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16. Januar 2013
Thomas Vorwerk
für satt.org


  Django Unchained (Quentin Tarantino)
Django Unchained (Quentin Tarantino)
Bildmaterial © 2012 Sony Pictures Releasing GmbH
Django Unchained (Quentin Tarantino)
Django Unchained (Quentin Tarantino)
Django Unchained (Quentin Tarantino)


Django Unchained
(Quentin Tarantino)

USA 2012, Buch: Quentin Tarantino, Kamera: Robert Richardson, Schnitt: Fred Raskin, mit Jamie Foxx (Django), Christoph Waltz (Dr. King Schultz), Leonardo DiCaprio (Calvin Candie), Kerry Washington (Broomhilda), Samuel L. Jackson (Stephen), Don Johnson (Big Daddy), Bruce Dern (Old Man Carrucan), Ato Essandoh (D'Artagnan), James Remar (Butch Pooch / Ace Speck), James Russo (Dicky Speck), Quentin Tarantino, James Parks, John Jarratt (The LeQuint Dickey Mining Co. Employees), Franco Nero (Bar Patron), Jonah Hill (Bag Head #2), Russ Tamblyn, Amber Tamblyn, Zoe Bell, Tom Savini, James Parks u.v.a., 165 Min., Kinostart: 17. Januar 2013

Nach Tarantinos vermeintlichem »Remake« Inglourious Basterds war das Interesse an seinem Django-Film schon im Vorfeld ähnlich ausgedehnt. Mittlerweile wusste man um seine Vorlagen-Untreue, doch dass er aus Django einen ehemaligen Sklaven machte, dürfte doch so manchen verwundert haben. Verglichen mit etwa Lars von Triers Manderlay behandelt Tarantino das Thema Sklavenhaltung und die Psychologie einer unterdrückten und ausgebeuteten Minderheit beinahe politisch korrekt, aber Tarantino wäre nicht Tarantino, wenn er nicht (gewollt) auch ein wenig anecken würde. So wird die von Samuel L. Jackson gespielte Figur des Hausdieners Stephen einerseits seinem »Master« (Leonardo DiCaprio bleibt als Plantagenbesitzer seltsam farblos) fast ebenbürtig aufgebaut (und rein intellektuell ist er ihm klar überlegen), gleichzeitig aber als Verräter am eigenen Volk sozusagen zum Alibi-Schurken unter fast durchgehend positiv dargestellten Farbigen. Und ausgerechnet Christoph Waltz, der in seiner Oscar-Rolle als Hans Landa einen (Jackson entsprechenden) jeden und alles für den persönlichen Vorteil verratenden Nazi spielte, wurde von Tarantino abermals verpflichtet, um diesmal einen Deutschen zu spielen (im Jahre 1858, zwei Jahre vor dem amerikanischen Bürgerkrieg), der abgesehen von seiner Beschäftigung als Kopfgeldjäger die wohl ethisch, moralisch und charakterlich vorbildlichste Figur des Films liefert.

So beginnt der Film damit, dass Waltz als ehemaliger Zahnarzt »Dr. King Schultz« (mit ulkiger Kleinstkutsche und dem extrem höflichen Pferd »Fritz«) den von Jamie Foxx gespielten Sklaven Django befreit, weil dieser bei der Identifikation einiger steckbrieflich Gesuchter behilflich sein könnte. Innerhalb kürzester Zeit wird das seltsame Paar zu zwei Verbündeten, die gemeinsam Djangos verschleppte Braut befreien wollen, die ehemals für die Deutsche Familie »von Shaft« (!!!) gearbeitet hat und dort den Wagnerianischen Namen Brunhilde (oder für US-Ohren »Broomhilda«) erhielt. Dr. Schultz fasst zusammen: »Your slave wife speaks German and is called Brunhilde von Shaft?« Indeed. Womit Spaghetti-Western, Deutschtümelei und Blaxploitation eine unheilige filmische Dreieinigkeit einnehmen und es bereits ausgemachte Sache ist, dass Django früher oder später der Schultz'schen Nibelungen-Zusammenfassung entsprechen wird: »He walks through hellfire, because Brunhilde is worth it!«

Soweit die durchaus gelungenen Teile des Films, zu denen neben eigentlich jeder einzelnen Waltz-Szene auch ein kurzer Cameo-Auftritt von Franco Nero, dem Original-»Django« gehört. Wie Tarantino aus einem Auftritt des Ku-Klux-Klan eine an die Coen-Brüder oder Mel Brooks gemahnende Witznummer macht, ist auch noch ganz hübsch.

Ungeachtet seines Golden Globes für das Drehbuch beschlich mich aber spätestens in der letzten halben bis dreiviertel Stunde des Films das Gefühl, dass Tarantinos 2010 verstorbene Cutterin Sally Menke bei der Endfertigung seiner Filme eine wohl nicht zu unterschätzende Rolle gespielt hat. Bei Django Unchained jedenfalls hat man gegen Ende des nicht eben kurzen Films das Gefühl, dass der Film in nicht geringem Maße »auseinanderfällt«. Während Tarantino von Anfang an bei seinen Westernschießereien nicht an platzenden Blutbeuteln spart und er auch ein paar Auspeitschungen, Ringkämpfe und andere Gewalt-Action einbaut, wird aus dem Schlussteil des Films eine ausgedehnte Gewaltorgie, die sich um Kleinigkeiten wie Dramaturgie oder Figurenmotivation nur noch wenig kümmert. Samuel Jackson stolpert hierbei wie der gealterte Biff Tannen in Back to the Future, Part II durch die Kulissen (ein weiterer Tiefpunkt in einer an Tiefpunkten reichen Schauspielkarriere), und das Positivste, was man vom Schlussteil des Films sagen kann, ist, dass Tarantino zumindest ansatzweise erneut die Geschichte umschreibt, denn nach diesem blutigen Aufstand wäre der Bürgerkrieg sicherlich irgendwie anders verlaufen - was aber bloße Spekulation bleibt.

Innerhalb Tarantinos Filmographie ist Django Unchained jedenfalls noch unausgegorener als Kill Bill (meines Erachtens seine schwächste Regiearbeit - noch hinter Four Rooms und Grave Danger), bei dem die schwachen Momente wenigstens über zwei Filme verteilt waren und sich nicht in 45 Minuten in äußerst ungünstiger Weise konzentrieren. Nur was für echte Fans oder Leute, deren Lieblingsfarbe burgunderrot ist.