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19. März 2013
Thomas Vorwerk
für satt.org


  Spring Breakers (Harmony Korine)



Spring Breakers (Harmony Korine)



Spring Breakers (Harmony Korine)

Bildmaterial © 2013 Wild Bunch Germany

Spring Breakers (Harmony Korine)



Spring Breakers (Harmony Korine)
Deutsche Premiere am 19. 2. 2013


Spring Breakers (Harmony Korine)
Selena-Fans



Spring Breakers
(Harmony Korine)

USA 2012, Buch: Harmony Korine, Kamera: Benoît Debie, Schnitt: Douglas Crise, Musik: Cliff Martinez, Skrillex, Kostüme: Heidi Bivens, mit Selena Gomez (Faith), Ashley Benson (Brit), Vanessa Hudgens (Candy), Rachel Korine (Cotty), James Franco (Alien), Thurman Sewell, Sydney Sewell (ATL Twins), Gucci Mane (Archie), Heather Morris (Bess), Emma Holzer (Heather), Ash Lendzion (Forest), Cait Taylor (Tiffany), Josh Randall (Jock), Owen Harn (Alien's Thug), John McClain (Judge), 94 Min., Kinostart: 21. März 2013

Mit 19 (also ca. 1992) schrieb Harmony Korine das Drehbuch zu Larry Clarks Kids (1995), und das Erstaunlichste an dieser frühen Präsentation seines Talents war, dass er zwei Jahre später sein Regiedebüt Gummo lieferte, dann u.a. mit Ken Park ein weiteres Drehbuch für Clark lieferte, und fortfuhr, selbst Filme zu inszenieren. Oftmals provokative Filme, aber mit einer sehr persönlichen Handschrift.

Mittlerweile ist Korine 40, und sein neuester Film spiegelt erneut die Vergnügungssucht junger Menschen, wie sie schon in Kids Thema war (zu Sex, Alkohol und Drogen gesellen sich hier auch noch die Geldbeschaffung mit höchst kriminellen Mitteln und ein gewaltbereiter Machthunger). Vielleicht ist diese Rückkehr zur Mentalität der Jugend aber auch seiner Gattin Rachel verschuldet, die zwar immerhin schon 26 ist, aber gemeinsam mit den Langzeit-Teenie-Stars Vanessa Hudgens (24, High School Musical 1-3) und Selena Gomez (20, Wizards of Waverly Place), sowie der etwas unbekannteren Ashley Benson (24, drei Fernsehserien) ein Quartett von vergnügungssüchtigen Jungstudentinnen spielt, die sich beim legendären »Spring Break« mal so richtig austoben wollen. Also quasi ein Film respektive eine Rolle, die er seiner jüngeren Frau auf den Leib schreiben konnte – statt durch den Altersunterschied Distanz zu riskieren, zeigt er, wie geistesverwandt er ist – und macht sie dabei sozusagen noch jünger als sie ist! Auch eine Art von gelungener (und kreativer) Paartherapie.

Dass Spring Breakers die mit Abstand erfolgreichste Regiearbeit Korines werden dürfte, hängt natürlich auch damit zusammen, dass vier junge Frauen, die selten mehr als einen Bikini und Hot Pants tragen, mehr Zuschauer anlocken als ein Tornado-Gebiet (Gummo) oder (keine detaillierte Erklärung des Titels notwendig) »Trash Humpers«.

Ich muss zugeben, dass ich persönlich schon zu Zeiten von Kids (da war ich 28) nicht unbedingt den Zugang zur Mentalität all seiner Protagonisten fand, der Film war aber kolossal in seiner Herangehensweise, Ästhetik und Message. Bei Spring Breakers war die erste Stelle, bei der ich mich wunderte, jene, wo ein Vorlesungssaal gezeigt wurde, der Dozent eine Leinwandpräsentation vorführt, und jeder – aber wirklich jeder! – Studierende auf seinem Arbeitsplatz ein Laptop aufgeklappt stehen hat, auf dem sich das Geschehen auf der Leinwand wiederholt – teilweise mit netzverschuldeter Verspätung. Die Notwendigkeit, jederzeit mit einem Computer (oder wenigstens einem Smartphone) herumzurennen, hat sich mir noch nicht erschlossen, und ob sich der Unitäts-Alltag in den letzten fünf Jahren derart verändert hat – oder Harmony Korine hier bereits leicht satirisch Trends überzeichnet … ich mag es nicht entscheiden, das dezidierte Zielpublikum wird es wissen – so wie die »Kids« zu Zeiten von Kids wussten, ob man ohne Skateboard und wöchentlich einer Entjungferung keine akzeptable Lebensqualität erreichen konnte.

Die vier jungen Frauen in Spring Breakers sind angeödet vom College-Alltag und fiebern dem Feierexzess des Spring Breaks entgegen. Die Ausmalung sexueller Freizügigkeiten durchbricht die Unterrichtssituation, der Film betont die Wunschträume seiner Protagonisten (oder seiner Zuschauer) dadurch, dass man überhäufig immer wieder Bilder sieht von (größtenteils komplett von der Handlung abgeschnittenen) feiernden jungen Leuten am Strand, die bevorzugt entblößte Brüste in Zeitlupe in die Kamera drücken und dabei ihre mit Alkoholika oder zumindest mit Wasser übergießen. Wenn man sich suggestiv bis zum Anschlag ein Eis am Stiel in die Kehle rammt, reicht das zur Not auch. Und die donnernde Musik von Skrillex und Cliff Martinez (zuletzt in Drive vergleichsmäßig verhalten) vertont das Ganze.

Zurück zum College. Faith (Selena Gomez) gehört offensichtlich nicht ganz zu den anderen dreien, passend zu ihrem Namen ist sie gläubig (man lernt sie bei einer Art College-Gebetstreffen kennen), und wenn die vier bald gemeinsam auf Tour sind, dann ist sie diejenige, die bei ihrer Großmutter anruft und ihr mit reichlich beschönigenden (bzw. verharmlosenden) Worten ihre Ferien beschreibt. Inwiefern sie sich der Differenz ihrer Worte zur Situation bewusst ist, ob sie gar aus irgendwelchen Gründen ihre Schilderung selbst ironisiert, das löst der Film nicht auf. Aber man darf wohl davon ausgehen, dass die Figur nicht so naiv ist, dass sie diese Divergenz selbst nicht bemerkt. Auf die Bedürfnisse des langjährigen Disney-Stars mit Millionen von Fans passt die Rolle übrigens hervorragend: Einerseits kann Gomez ihre Möglichkeiten demonstrieren, sie tritt in einer provokativen, künstlerisch ausdrucksfähigen Independent-Produktion auf, andererseits bricht sie nicht mit ihren Fans (oder deren Eltern), denn sie ist die moralisch einwandfreie Figur, die nach Konfrontation mit suspekten Verlockungen lieber die Gruppe verlässt.

Doch zurück zur Ausgangslage, denn die vier Mädels erkennen zunächst einmal, dass ihre Ersparnisse den geplanten Erlebnissen nicht entsprechen (was für eine Überraschung, jede muss wohl gedacht haben, dass die anderen drei weitaus mehr für die Urlaubskasse beitragen …). Und deshalb organisiert man kurzentschlossen einen Raubüberfall. Zwar mit Wasserspritzpistolen, aber mit der notwendigen Härte, die man sich jeweils in wiederholten Mantras eingetrichtert hat (»Let's just get that fucking money! We have to be hard!«). Ganz wie die eingeschnittenen Strandbilder als Idealbild eines »Spring Breaks«, wie er kulturell vermittelt wird sind auch die häufigen Wiederholungen weniger zentraler Kernsätze – wie sie von den Mädchen eingebracht werden – ein unübersehbares Stilmittel des Films, das mich wie die knallbunten Farben und die – sagen wir mal: bedenkliche – Mentalität der Damen schnell (also jetzt bereits während der Filmvorführung) auf Abstand brachte und auch nicht in geringem Maße erzürnte. Girls just wanna have fun. Und dafür terrorisieren sie auch (es wird auch vage angedeutet, dass Faith von den anderen dreien auch mal etwas gemobbt wurde), solange es ihnen selbst nur Freude bereitet, ist die Reaktion der ausgeraubten reichlich uninteressant. Auch, wenn der Film diese Figuren in einer leicht improvisierten Plansequenz – natürlich mit Wiederholungen in Zeitlupe! – eigentlich kaum betont, ist es ja mein Recht, mich auch mal von den Hauptdarstellerinnen zu entfernen und stattdessen über die Komparsen nachzudenken.

Doch dann geht es endlich los. Zur Abwechslung noch mal ein paar Strandbilder von freudigen Ausschweifungen, dann ein paar Aufnahmen davon, wie unsere vier Girls in knalligen Bikinis auf Motorrädern umhercruisen. Zu großen Teilen muss man sich die Verschmelzung der Aktivitäten der barbusigen No-Name-Darstellerinnen mit den zwar freizügigen, aber nie textillosen Stars wohl dazu denken, wie viel oder wie wenig da an Sex, Drugs & Rock'n'Roll läuft, bleibt der Fantasie der Zuschauer überlassen. Aber auf jeden Fall dauert es nicht lange, bis die Polizei einschreitet, und ausgerechnet unsere vier landen dann in Gewahrsam. Dresscode Bikini sei's gedankt, dass man nicht wegen Drogenbesitz verknackt wird, aber so eine Polizeizelle ist schon etwas ernüchternd. Und dann kommt James Franco als »Alien« ins Spiel, lässt die Kaution rüberwachsen und ist sozusagen der »Retter«. Ob der Mädchen, der Stimmung oder des Urlaubs, lasse ich an dieser Stelle noch mal offen.

Dieser Text ist bereits viel länger als beabsichtigt geworden, ich will dem Film auch noch einige seiner Überraschungen und Entwicklungen belassen. Soviel sei gesagt: Franco als »Alien« bringt zwar Komik in den Film und ist auch eine Art Vorbild für die Mädchen (»Schaut, wie viel Geld und wie viele Waffen ich habe!«), es ist aber offensichtlich, dass er ein Gangster ist und dass er die Mädels (oder so viele, wie von den ursprünglichen »four little chickies« überbleiben) auf einen Weg führt, der weniger mit einem Strandausflug als mit ernsthafter Kriminalität zusammenhängt. Was in den seltensten Fällen zu einem fröhlichen Happy End führt (da »Alien« DePalmas Scarface auf einer Dauerschleife seines Entertainment-Centers konsumiert, weiß er auch selbst darum).

Dies könnte zu einem fortgesetzten Ärgernis des Kritikers führen, doch dann zeigt sich, dass Harmony Korine seinen Film (und seine Erzählmittel) tatsächlich sehr clever durchdacht hat. Denn wie der Film endet, das besänftigte mich nicht automatisch. Es zeugte aber von einer Meisterung des Mediums, die mich ungeachtet meiner Vorbehalte gegen die Verherrlichung vieler doch eher verdammenswerter Wunschträume auf eine ganz seltsame Art für den Film einnahm. Man kann kritisieren, was der Film macht, was seine Figuren machen, was das aussagen soll. Man kann auch (und ich habe das bereits in diesem Text gemacht) darüber meckern, wie die dauernden Wiederholungen einfach nur nerven. Doch am Schluss erreicht Korine mit diesen Stilmitteln exakt das, was er will. Und auch, wenn ich die Gefahr sehe, dass etwa meine 15-jährige Nichte, die jahrelang Gomez-Fan war, diesen Film bald sehen könnte (FSK 12!) und nicht alles auf die selbe Art reflektiert wie ich (»Wow! Cooler oranger Sportwagen! Vielleicht sollte ich auch Drogenhändler werden …«), so muss ich dem Regisseur doch zugestehen, dass er seine Vision genial umgesetzt hat und Spring Breakers von allen Filmen über Bikinischönheiten, die mit Schnellfeuerwaffen durch die Gegend ziehen, klar der beste ist. Zwiespältig, aber sehenswert. Trotz allenfalls mäßiger Schauspieltalente (James Franco schaut man immerhin gern bei der Arbeit zu) und einem weiteren Überschreiten der Höchstmenge an Zeitlupe, die ich in einem Film ertragen kann.