Originaltitel: Onna no kappa, Japan/Deutschland 2011, Buch: Shinji Imaoka, Fumio Moriya, Tom Mes, Kamera: Christopher Doyle, Musik: Stereo Total, mit Sawa Masaki (Asuka), Yoshirô Umezawa (Aoki), Ai Narita (Reiko Shima), Mutsuo Yoshioka (Hajime), Fumio Moriya, Emi Nishimura, Yutaka nishi, Hiroshi Satô, 87 Min., Kinostart: 27. Oktober 2011
Übersetzt heißt der Originaltitel soviel wie »Die Frau des Kappa«, weshalb ich erst mal erklären sollte, was ein Kappa ist. Hierbei verzichte ich ausnahmsweise auf eine gründliche Recherche innerhalb der japanisches Landesmythologie (schon vom Nintendo-Spielen weiß man um die seltsamen Wesen) und stütze mein Wissen ganz auf die durch den Film vermittelten Informationen. Kappas besitzen eine gewisse Ähnlichkeit zu Schnappschildkröten, sind aber dabei auffallend menschenähnlich, bewegen sich aufrecht, können reden und sehen im Grunde genommen aus wie Schauspieler in etwas ranzigen Klamotten, die über Mund und Nase gezogen eine Schnabelmaske tragen und auf dem Rücken durch eine ovale Öffnung in der Oberbekleidung einen kleinen Schildkrötenpanzer durchblicken lassen. Eine Möglichkeit, ein Kappa zu werden, ist der Tod eines Menschen in einem Gewässer, man kann dann als Kappa wiedergeboren werden (ob dies für alle Kappas respektive alle Wasserleichen zutrifft, klärt der Film nicht auf). Im Gegensatz zu Zombies, Vampiren und ähnlichen Untoten sind die Kappas eher zurückhaltend bis freundlich, sie ernähren sich vorwiegend von kleinen Fischen, sind aber auch Salatgurken (in Japan offensichtlich etwas dünner) nicht abgeneigt. Wie Schildkröten sind auch Kappas amphibischer Natur, auf dem Kopf tragen sie eine sogenannte »Mulde« (trotz des deutschen Begriffs nicht konkav, sondern der Schädelform entsprechend konvex, eine Art Tonsur, die aber eher wie eine fleischfarbene Yarmulke aussieht), die in regelmäßigen Abständen (alle paar Stunden) befeuchtet werden sollten, ansonsten erliegt der Kappa einem Schwächeanfall (der aber nur vorübergehender Natur ist). Der Kappa kann sich an sein Leben vor dem Tod erinnern (hier an sein früheres Elternhaus und ein Mädchen, für das er in der Oberstufe schwärmte), und mitunter bewegen sich Kappas in einer Art und Weise, die an eine 8Bit-Version von Walk like an Egyptian gemahnt.
In Onna no kappa lernen wir den Kappa Aoki zunächst mit einer subjektiven Kameraeinstellung unter Wasser kennen, während er zusieht, wie die 35jährige Asuka einen Fisch, den sie aus der Fabrik, in der sie arbeitet, rettete, freilässt. Dieser Blick erinnert an Jack Arnolds Creature from the Black Lagoon (dt.: Der Schrecken vom Amazonas) oder Spielbergs Jaws (dt.: Der weiße Hai). Doch die Beziehung zwischen dem vermeintlichen Monstrum und der Frau lehnt sich eher an (unterschiedlich tragische) Liebesgeschichten wie Beauty and the Beast, Swamp Thing, Edward Scissorhands oder King Kong, und auch wenn Asukas Hochzeit mit Hajime, dem etwa gleichaltrigen Chef der Firma, in der sie arbeitet, abgemachte Sache ist, hat Aoki, dessen nie abgeschickter Liebesbrief aus Schulzeiten später auftaucht, offenbar die älteren Rechte, und Hajimes fordernde, aber selten freigiebige Sexualität (Sie: »Nein, heute nicht!« – Er: »Ich brauch’ nicht lange.«) erweckt nicht unbedingt den Eindruck einer großen Liebe.
Apropos Sexualität: Unbedingt erwähnen sollte ich noch, dass Onna no kappa ein Pinkfilm ist, ein außerhalb von Japan kaum bekanntes Low-Budget-Softporno-Genre. Übrigens ist der Porno hier so soft, dass man zwar öfters die Brüste der beiden Hauptdarstellerinnen sieht, und auch den einen oder anderen Hintern und sexuelle Aktivitäten, aber in Sachen Primärgeschlechtsorganen ist hier abgesehen vom animalischen Riemen das Kappa (ein nicht einmal besonders überzeugender Spezialeffekt) absolute Fehlanzeige. Das Pornofilmchen wird hier außerdem noch zum Möchtegern-Musical. Musicals und Pornos zeichnen sich ja zumeist dadurch aus, dass die narrativen Sprechstrecken meist nur möglich schnell oder gelungen von einer »Nummer« zur nächsten führen sollen, da hier aber weder die Sexszenen besonders antörnend oder ästhetisch interessant sind, noch die Musicaleinlagen (trotz der Vertonung durch die deutsche Band Stereo Total) anhand ihrer musikalischen oder tänzerischen Elemente überzeugen (es kommt selten vor, dass ich - als Dreizentnermensch - mir einbilde, ohne viel Training aus dem Stand in einem Musical mittanzen zu können), kann man sich bei Onna no kappa ganz auf die Geschichte konzentrieren und auch bei den Songs lieber die untertitelten Lyrics betrachten als die umher springenden Hobby-Enthusiasten, die sich nicht übermäßig Mühe geben, dem Playback-Gesang in irgendeiner Form (Lippen- oder sonstige Bewegungen) zu entsprechen.
Denn trotz des hier fröhlich zur Schau gestellten Dilletantismus (zweite Takes sind was für Verlierer!) hat die Geschichte an sich durchaus einige interessante Aspekte. Etwa den angedeuteten Machtkampf zwischen den zwei unterschiedlichen Männern (»Ich bin von den Toten auferstanden. Von einem wie dir lass ich mich nicht unterkriegen!«). Oder den »Todesgott« (ein Kettenraucher, der sieben Armbanduhren trägt!), der sich der jungen Liebe in den Weg stellt, aber nicht mit Frauenpower gerechnet hat (ein paar Fußtritte, und der »Gott« hängt in den Seilen), denn Asuka schreckt weder davor zurück, sich eine tennisballgroße »Analperle« reinzupfropfen, noch lässt sie ihr Liebesglück dadurch einschränken, dass der Großteil der (die Figuren) befriedigenderen Schäferstündchen des Films klar unter Nekrophilie läuft.
Der international gesehen bekannteste Beteiligte am Film, Kameramann Christopher Doyle, kaspert auch fleißig herum, setzt teilweise absurde Lichtpunkte (die Glühbirnen am Steg) und setzt die Bezeichnung Pinkfilm wortwörtlich um, indem er subtile rosa Filter benutzt, die zunächst den verliebten Blick des Kappa auf Asuka kennzeichnen, dann aber entsprechend der allgegenwärtigen »who cares?«-Mentalität recht inflationär eingesetzt werden. Obwohl der seit letztem Jahrtausend auf den asiatischen Raum abonnierte Filmverleih rapideyemovies international mitproduziert, ist diesmal mit keiner Erfolgswelle zu rechnen, wie die Kölner sie einst mit Bollywood in Deutschland entfachten.