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April 2007
Christina Mohr
für satt.org

Blumfeld: Ein Lied Mehr


Blumfeld:
Ein Lied Mehr.
The Anthology Archives 1

Boxset mit 5 CDs
(Buback, Blumfeld 2007)

Blumfeld: Ein Lied Mehr. The Anthology Archives 1
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Okay, alles ist gesagt, alle wissen Bescheid: Blumfeld werden ab dem 25.5.2007, nach dem allerletzten Konzert in Hamburg unwiderruflich Geschichte sein. Mittlerweile ist der Schock ob der Trennungsmeldung halbwegs verarbeitet. Jochen Distelmeyer hat sich ausgiebig zum Ende der wichtigsten deutschen Band der letzten 16 Jahre geäussert und seine Beweggründe erklärt – und mittlerweile wird Verständnis seitens der Fangemeinde kundgetan. Das Bild vom „geschlossenen Kreis“ wird in Zeitungsartikeln über den Blumfeld-Split häufig verwendet und trifft es tatsächlich am Besten, was 1991 begann und 2006, kurz nach der Veröffentlichung von „Verbotene Früchte“ endete. Als ich (man verzeihe mir die persönliche Form, aber nichts anderes ist hier möglich: haben doch Blumfeld zur jeweils „eigenen Geschichte“ ihrer Fans beigetragen wie kaum eine andere deutsche Band) zum ersten Mal „Ghettowelt“ hörte, hatte ich kurz zuvor mein Studium begonnen, war dementsprechend ziel- und planlos und verwirrt. Dann Distelmeyers Stimme im Studentenwohnheimzimmer: „Ein Lied mehr, das Dich festhält / und nicht dahin lässt, wo du hinwillst / weg von hier / das wiegt schwer / wie mein neues T-Shirt / auf dem was draufsteht: baut eine Mauer um mich herum / baut eine Mauer“, dazu schrammeliger Gitarrensound, der noch lange nicht so gut produziert klang wie auf den späteren Platten.

Blumfeld (Stoptrick)

Blumfeld
(Foto: Stoptrick)


Blumfelds Abschiedstournee:
10.04.2007
Vier Linden, Hildesheim
11.04.2007
Forum, Bielefeld
12.04.2007
Kulturfabrik, Krefeld
13.04.2007
Bürgerhaus Stollwerck, Köln
14.04.2007
KFZ, Marburg
16.04.2007
Mousonturm, Frankfurt
17.04.2007
Karlstorbahnhof, Heidelberg
18.04.2007
Jazzhaus, Freiburg
20.04.2007
Kulturladen, Konstanz
21.04.2007
Conrad Sohm, A-Dornbirn
22.04.2007
Argekultur, A-Salzburg
23.04.2007
Szene, A-Wien
25.04.2007
Backstage, München
26.04.2007
Alte Mälzerei, Regensburg
27.04.2007
AKW, Würzburg
28.04.2007
Star Club, Dresden
29.04.2007
Postbahnhof, Berlin
17.05.2007
Bahnhof Langendreer, Bochum
18.05.2007
Barbara Kuenklin Halle, Schorndorf
19.05.2007
Mascotte, Zürich
24.05.2007
Fabrik, Hamburg
25.05.2007
Fabrik, Hamburg

Wow, das war anders – anders als der 1-2-3-4-Prügelpunkrock, der auf den Studiparties lief und die akustische Protestkulisse für das frisch vereinte Grossdeutschland bildete. Hier war jemand mit einer Menge Zorn, aber ohne die Faust, die auch Bebrillte schlagen würde. Die Freundin, die mir den Song vorspielte, nannte die Band „Blumfield“, als könne sie nicht glauben, dass diese Musik aus Deutschland kommt. Was nach der Single „Ghettowelt“ passierte, gehört inzwischen zum Allgemeinwissen der Popfans. Das erste Blumfeld-Album „Ich-Maschine“ war so überbordend gefüllt mit bahnbrechenden, wegweisenden Texten, Themen und Zitaten, dass es sofort zum Referenzwerk wurde – Blumfeld mussten sich nicht im Laufe vieler Jahre und Alben „beweisen“, einen Ruf begründen, sie wurden umgehend zum Massstab für alle, die mit und nach ihnen Musik mit deutschen Texten machen. Ohne eindeutige Positionierungen vorzunehmen, war ihre Verortung im linksintellektuellen Lager sofort klar, das verstand man, ob man nun alle Zitate von Theweleit, Baader, Marx oder sonstwem richtig zuordnen konnte oder nicht. Ab Stunde Null haftete ihnen daher der Nimbus der verkopften Studentenband an – als sei irgendetwas daran anrüchig, wenn man erstmal überlegt, bevor man einen Text schreibt. Blumfeld-Mastermind Jochen Distelmeyer hat viel überlegt und viel gelesen; aber Blumfeld waren auch immer eine Band, die rocken konnte, live und auf Platte. Dieser Umstand verhalf sicher dazu, dass Distelmeyers anspruchsvolle Texte auch gehört wurden – verbunden mit Blumfelds Fähigkeit, Slogans zu verfassen, die den puren Claim stets mit Sinn füllten. Politik, Geschichte und Privates wurden im Blumfeld'schen Kosmos zu einem wortreichen, endlosen, aufrührerischen Strang, kaum jemand, der mit Textzitaten wie „Lass uns nicht von Sex reden“ oder „Von der Unmöglichkeit, 'Nein' zu sagen, ohne sich umzubringen“ nichts anzufangen wusste. Dann die zweite LP, „L'État et moi“, unglaublicherweise noch besser als „Ich-Maschine“, weil stringenter, fester, klarer, noch mehr Text und Songs wie „Eine eigene Geschichte“, „Verstärker“, „Jet Set“ und „Draussen auf Kaution“. Kein weiterer Kommentar nötig. 1999 dann der Einschnitt: „Old Nobody“ erscheint, die Gemeinde ist – vorsichtig ausgedrückt – verwirrt. Was ist hier los? Warum lächelt die Band so freundlich vom Cover? Warum gibt es ein Video mit Helmut Berger? Was soll dieses lange Gedicht am Anfang der Platte? Und vor allem: was bedeuten die ganzen Liebeslieder, warum klingt Jochen jetzt wie George Michael? Blumfeld zeigten bereits auf ihrem erst dritten Album, dass sie nichts erklären müssen. Dass alles okay ist, was für Dich gerade wichtig ist. Dass es nicht okay ist, Erwartungen zu haben oder diese erfüllen zu müssen. „Old Nobody“ war Emanzipation – für Band und Fans. Dennoch ist danach nichts mehr wie früher, wenn „früher“ auch eine recht kurze Zeitspanne meint. Nicht-Versteher, Nörgler und Alphamännchen schreien Verrat und vergleichen Blumfeld fortan mit der Münchner Freiheit. Der „Fall Blumfeld“ zeigte deutlich, wie schwer man es sich in Deutschland mit seinen (wenigen) Popstars macht – dies und jenes ist erlaubt, das hingegen nicht …. Liebeslieder bei einer Intellektuellenband? Pfui, das ist Kitsch! Da muss man sich ja schämen!

Blumfeld beobachten das Geschehen amüsiert und machen weiter – sparsam im Output, verschwenderisch mit ihrer Energie beim Liveevent. Sechs Alben umfasst das Blumfeld-Werk, nicht viel nach 16 Jahren, eigentlich. Aber sie haben alles gesagt, alles gemacht, was im Konzept Blumfeld möglich war. Und nun ist Schluss. Weitermachen als unberührbare Instanz wäre so einfach gewesen, Blumfeld haben einen beispiellosen Status der Narrenfreiheit erreicht, gelten als unantastbar und rätselhaft – wunderbare Bedingungen für Künstler. Aber Distelmeyer sah und fand, es sei gut so.

Das gerade erschienene Box-Set mit dem pompösen Titel „Ein Lied mehr. The Anthology Archives Volume 1“ enthält die ersten drei Alben, eine Live-CD (aufgenommen in Wien – mit der langen Version von „Verstärker“) und eine CD mit „Various Recordings“, die neben einer Leonard-Cohen-Coverversion („The Law“) auch einen neuen Song enthält: „Deutschland der Deutschen“ heisst er, darin verarbeitet Distelmeyer die WM 2006. Seine scharfe Abrechnung mit dem „positiven Patriotismus“ des letzten Sommers zeigt, dass wir uns keine Sorgen machen müssen. Alles macht weiter, ganz gewiss auch Jochen Distelmeyer.



» www.blumfeld.de