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30. Januar 2013
Felix Giesa
für satt.org

Neue Comics von deutschen Zeichnerinnen und Zeichnern
Im zweiten Halbjahr des letzten Jahres ist gleich ein ganzer Schwung neuer Comics aus heimischer Produktion erschienen. Die Comics offenbaren dabei eine beeindruckende Vielzahl unterschiedlicher graphischer Stile und eine ungebrochene Erzählfreude der Zeichnerinnen und Zeichner. Teil eins von drei.
(Teil 2 | Teil 3)


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  Felix Pestemer: Der Staub der Ahnen
Felix Pestemer:
Der Staub der Ahnen

Berlin: Avant 2012
88 Seiten, € 24,95
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Felix Pestemer:
Der Staub der Ahnen

Der Debutcomic von Felix Pestemer ist zwar schon aus dem ersten Halbjahr 2012, passt aber dennoch gut in diese Reihe. Pestemer war Mitte des letzten Jahrzehnts mit einem DAAD-Stipendium in Mexiko. Aus seinen Feldstudien und Zeichnungen entstand in der Nachbereitung ein Bildband, der zwischen Dokumentation und Fiktion changiert. Wesentlicher Ausgangspunkt dieses selbstverlegten Bandes war der mexikanische 'Tag der Toten'. Der Band schien erfolgreich zu sein, denn Pestemer konnte ihn nun als durchgängige Erzählung aufgearbeitet im Berliner Avant Verlag veröffentlichen. Herausgekommen ist eine bildgewaltige Erzählung, die historische Fakten, kulturelle Gepflogenheiten und das Schicksal einer mexikanischen Großfamilie miteinander verflicht. Dreh- und Angelpunkt der Erzählung, die als Briefroman eines engen Freundes der Familie aufgebaut ist, ist immer wieder der 'Día de los Muertos'. An diesem wird sich traditionell der Verstorbenen erinnert, was durch die Generationen hinweg natürlich eine ganze Menge Schicksale werden. Eusebio, der Familienfreund, erinnert sich nun in seinem Schreiben einer ganzen Reihe Todesursachen, was bilderzählerisch durch unterschiedliche Farbgebung gelöst wurde: Die Gegenwart ist genauso bunt wie die Blumen und die Süßigkeiten am 'Tag der Toten', die Berichte von den Verstorbenen hingegen sind in Schwarz auf Sepiapapier gehalten. Das Briefbericht und Bilder sich dabei häufig stark unterscheiden, scheint die Position der Verstorbenen einzunehmen, die ihre letzten Geheimnisse wohl niemals preisgeben wollen. Entsprechend gibt es in Staub der Ahnen auch noch eine dritte Ebene, eben die der Toten. Diese feiern ebenfalls den 'Día de los Muertos' – als Feier für sich. Verknüpft sind die Ebenen von Diesseits und Jenseits in der traditionelle Auffassung durch die Masken der Toten. Diese unterstützen nicht nur die Erinnerung an die Verstorbenen, sondern halten diese auch im Nachleben. Vergeht die Maske, stirbt die Erinnerung und der Tote verschwindet endgültig. Felix Pestemer setzt die Bilder und Vorstellung des mexikanischen Kultes prächtig in Szene und hat damit eins der schönsten Debuts im letzten Jahr vorgelegt.

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  Reineke F. (Spring #9)
Reineke F.
(Spring #9)
Hamburg 2012
210 Seiten, € 16,-
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Spring Nr. 9:
Reineke F.

Graphisch noch auffälliger und abwechslungsreicher ist die nunmehr neunte Veröffentlichung des Springerinnen-Kollektivs. Wie gewohnt unter ein thematisches Thema gestellt, geht man diesmal jedoch gänzlich ungewohnt den Weg einer zusammenhängenden Erzählung. Ganz dem Trend der Literaturadaptionen wird hier frei nach Goethe Reineke Fuchs in ein Bildgeschichtenformat transformiert. Dabei findet die graphische Umsetzung im Fall von Spring keineswegs aus Distinktionsgründen statt, die einzelnen Künstlerinnen haben dergleichen auch gar nicht nötig, sondern Goethes Text dient hier lediglich als Ausgangspunkt, der einer gnadenlosen Modernisierung unterzogen wird. Und das auf der textlichen wie auf der graphischen Ebene, denn auch die Illustrationen zu Reineke Fuchs sind Legion. Auf all das verweist bereits die Verkürzung des Titels zu Reineke F.: „Der offengelassene Titel lässt Raum für vielerlei Lesarten der Titelfigur.“ wie es im Vorwort heißt. Dabei ist es gar nicht einmal die graphische Vielfalt und Experimentierfreude, die einen überrascht, das ist man ja bei Spring seit Jahr und Tag gewöhnt. Das wirklich überraschende ist, wie gut die Adaption der einzelnen Kapitel durch je eine Künstlerin als Gesamterzählung funktioniert. Waren die Beiträgerinnen in der Anfangszeit von Spring ziemlich konstant, ist seit zwei, drei Jahren einiges im Wandel, neue, junge Künstlerinnen kommen hinzu. Insbesondere Anne Vagt, die in der letzten Nummer schon überzeugte, Katharina Geschwendtner und Carolin Löbbert sollte man im Auge behalten. Spring Nr. 9 ist sicher ein Grund, warum man die Einstellung von Mome einigermaßen verkraften konnte.