die Stimmung in Berlin? Hast du das Gefühl, Berlin ist ein Kreativenghetto? Monotekktoni: Ja, manchmal schon. Egal, wo ich hingehe, ich habe das Gefühl, dass fast jede und jeder Musik macht. Ich finde das aber gut, die grosse Konkurrenz treibt mich an. Dass es so viele Leute in Berlin gibt, die auch Musik machen und auftreten, sorgt dafür, dass man nicht faul wird! Ansonsten ist es in Berlin für Künstler oder Leute mit wenig Geld natürlich -- noch - prima. CM: Hast du Vorbilder? Monotekktoni: Ich finde viele Leute toll, aber Vorbilder? Nee …. Monotekktoni geht zur Bühne, sie trägt ein asiatisches Kleid, einen Hut mit draufgeklebtem Plastikmonster und martialisches Make-up. Sie stöpselt die Geräte ein und lächelt freundlich, bevor der erste Track in den Raum brettert. Das Pärchen vor der Bühne knutscht, fast das gesamte Konzert hindurch. Love Your Neighbour? Yes, please! * (Slavoj Zizek, /Liebe Deinen Nächsten? Nein, Danke! /1999, Verlag Volk und Welt) » www.monotekktoni.de |
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