USA 2012, Buch: Lucy Alibar, Benh Zeitlin, Lit. Vorlage: Lucy Alibar, Kamera: Ben Richardson, Schnitt: Crockett Doob, Affonso Goncalves, Musik: Dan Romer, Benh Zeitlin, mit Quvenzhané Wallis (Hushpuppy), Dwight Henry (Wink), Levy Easterly (Jean Battiste), Lowell Landes (Walrus), Pamela Harper (Little Jo), Gina Montana, LZA, Amber Henry (Miss Bathsheeba), Jonshel Alexander (Joy Strong), Nicholas Clark (Sticks), Henry D. Coleman (Peter T), Kaliana Brower (T-Lou), Philip Lawrence (Dr. Maloney), Kendra Harris (Baby Hushpuppy), 92 Min., Kinostart: 20. Dezember 2012
Independent-Filme mit geringem Budget kompensieren diesen vermeintlichen Nachteil in den günstigeren Fällen mit einer Kreativität, die manchmal zu visuellen Höhenflügen verleitet. In Maßen sah man so etwas zuletzt in Jan Zabeils Der Fluss war einst ein Mensch, einem Road-Movie auf Wasserstraßen, weitaus elaborierter kann man es jetzt in Beasts of the Southern Wild miterleben, einer Art Heimatfilm (ohne die miefigen deutschen Assoziationen), der zur Hälfte quasi landunter spielt.
In beiden Filmen geht es auch um die Konfrontation mit mythischen Komponenten der Natur, doch während im einen Fall Hauptdarsteller (und Co-Autor) Alexander Fehling quasi als Stellvertreter für den Zuschauer in die andersartige Welt des afrikanischen Kontinents eindringt wie einst der Erzähler in Joseph Conrads Heart of Darkness, ist es hier die kleine Erzählerin Hushpuppy (Quvenzhané Wallis), die aktiv daran mitwirkt, dass man als Zuschauer den Boden unter den Füßen verliert. Und dies nicht nur im wortwörtlichen Sinn, wenn ein Sturm mit Überschwemmung Hushpuppys Wohnort, den »Bathtub«, tief in den Bayous New Orleans heimsucht.
Schon vor der zentralen Veränderung ihres Umfelds wirkt Hushpuppys Welt teilweise wie eine abgemilderte Version von Terry Gilliams Tideland (trotz des Titels geht es da nicht um Gezeiten). Sie lebt in einer Welt der Vernachlässigung, auf ihren Vater kann sie sich nicht verlassen, ihre Mutter lebt nur noch in Erinnerungen. Und so bestreitet sie das Abenteuer des Erwachsenwerdens oft ganz allein. Wobei schon mal eine Herdflamme ein Zuhause vernichten kann, man aber dennoch schnell der Ansicht ist, dass dieses kleine großäugige Mädchen selbst übermächtigen Feinden trotzen kann, so wie derzeit Dorothy oder Alice.
Wohlgemerkt, Beasts of the Southern Wild ist (wie Tideland) kein Kinderfilm, selbst wenn er aus Kinderperspektive erzählt und ein Kind der Protagonist ist. Der Debütfilm des wahrlich unerschrockenen Benh Zeitlin, der zusammen mit der Künstlergruppe »Court 13« erstaunliche Visionen auf die Leinwand bannte, erzählt auch von den Traditionen der Bayous, von sozialpolitischen Missständen und daraus erwachsenden Konflikten. Und natürlich vom Wetterkatastrophen-Schicksal New Orleans. Doch vor allem haut einen der Film um, wie es Terry Gilliam einst mit Jabberwocky tat (wieder der Lewis-Carroll-Bezug), oder mit The Fisher King (der mit Carlo Collodis Pinocchio einen weiteren Kinderbuchklassiker tief im Herzen trägt).
Mein persönliches größtes Problem war, dass ich den Film leider in Synchro sah (erste Pressevorführung verpasst), und weil ich nicht wie einige Kollegen schon das halbe Presseheft durchlese, bevor im Kino das Licht ausgeht, brauchte ich erstmal eine gute Viertelstunde, bis ich mir sicher war, dass der Film in New Orleans spielt und nicht etwa in Afrika (der eindeutige Sprachrhythmus entfiel, die zuckersüße Voice-Over-Stimme Hushpuppys hätte auch von Til Schweigers Tochter stammen können, ich weiß nach wie vor nicht, ob sie nicht im Original erdverbundener und zumindest im Ansatz etwas rotziger geklungen hat, spreche aber hier im Zweifel für den -unschuldig - Angeklagten).
Ich könnte noch viel über den Film erzählen, versuchen, seine Geheimnisse auf Papier zu bannen. Doch man sollte es selbst erleben, denn ich würde wahrscheinlich auch jämmerlich versagen, wenn ich den Geschmack von paniertem Alligator beschreiben müsste. Einfach mal selbst reinbeißen, furchtlos sein und überwältigen lassen. In Sundance und Cannes überwältigte der Film auch schon.