Popikonen – gedruckt
Bei Wikipedia kann man zum Stichwort „Medienikone” folgendes lesen:
Im modernen Sprachgebrauch bezeichnet man als Ikonen Erzeugnisse von Kunst und Medien, die ein überragendes Maß an Popularität erreicht haben und nahezu allen Menschen eines Kulturkreises, vor allem des westlichen, bekannt sind. Sie können als auf säkulare Weise versinnlichte geistige Produkte des westlich, technisch rationalistischen Denkens und Selbstbewusstseins definiert werden. Ihre Wirkungsweise ist denen kultischer Objekte und Ikonen des Mittelalters ebenbürtig. Sie vermitteln auf einzigartige Weise als Projektionsfläche ein gemeinschaftliches Identitätsgefühl mit den Ideen der westlichen Zivilisation und haben sich nahezu unauslöschlich in das Gedächtnis der Menschen ihres Zeitalters gebrannt (...) [Quelle]
Die hier vorgestellten Bücher beschäftigen sich entweder mit Popmusikern und -musikerinnen, die man als moderne Ikonen bezeichnen kann – oder stammen von bildenden Künstlern (Julian Opie, Hedi Slimane), die das Ikonenhafte im Pop und im Alltäglichen finden und herausstellen. Ob dabei „gemeinschaftliche Identitätsgefühle mit den Ideen der westlichen Zivilisation” verbunden werden, bleibt den Betrachtern beziehungsweise „Nutzern” überlassen. Dass aber alle hier Erwähnten „auf einzigartige Weise als Projektionsfläche” dienen, dürfte kaum in Frage gestellt werden.
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 Mike Evans: Ray Charles – Die Geburt des Soul Bosworth Musik Verlag Übersetzt von Susanne Pastorini 336 Seiten, Broschur, € 19,95
*Mike Evans hat viele Bücher über Pop geschrieben: z.B. über Elvis, Punk Rock in New York, Marilyn Monroe, Rock'n'Roll in den 60's und andere.
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Ray Charles – Die Geburt des Soul
Als Ray Charles 2004 im Alter von 74 Jahren starb, galt er längst und ohne Zweifel als einer der einflussreichsten schwarzen Künstler aller Zeiten. Längst war er in alle nur erdenklichen „Hall of Fames” aufgenommen worden (- of Rock'n'Roll, -of Blues, usw.), sein Leben wurde mit Jamie Foxx in der Hauptrolle verfilmt, Charles zeugte nicht weniger als zwölf Kinder, die Plattenaufnahmen mit seiner Beteiligung sind hingegen nicht so genau quantifizierbar, seine Hits wie „I Can't Stop Lovin' You” laufen auch heute noch selbstverständlich im Radio. Doch Charles' Leben und Karriere verliefen alles andere als einfach und geradlinig: als Siebenjähriger erblindete er an einem Glaukom, seine Familie lebte in Georgia in äußerst armen Verhältnissen (ganz abgesehen von der damals vorherrschenden Rassentrennung), die Mutter starb, als Ray gerade vierzehn war. Schon als Teenager offenbarte Charles sein außerordentliches musikalisches Talent, seine erste Platte nahm er 1951 auf: die Rhythm'n'Blues-Single „Baby Let Me Hold Your Hand”. Atlantic Records-Impresario Ahmet Ertegun nahm ihn unter Vertrag, Charles' Musik wurde vielfältiger, beeinflußt von Gospel, Blues und vor allem Soul – sein Aufstieg begann. Je erfolgreicher Charles wurde, desto schwieriger gestaltete sich sein Privatleben, er verfiel dem Heroin, das ihn bis Ende der siebziger Jahre fest im Griff hatte. 1975 interviewte der junge Journalist Mike Evans* Ray Charles in London – dieses Interview bildet die Grundlage von „Ray Charles. Die Geburt des Soul”, das gerade auf Deutsch im Bosworth Verlag erschien. Weitere Interviews mit Weggefährten wie Steve Winwood, Chris Barber, Horace Silver und vielen anderen sorgen für eine vielschichtige, einfühlsame und detailreiche Annäherung an den Musiker Ray Charles. Abgerundet wird der Band durch viele seltene Fotos.
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 Nick Johnstone: Amy Amy Amy. Die Amy Winehouse Story Bosworth Musik Verlag Übersetzt von Cecilia Senge Broschur, 174 Seiten, € 14,90
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Die Amy Winehouse Story
Dass bereits jetzt die ersten Biographien über Amy Winehouse erscheinen, bevor sie ihren 25. Geburtstag feiert, hat einen zynischen Beigeschmack: kann ja gut sein, dass sie sich bald zugrunde richtet und ihren Zenit schon überschritten hat, also schnell schon mal die ersten Gedenktexte auf den Markt bringen! Nick Johnstones Buch steht nicht im Ruch der Fledderei (nicht vergessen: NOCH lebt sie ja!), er bemüht sich redlich, Amys kurzes Leben auf knapp 180 Seiten auszubreiten. Angesichts Amys Jugend ist es verzeihlich, dass Johnstone hier und da ein wenig abschweift und sich wiederholt. Viel Aufmerksamkeit widmet er dem Nordlondonder Stadtteil Southgate, in dem Amy aufwuchs, Beschreibungen wie „... ein Wein- und Spirituosengeschäft, eine Tapas-Bar, ein Wimpy-Restaurant, eine Sandwich-Bar, eine Nat West Bank, eine Wohltätigkeitseinrichtung, ein Kartengeschäft, ein Outlet mit 'preiswerter Kleidung', ein Restaurant, das für seine 'italienische/indische' Küche wirbt, eine Barclay's Bank, ein Costcutters-Supermarkt, das allgegenwärtige McDonald's-Restaurant, ein Optiker, ein Kebab-Laden, die Praxis eines chinesischen Arztes, ein Blumenladen, ein Wettgeschäft, eine zahnärztliche Praxis und so weiter...” füllen die Seiten und sollen für Authentizität sorgen. Andererseits ist es nicht wirklich wichtig zu wissen, welche Banken in Southgate residieren und man wünschte sich etwas weniger Redundanz. Interessant wird es immer dann, wenn Johnstone den musikalischen Background Amy Winehouse' auffächert, denn dieser offenbart, wie sehr sich Amy von anderen jugendlichen Soul-Interpretinnen unterscheidet. Amy ist das Kind britisch-jüdischer Eltern, Musik spielte zuhause immer eine große Rolle und als Amys Ambitionen über den Schulchor hinausgingen, legten ihr die Eltern keine Steine in den Weg. Die junge Amy hörte viel HipHop, Soul und R'n'B, aber auch Reggae und Ska – ihre Coverversion vom Specials-Song „Hey Little Rich Girl” gehört zum festen Repertoire ihrer Shows; gemeinsam mit Terry Hall und The Special A.K.A. sang sie „Free Nelson Mandela” beim Festival zu Mandelas 90.Geburtstag. Es wäre Amy zu wünschen, wenn man sich mehr um ihre Musik kümmerte als sich genüßlich und sensationsgeil auf ihre Alkohol- und Drogeneskapaden zu stürzen. Aber das bleibt wohl ein frommer Wunsch.
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 Monique Lange: Piaf – A Biography Arcade Publishing Broschur, 256 Seiten
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Piaf – A Biography
Edith Piaf kann in punkto öffentliche Selbstzerstörung als Vorläuferin und Schwester im Geiste Amy Winehouse' gesehen werden – der 1963 an Krebs verstorbene „Spatz von Paris” zelebrierte sexuelle, drogeninduzierte und sonstige Eskapaden unter den gierigen Blicken der Gesellschaft. Ob diese Öffentlichkeit von ihr gesucht wurde oder aufgrund ihrer Popularität und ohne ihr Zutun passierte, läßt sich kaum auflösen – wie bei Winehouse überdeckten die Skandale oft die Wahrnehmung von Piafs außergewöhnlichem Können, ihrer unvergleichlichen Stimme und ihrem Talent, auf der Bühne buchstäblich alles zu geben. Monique Langes 1979 erschienene Biographie gilt nach wie vor als beste und umfassendste Betrachtung Edith Piafs Lebens und Wirkens. Der Originalverlag hat das Werk jetzt wieder neu aufgelegt, auf Deutsch ist Langes Buch bei S. Fischer/Insel erhältlich.
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 The Adventures of Grandmaster Flash: My Life, My Beats. A Memoir mit David Ritz Broadway Books Gebunden, 272 Seiten
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The Adventures of Grandmaster Flash
„Zuka Zuka Zuka” - so klang es, als Joseph Saddler, später Grandmaster Flash, seine ersten Scratching-Versuche mit dem Plattenspieler machte. Dass er damit – wir befinden uns in New York, Mitte der siebziger Jahre – etwas komplett neues erfand, konnte er damals noch nicht ahnen. Aufgewachsen in ärmlichen Verhältnissen in der Bronx, mit vier Schwestern, einer psychisch labilen Mutter und einem gewalttätigen Vater, der die Familie eines Tages sang- und klanglos verließ, suchte little Joseph nach einem Ausweg – er suchte etwas, was er richtig gut konnte, wodurch er sich von anderen abheben konnte. Sehr lustig lesen sich Saddlers/Flashs Beschreibungen, wie er versuchte, erst als B-Boy, also Breakdancer, dann als Graffitti-Künstler zu reüssieren – jeweils mit grandiosem Mißerfolg. Erst, als der technisch hochbegabte Joseph begann, mit einem selbst zusammengeschraubten Plattenspieler seinem großen Vorbild, dem New Yorker DJ Kool Herc nachzueifern und en passant eine eigene Handschrift erfand (siehe oben), wußte er, dass er seine Berufung gefunden hatte. Gemeinsam mit seinen Buddys, die später die „Furios Five” werden sollten, mehrte er beständig seinen Ruhm als innovativster DJ New Yorks, bis Sugarhill Records auf die Truppe aufmerksam wurden und der unvergleichliche Aufstieg von Grandmaster Flash & The Furious Five begann. Seinen Künstlernamen fand Saddler in einem Comicheft: er bewunderte Flash Gordon und als ihn ein Partybesucher „Grandmaster” nannte, stand sein künftiger Name fest. Den er – wie später Prince – übrigens nicht immer verwenden durfte: rechtliche Streitereien mit Sugarhill Records führten dazu, dass Flash sich erst seit einigen Jahren wieder „Grandmaster Flash” nennen darf. Das ist nur eine Anekdote des an Dramatik reichen Lebens des Grandmaster Flash: er hat sieben Kinder mit drei Frauen, erlag nach dem großen Erfolg von „The Message” (einem Track, den er gar nicht aufnehmen wollte, doch dazu mehr im Buch) den Verlockungen von zu viel Geld und zu vielen Drogen, starb beinah in einer schäbigen Absteige in Manhattan und wurde von seiner großen Schwester Penny ins Leben zurückgeschubst. Natürlich spart Grandmaster Flash nicht an Selbstbeweihräucherung und Lobhudeleien auf die eigene Person, verbrämt so manche zweifelhafte Aktion wie beispielsweise sein Hin- und Herpendeln zwischen mindestens drei Freundinnen – aber hey, „My Life My Beats” ist schließlich die Autobiographie der wichtigsten Figur des HipHop, des Erfinders einer ganzen Kultur, da darf man sich schon mal ein bisschen aufblasen. Inzwischen wurde Grandmaster Flash in die Rock'nRoll-Hall of Fame aufgenommen, für dieses Jahr ist ein neues Album angekündigt und es sieht ganz danach aus, als hätte der Grandmaster zu seiner Berufung, dem Zuka-Zuka-Zuka zurückgefunden.
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 David Fargier: The Cure. Nach dem Regen Neuausgabe Hannibal Verlag Übersetzt von Markus Lesweng gebunden, 138 Seiten, € 24,90
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The Cure. Nach dem Regen
Im Oktober wird „Dream 13”, das dreizehnte Studioalbum von The Cure erscheinen – idealer Zeitpunkt für die Neuauflage von „Nach dem Regen”, David Fargiers Bandgeschichte. Fargier ist nicht nur Cure-Fan, sondern auch sehr an Kunst, Literatur und Philosophie interessiert, weshalb er in seinem Buch großen Wert auf Layout und Design legt. Die vielen Fotos, Coverabbildungen und Illustrationen sind weit mehr als Unterstützung des Textes, sondern essenzieller Bestandteil, ebenso wie die eingestreuten Zitate von André Gide, Friedrich Nietzsche und anderen. Man darf in diesem Fall von einem „Gesamtkunstwerk” sprechen, das seinem Gegenstand, der tja, Kultband The Cure mehr als gerecht wird.
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Jon Savage, Autor des Punk- und Sex Pistols-Standardwerks „England's Dreaming” steuerte Essays zu den beiden folgenden Titeln bei:
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 Hedi Slimane: Rock Diary JRP Ringier Broschur, 224 Seiten
» hedislimane.com
 Punk. No One Is Innocent: Kunst Stil Revolte Vorwort von Gerald Matt Verlag für Moderne Kunst Broschur, 211 Seiten,€ 38,-
» kunsthallewien.at » vfmk.de/
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Rock Diary
Seit der 40-jährige Designer Hedi Slimane für die Kollektion Dior Homme verantwortlich zeichnet, ist das Haus Dior auch für jugendliche Hipster und Rockstars interessant geworden. Pete Doherty beispielsweise ist eins von Slimanes Lieblingsmodellen, ebenso wie die britische Band Eight Legs, die Slimane unlängst einlud, seine Schauen musikalisch zu untermalen. Dior Homme unter Slimanes Regie steht für schmale Klamotten, die natürlich nur an sehr schmalen Jungs gut aussehen – no chance for fattys. Slimane begnügt sich aber nicht mit dem Entwerfen von Mode, sondern ist seit einigen Jahren auch als Fotograf unterwegs – bevorzugt fotografiert er Musiker und Fans, bleibt also dem popkulturellen Umfeld stets verbunden. In dem in drei Teile gegliederten Fotoband „Rock Diary” zeigt Slimane Besucher des spanischen Musikfestivals Benicássim, Stars der britischen und amerikanischen Musikszene wie Amy Winehouse, Pete Doherty, Bryan Ferry und Beck, abgerundet wird „Rock Diary” durch Essays von Jon Savage, Vince Aletti und anderen.
Punk. No One Is Innocent
Punk ist schon längst im Museum angekommen: viele Ausstellungen (zum Beispiel „Zurück zum Beton” / Düsseldorf 2002) widmeten sich dem Phänomen, der Bewegung, der Mode, der Musik und dem, was von Punk blieb (oder nicht). Kurator Thomas Mießgang hat für die Kunsthalle Wien eine Ausstellung konzipiert, die besonderes Gewicht auf Punkästhetik legt, vor allem in Fotografie und Film. In der noch bis zum 7.9. gezeigten Ausstellung laufen legendäre Punkfilme wie „Jubilee” und „The Great Rock'n'Roll Swindle”, Fotos von Robert Mapplethorpe, Mark Morrisroe und vielen anderen illustrieren, wie wichtig die Optik für Punk war – oder dessen, was man für Punk hält. Viele Fotos stammen aus der Privatsammlung Jon Savages, der auch ein leidenschaftliches Essay mit dem Titel „The World's End. London Punk 1976 – 1977” zum Ausstellungskatalog beisteuerte.
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 Julian Opie: 1958 – Recent Works Hatje Cantz Herausgeber: Peter Noever gebunden, 160 Seiten, € 34,-
» mak.at
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Julian Opie: 1958 – Recent Works
Julian Opies Gemälde – übrigens ist auch Opie Jahrgang 1958 wie die anderen berühmten „Fünfziger” dieses Jahres wie Madonna, Michael Jackson, Prince, Paul Weller, to name a few – sind moderne Ikonenmalerei: mit bis aufs absolute Minimum reduzierten Strichen erschafft er Porträts, die mittels ihrer feierlichen Schlichtheit Individualität entstehen lassen, wo weniger begabte Künstler nur ein Strichmännchen aufs Papier brächten. Viele Popmusiker wie zum Beispiel Blur ließen von Opie ihre Konterfeis auf Plattencover bannen. Seine jüngsten Werke, die bis zum 21.9. im MAK Wien zu sehen sind, kann man als Buch gebündelt bei Hatje Cantz erwerben.
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Katrin Keller: Der Star und seine Nutzer. Starkult und Identität in der Mediengesellschaft transcript 308 Seiten, € 29,90 » amazon
» transcript.de
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Der Star und seine Nutzer
Katrin Kellers Dissertation „Der Star und seine Nutzer” beleuchtet den konsumistischen Umgang des „Nutzers”, also Fans, Lesers, Zuschauers, -hörers mit den bewunderten Objekten, den Celebrities, aus verschiedenen Blickwinkeln. Wobei Keller nicht nur Musiker und Schauspieler, sondern auch Politiker, Sportler und Big-Brother-Insassen in ihre Betrachtungen miteinbezieht. Das Ergebnis ist nichts weniger als essenziell: noch nie wurde so akribisch und lesbar das Funktionieren oder besser, Nicht-Funktionieren unserer Mediengesellschaft seziert und erklärt.
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 Gomma Amore Poster Magazin No. 4
» gomma.de
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Gomma Amore Poster Magazin No. 4
Zum vierten Mal präsentiert das Münchner Elektrolabel Gomma eine Sammlung von Plakaten, die von den hauseigenenen Designern Smal & Paze zusammengestellt und gestaltet wurden. Auf Tabloid-Größe finden sich Arbeiten unter dem Motto „psychmagic” - also viele Kristalle, Sterne, Pilze. Der Ausgabe liegt eine „psychmagic”-Mix-CD von Gomma-Mastermind Mathias Modica alias Munk bei.