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Die Box


 

August 2003
Christina Mohr
für satt.org


Blumfeld:
Jenseits von Jedem

What's so funny about/ZickZack 2003

Blumfeld: Jenseits von Jedem

Erscheint am 1. September 2003
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So sind wir halt
Blumfeld: Jenseits von Jedem



Einfach eine neue Platte einer Band – so simpel beschreiben Blumfeld selbst ihre LP "Jenseits von Jedem" (siehe Spex-Interview # 8/2003). Tja, wäre schön, wenn es für die Fans genauso einfach wäre; schließlich haben Blumfeld den beeindruckendsten theoretischen Überbau aller deutschen Rockbands ever, die Bezeichnung "Diskursrocker" will erstmal verdient sein. Blumfeld waren die hochbegabten Wunderkinder der Hamburger Schule, denen man Platten mit gefühlvollen Liebesliedern ("Old Nobody", "Testament der Angst") nicht ohne weiteres verzieh; schließlich hatte die Band mit "Ich-Maschine" und "L’État et Moi" zwei Meilensteine vorgelegt, die die deutsche Musikszene nachhaltig veränderten. Plötzlich war es schick, Texte zu interpretieren, sie auf Zitate und Bezüge zu untersuchen, Blumfeld (eine Kafka-Figur!) wurden zur Lieblingsband verkopfter Studis. Unvergessen bleibt in diesem Zusammenhang der Typ, der bei einem Blumfeldkonzert in der Frankfurter Batschkapp (frühe Neunziger) Jochen Distelmeyer seine Brille in die Hand drückte, bevor er von der Bühne aus ins Publikum sprang. Der Prototyp des Blumfeldfans. Blumfeld

Bei allem Zitatespotting wurde schnell übersehen, dass Blumfeld auch eine ziemlich gute (Live-)Band sind und vor allem Jochen Distelmeyer ein guter Gitarrist. Trotz oder wegen personeller Veränderung (Michael Mühlhaus spielt jetzt Bass, Peter Thiessen kümmert sich nun ganz um seine Band Kante) treten diese Qualitäten auf "Jenseits von Jedem" wieder verstärkt in den Vordergrund: Blumfeld spielen mit verschiedenen Stilen, schon der Opener "Sonntag" kommt honkytonkmäßig-beschwingt daher; insgesamt ist das Tempo der Platte relativ zurückgenommen, nur bei zwei, drei Titeln geht es knackiger zur Sache. Blumfeld machen jetzt – ja, schöne Musik. Text und Sound haben zueinander gefunden, was bislang nicht selbstverständlich war. Die Stimmung ist mild, versöhnlich, harmonisch, unterschwellig schwermütig, aber im Grunde voller Hoffnung und voll Freude am Dasein. Klingt das jetzt nach Hippie-Kitsch und Kirchentag? Ja, ein bißchen schon – Textzeilen wie "Und der Tag scheint rüber zu mir wie ich so durch die Schöpfung spazier" ("Sonntag", 1. Stück auf der Platte) oder "Und Gott zieht durch die Galaxien / Er ist so einsam und allein / An manchen Tagen scheint er zu sagen: / Ich bin o.k. Die Welt ist schön, ich lebe gern" (Die Welt ist schön, letztes Lied) zeugen von einem Distelmeyer, der seinen Frieden mit der Welt gemacht hat – in der sogar Gott einen Platz findet.

Die super-allgemein gehaltenen Songtitel - "Armer Irrer", "In der Wirklichkeit", "Alles macht weiter", "Jugend von Heute", "Wir sind frei", "Die Welt ist schön" - machen klar, dass Blumfeld kein großes rein- und ruminterpretieren mehr provozieren wollen; wir sind wie wir sind, wir machen was wir wollen und was wir können und alle, die möchten, dürfen mit dabei sein – auch ohne Doktorhut. Blumfelds neue Gelassenheit bewirkt, dass alles geht: Punkrock und Songwriting, Swing und Dylan, Melancholie und Freude, Trauer und Zuversicht, Wehmut und Liebe. Alles neben- und miteinander, kein Gefühl wird ausgelassen. Jochen nimmt uns an der Hand und singt: "Komm sag es allen: wir sind frei / Es gibt kein Müssen und kein Sollen / Wenn wir nicht wollen / Die Zeit der Heuchler ist vorbei / Und ihrer Barbarei / Denn wir sind frei" ("Wir sind frei", die aktuelle Single). Unwillkürlich erschrickt man: hab ich das Linkskitsch-Warnschild übersehen? Mit so viel unverbrämter Wahrheit muss man erst mal klarkommen! Aber Blumfeld verschleiern keine Inhalte mehr durch Andeutungen, so manche Selbstverständlichkeit wurde lange nicht mehr offen ausgesprochen, dass Blumfeld das nun tun – ohne Berührungsangst vor romantischer Hippieutopie und auch auf die Gefahr hin, kräftig mißverstanden zu werden. "Jugend von Heute" zum Beispiel macht nicht wirklich klar, ob unser Jochen die Jugendlichen vor ihren spießigen Eltern in Schutz nehmen möchte (es könnten schließlich auch seine Kinder sein!!) oder ob er sich als sich selbst falsch wahrnehmender Ewigjugendlicher auf Seiten der "Kids" schlagen will.

"Krankheit als Weg" und "Armer Irrer" stehen textlich und musikalisch für den "klassischen" Blumfeldstil – eher rockig, die Worte elegant und auf den Punkt, Sozialkritik am Einzelfall demonstriert: "Armer Irrer steht vorm Supermarkt / wie Don Quixote und schenkt sich selbst reinen Wein ein / ( …) Einsam geht er seiner Wege, armer Irrer, schlechter Held / unter Brücken, auf der Trebe, wertlos in der Warenwelt".

Natürlich kann der belesene Fan auch 2003 noch auf Referenz- und Fußnotensuche gehen: "Der Sturm" – klar, Shakespeare; "Jenseits von Jedem" verweist allein vom Titel her dreifach auf John Steinbeck, James Dean und Nino de Angelo. Der 15(!)-minütige Song ist reich bevölkert mit archetypischen Gestalten wie Dracula, Cleopatra, Sir Lancelot oder Käptn Ahab und hört sich an, als hätte Distelmeyer nach einer Überdosis Bob Dylan versucht, ein eigenes "American Pie" zu schreiben. Mit noch mehr Strophen. Distelmeyer gibt den am Rande stehenden Beobachter: "Ich sing mein Lied – das ist mein Leben / Ich sing für Dich, denn alles, was mir fehlt, bist Du". Bei aller Wimmeligkeit der Welt ist das private Glück dann doch das einzige, was zählt. Das zeigen Blumfeld auch auf dem Cover, vorne: Band vor Auto, gesichtslose Häuserwände, farbloser Himmel, trotz Farbfilm irgendwie schwarzweiß. Auf der bunten Rückseite lächelt uns ein glücklicher Jochen Distelmeyer von der Picknickdecke an – im Kreise seiner Lieben, vor Kuchen und Wein, Blumfeld sind angekommen, die Welt ist schön.