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Sofie Lichtenstein: Bügeln. Protokolle über geschlechtliche Handlungen




September 2006
Thomas Vorwerk
für satt.org

Brick
USA 2005

Plakat

Buch, Schnitt
und Regie:
Rian Johnson

Kamera:
Steve Yedlin

Musik:
Nathan Johnson

Darsteller:
Joseph Gordon-Levitt (Brendan), Nora Zehetner (Laura), Matt O’Leary (The Brain), Lukas Haas (The Pin), Noah Fleiss (Tugger), Emilie de Ravin (Emily), Noah Segan (Dode), Richard Roundtree (Assistant V. P. Trueman), Meagan Good (Kara), Brian White (Brad Bramish), Jonathan Cauff (Biff), Reedy Gibbs (Pin’s Mom), Lucas Babin (Big Stoner), Tracy Wilcoxen (Straggler), Cody Lightning (The Lug)

110 Min.

Kinostart:
21. September 2006

Brick

Filmszene
Filmszene
Filmszene
Filmszene
Filmszene

Wie man an den Büchern von James Ellroy (L. A. Confidential, The Black Dahlia) sehen kann, kann man auch heutzutage noch halbwegs straight erzählte Detektivgeschichten im Stil des klassischen Film Noir schreiben und (ver-) filmen. Eine Spur interessanter wird es aber, wenn man zwar die Grundregeln des Genres befolgt, sich dabei aber möglichst weit vom Ursprung entfernt. Die Coen-Brüder haben mit The Man who wasn’t there eine typische Geschichte, wie sie von James M. Cain (Double Indemnity, The Postman always rings twice) stammen könnte, als sehr artifiziell erscheinenden Schwarz-Weiß-Film mit viel waberndem Zigarettenrauch umgesetzt. Miller’s Crossing, ein früher Gangsterfilm der Coens, der stark von den Büchern Dashiell Hammetts (Red Harvest, The Maltese Falcon) inspiriert ist, überzeugt da schon mehr, den größten Eindruck machte aber The Big Lebowski, jene zugedröhnte Bowler-Komödie der Brüder, bei der nur aufgeweckte und informierte Zuschauer überhaupt realisieren, daß der Plot bis ins Detail die Handlungsstrukturen der Marlowe-Romane Raymond Chandlers (The Big Sleep, The Long Goodbye) imitiert, nur eben mit dem Unterschied, daß Jeff Bridges als „The Dude“ auf ganz andere Art „cool“ bleibt als seinerzeit etwa Humphrey Bogart. Was haben eine spermiengeile Performance-Künstlerin, ein vollgepinkelter Teppich und eine „nihilistische“ Kraftwerk-Imitation namens Autobahn noch mit Film Noir zu tun? Eben, doch dies macht den Reiz des Films aus, bei dem die wohl einem Detektiv am ähnlichsten erscheinende Handlung des Dude ist, bei einem gerade benutzten Notizblock die nächste Seite locker mit einem Bleistift zu schraffieren. Und was bei dieser „Ermittlung“ herauskommt, unterstreicht nur mal wieder, wie weit sich die Coens in diesem Film absichtlich vom Ursprungsmaterial abgewendet haben.

Brick, der Debütfilm des jungen Rian Johnson, ist wie Miller’s Crossing, den der Regisseur auch als Inspiration anführt, vor allem von Dashiell Hammett inspiriert, man findet etwa einige direkte Zitate aus The Maltese Falcon (der ja seinerzeit auch der Debütfilm des inzwischen seit zwei Jahrzehnten toten John Huston war). Doch Brick spielt nicht in den dreißiger oder vierziger Jahren des letzten Jahrhunderts, sondern heutzutage, an einer südkalifornischen Highschool. Nach der Entdeckung der Leiche einer jungen Frau in einem Entwässerungskanal (was ein bisschen an Laura Palmer in Twin Peaks erinnert) dreht der Film ähnlich wie in Sunset Boulevard dann vom Anblick der Wasserleiche (auch wenn diese hier nicht die Erzählerfigur ist) die Geschichte um zwei Tage zurück: Brendan (Joseph Gordon-Levitt, vielen bekannt aus der Fernsehserie 3rd Rock from the Sun, mir persönlich vor allem als Sprecher der Hauptrolle in Treasure Planet in Erinnerung) ist ein Außenseiter, der diesen Status auch mal vehement verteidigt. Er legt sich gern mal mit den vermeintlich stärkeren Fraktionen wie den jocks an, doch erst über einen telefonischen Hilferuf seiner Exfreundin Emily gerät er zwischen die wirklich gefährlichen Fronten. Auf der Suche nach den Hintergründen von Emilys Verschwinden gerät er mehrfach an den schlagfreudigen Tug, schließlich an den fast legendären Gangsterboss The Pin (Lukas Haas), in dessen geheimem Domizil einige der stärksten Szenen des Films stattfinden, bei denen der Regisseur durch sein geringes Budget zu einen erfinderischen Inszenierungslösungen getrieben wurde. Die dunklen Kellerräume des „Pin“ wirken wie aus einem David Lynch-Film, doch die groteske Differenz zwischen seiner Mutter, die Besuchern Milch und Kekse anbietet, und den sich auch im Elternhaus abspielenden Bandenkrieg wirkt eher wie aus Alan Parkers Bugsy Malone, nur mit dem Unterschied, daß es hier nicht nur Tortenschlachten zwischen den Mobstern gibt, sondern durchaus auch Opfer zu beklagen sind.

Der Film überzeugt nicht nur mit seinen Ehrerweisungen an diverse Filmklassiker (irgendwann ertönt mal die Zither von Anton Karas, Brendan wirkt während des Fortgangs der Geschichte immer ramponierter, ganz wie J. J. Gittes in Chinatown) und die genretypischen rauhen, aber amüsanten Dialoge („now we`re shaking the tree, now we see what falls on our heads“), sondern auch durch das bis zuletzt spannende Drehbuch, das immer wieder typische Elemente aus hard-boiled detective stories mit der heutzutage fast alltäglichen Schulhofgewalt kombiniert, und statt einer elaborierten Verfolgungsjagd per Auto auch mal eine Hetzjagd durch die Schulkorridore präsentiert, die auf schultypische Art endet, ohne dem Ganzen dabei seine Ernsthaftigkeit, Brisanz und Spannung zu nehmen.

Daß die femme - nein, eher jeune fille fatale ausgerechnet Laura (vgl. Preminger / Lynch) heißt, ist im ganzen Film noch eine der vordergründigsten und aufdringlichsten Entscheidungen des hiernach im Auge zu behaltenden Regisseurs Rian Johnson, der ansonsten einen astreinen Film Noir bietet, der sich durchweg mit den Klassikern der letzten 35 Jahre messen kann. Und über den Highschool-Dreh wird er vielleicht auch neue Freunde für ein etwas altmodisches Genre finden.