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24. Februar 2016
Thomas Vorwerk
für satt.org


  Spotlight (Tom McCarthy)


Spotlight
(Tom McCarthy)

USA 2015, Buch: Tom McCarthy, Josh Singer, Kamera: Masanobu Takayanagi, Schnitt: Tom McArdle, Musik: Howard Shore, mit Mark Ruffalo (Mike Rezendes), Michael Keaton (Walter »Robby« Robinson), Liev Schreiber (Marty Baron), Rachel McAdams (Sacha Pfeiffer), John Slattery (Ben Bradlee, jr.), Brian d'Arcy James (Matt Carol), Stanley Tucci (Mitchell Garabedian), Elena Wohl (Barbara), Gene Amoroso (Steve Kurkjian), Doug Murray (Peter Canello), Sharon McFarlane (Helen Donovan), Jamey Sheridan (Jim Sullivan), Neal Huff (Phil Saviano), Billy Crudup (Eric Macleish), Duane Murray (Hansi Kalkofen), Len Cariou (Cardinal Law), Paul Guilfoyle (Pete Conley), Richard Jenkins (Voice of Richard Sipe), 128 Min., Kinostart: 25. Februar 2016

Tom McCarthy ist eines der besten Beispiele dafür, warum auch Schauspieler es mal mit der Regie versuchen sollten. Ob The Station Agent oder The Visitor (und, mit Einschränkungen, Win Win): gerade für kleine Filme, in denen weniger bekannte Schauspielkollegen zu Höchstform auflaufen können, hat McCarthy ein glückliches Händchen.

Umso überraschender, dass er nach einigen Achtungserfolgen, die vermutlich alle ihr Budget eingespielt haben, aber Hollywood nicht unbedingt ins Wanken gebracht haben, nun ein doch deutlich größeres Werk stemmen durfte, bei dem er nicht zuletzt auch durch das Drehbuch überzeugen musste, weil in die realen Geschehnisse eines legendären Zeitungscoups (der eine globale Infragestellung katholischer Priester in Gang trat) schon diverse Figuren verwickelt werden, die von einem Ensemble diverser »mittlerer« Stars dargestellt werden. Wobei es in dem Film keine Hauptrolle gibt und auch niemanden, der sich besonders in den Vordergrund spielt – alle stellen sich ganz in den Dienst des Films.

Spotlight (Tom McCarthy)

Bildmaterial © Paramount Pictures International

Gerade in der Originalfassung sind die ersten zwanzig Minuten des Films eine gewisse Herausforderung, weil man einfach eine Menge Figuren kennen lernt (die bekannten Gesichter helfen hier) und manche anfänglich nur erwähnte Personen dann auch noch komplizierte Namen wie Gheogan (gesprochen: »Geigen«) tragen. Ich muss zugeben, dass ich auch eine Zeitlang brauchte, bis ich begriff, dass »cardinal law« nicht etwa ein Gesetz ist, mit dem ich nicht vertraut bin, sondern eben ein Kardinal, der mit Nachnamen »Law« heißt. Da haben die Personen, die mit dem Fall vertraut sind, schon diverse Vorteile. Dass der Film mit einer Szene aus dem Jahr 1976 beginnt, die erst mit einiger Verspätung zum restlichen, 2001 spielenden Teil des Films eine konkrete Verbindung erfährt, verwirrt auch ein wenig (insbesondere, wenn man im Vorfeld nicht weiß, worum es im Film geht). Aber umso toller ist es dann, wenn sich irgendwann die vielen kleinen Mosaikstückchen zusammenfügen und der Film einen tollen Flow entwickelt, der einen wortwörtlich mitreißt.

Spotlight (Tom McCarthy)

Bildmaterial © Paramount Pictures International

Als Dienst am Kunden hier mal eine Vorstellung einiger der wichtigsten Figuren: Zunächst haben wir da das »Spotlight«-Team des Boston Globe, eine kleine Gruppe von Journalisten, die in etwas freierer Form investigative Arbeit leistet. Geführt wird das Team von Walter Robinson (Michael Keaton), der mit seinen drei Kollegen gemeinsam »langfristig« recherchiert, was in den Jahren der Wirtschaftskrise natürlich immer stärker zu einem Luxus wird, den sich kaum eine Zeitung leisten kann. Rachel McAdams als Sacha Pfeiffer und Mark Ruffalo als Mike Rezendes tragen hier vor allem das emotionale Gewicht der gesamten Story. Wobei Ruffalo sich dadurch auszeichnet, dass er wirklich in jeder Szene – selbst, wenn er nur irgendwo im Hintergrund steht – quasi um sein Leben spielt. Wenn der Oscar für den Nebendarsteller an Sylvester Stallone gehen sollte (und damit rechnet ja so ziemlich jeder), ist das wie ein Faustschlag in Ruffalos so liebenswürdige Knautschvisage. Der letzte Reporter des Spotlight-Teams, Brian d'Arcy James als Matt Carroll, wirkt hier klar wie die Figur, die etwas »heruntergeschraubt« wurde, um das Ganze nicht noch komplizierter zu machen.

Spotlight (Tom McCarthy)

Bildmaterial © Paramount Pictures International

In der Hierarchie der Zeitungsredaktion ist Robinson / Keaton John »Roger Sterling« Slattery (den Rollennamen lasse ich jetzt mal weg, die Frisur erkennt man ja wieder) untergeordnet, außerdem gibt es einen neuen »managing editor« namens Marty Baron (Liev Schreiber), von dem alle erwarten, dass er Entlassungen vornehmen wird, und der generell jedem suspekt ist, weil er eben nicht aus Boston stammt – und noch nicht mal katholisch ist. Wenn man mal sieht, dass er ein Buch namens The Curse of the Bambino liest, so ist das etwa so, als wenn Til Schweiger als Tatort-Kommissar nach Gelsenkirchen versetzt wird und eine Biographie des Schalke-Stürmers Klaus Fischer liest. Er gibt sich immerhin Mühe, sich zu integrieren. Nur, dass das Buch über den Fluch, der auf den Boston Red Sox lastet (2004 wurde er gebrochen und sie gewannen nach 49 Jahren endlich wieder die World Series), natürlich auch noch von einem der bekannteren Autoren des Boston Globe geschrieben wurde. Das zeigt nur mal, wie viel hier mit winzigen Details alles erzählt wird. Und wenn ich nicht zufällig Stewart O'Nan und Stephen King zu meinen Lieblingsautoren zählen würde und deshalb natürlich auch ihr gemeinsam geschriebenes Sachbuch über eine Saison ihrer Lieblings-Baseball-Mannschaft gelesen hätte, hätte ich dieses Detail vermutlich übersehen oder überhört. Aber ich schweife ab.

Spotlight (Tom McCarthy)

Bildmaterial © Paramount Pictures International

Zu den wichtigen Figuren des Films gehören auch noch drei Anwälte, die sehr unterschiedlich in ihrer … nennen wir es mal »Berufsethik« vorgehen (wer jetzt die schwarze, die graue oder die weiße Weste trägt, bekommt man schon selbst raus – man will ja auch nicht zu viel spoilern): wie immer großartig Stanley Tucci als Mitchell Garabedian (noch so ein komplizierter Name, den man in einem rein fiktiven Drehbuch sicher anders wählen würde), außerdem Billy Crudup als Eric Macleish und Jim Sullivan als Jamey Sheridan als Jim Sullivan.

Neben einer sehr an »Deep Throat« aus All the President's Man (deutsch: Die Unbestechlichen)erinnernden Sprechrolle für Richard Jenkins fällt aus dem Kreis der »Informanten« noch Neal Huff als Phil Saviano auf, dem man aber als Mitglied einer schwulen Vereinigung von Missbrauchsopfern nicht vertraut, weil er offenbar eine eigene Agenda verfolgt.

Mit Kill the Messenger gab es ja erst vor kurzem ein Beispiel dafür, wie schwer es ist, einen Film über investigativen Journalismus zu drehen. Spotlight macht hier eigentlich fast alles richtig, wobei es am interessantesten ist, dass man als Zuschauer auch die innerbetrieblichen Umstände nachvollziehen kann. Wie sicher müssen die Quellen sein? Wie kann man Quellen schützen, aber gleichzeitig nicht anfechtbar sein? Wie viel Zeit darf man sich für die Recherche lassen, bis eine andere Zeitung einem zuvor kommt oder die Gegenstreiter (»the church thinks in centuries«) Beweismaterial verschwinden lassen? Und dann kommt (2001? Da war doch noch was …) auch noch eine andere Nachricht, die die Publikation quasi »sabotiert« – in neun von zehn Drehbüchern hätte man einige dieser »Komplikationen« einfach glattgebügelt oder weggelassen …

Spotlight (Tom McCarthy)

Bildmaterial © Paramount Pictures International

Aber neben einer Menge Dialogen arbeitet McCarthy auch visuell. Immer mal wieder wird betont, wie das Stadtbild Bostons von Kirchen und Spielplätzen (oft direkt nebeneinander) beherrscht wird. Und eine meiner Lieblingsszenen des Films zeigt etwa »wie nebenbei«, wenn Mark Ruffalo in einem Taxi an einem bereits interviewten Opfer vorbeifährt, das mit seinem Sohn auf dem Spielplatz in einem fast idyllischen Bild der Hoffnung verbleibt.

Und bis zuletzt gibt der Film sich Mühe, verschiedene Perspektiven zu sehen. Und unzählige Graustufen. Es gibt nicht nur Täter und Opfer, sondern auch viele Fehleinschätzungen und Versäumnisse. Oder wie es kurz vor Schluss in einem Dialog heißt:

»He's a scumbag!«
»He's a lawyer. He's doing his job.«