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19. August 2015
Thomas Vorwerk
für satt.org


  Der Sommer mit Mamã (Anna Muylaert)
Der Sommer mit Mamã (Anna Muylaert)
Der Sommer mit Mamã (Anna Muylaert)
Bildmaterial © Gullane Filmes / Aline Arruda
Der Sommer mit Mamã (Anna Muylaert)
Der Sommer mit Mamã (Anna Muylaert)
Der Sommer mit Mamã (Anna Muylaert)


Der Sommer mit Mamã
(Anna Muylaert)

Originaltitel: Que horas ela volta?, Intern. Titel: The Second Mother, Brasilien 2015, Buch: Anna Muylaert, Kamera: Bárbara Alvarez, Schnitt: Karen Harley, Musik: Fabio Trummer, Vitor Araújo, mit Regina Casé (Val), Camila Márdila (Jéssica), Michel Joelsas (Fabinho), Karine Teles (Bárbara), Laurenco Mutarelli (Carlos), Helena Albergaria (Edna), 110 Min., Kinostart: 20. August 2015

Die beiden Hauptdarstellerinnen wurden in Sundance ausgezeichnet, ein paar Wochen später gab es den Panorama-Publikumspreis auf der Berlinale, und ein halbes Jahr später, zum Höhepunkt des im deutschen Titel beschworenen Sommer einen deutschen Kinostart. Normalerweise könnte man hier darauf hoffen, dass die Zuschauer selbst merken, dass sie hier ein Leckerli aufgetischt bekommen, das so erfrischend wie eine teure Eiscremesorte ausfällt. Aber vorsichtshalber werde ich da mal ein wenig nachhelfen, weil der eigentlich relevante Kern der Story-Prämisse, die absurde Situation, dass jemand als Kindermädchen arbeiten muss, dafür aber das eigene Kind vernachlässigen muss, selbst in der Hollywood-Variante, Jim Brooks' Spanglish (oder, in geringerem Maße bei den Nanny Diaries), nicht die notwendigen Knöpfe beim Publikum drückte.

Der andere Umstand, um den sich der Film dreht, ist der Umgang unterschiedlicher Gesellschaftsklassen (besser: -Schichten) miteinander. Hier beispielsweise kümmert sich das Kindermädchen Val jahrelang um den Sohn Fabinho der gutverdienenden Publicity-Akademikerin Bárbara (»Donna Bárbara« genannt, um ihren Status als Hausherrin zu unterstreichen), und mehrfach wird betont, dass sie quasi schon ein Familienmitglied sei. Dabei wird aber nebenbei deutlich, dass Val dennoch genau weiß, dass sie beispielsweise in der Küche essen soll und nicht im Esszimmer. Dass sie sich jederzeit ein Eis aus dem Kühlschrank nehmen darf – aber bitte die preiswerte Sorte! Und im Swimmingpool hat sie natürlich auch nicht zu suchen. Diese subtile, aber doch bedrückende Arbeitsrealität, die auch durch ein mehrfaches Fehlen von Respekt (Geburtstagsgeschenk, Kokoskonfekt) seitens der »Angestellten« demonstriert wird, sah man schon ähnlich im mexikanischen Film Workers. Dort allerdings gleichzeitig satirischer und mit einer Betonung der Inszenierungsmittel. Anna Muylaerts The Second Mother (so lautete der nicht so gequält auf Aufmerksamkeit heischende Berlinale-Titel) wirkt da weitaus unauffälliger, aber dennoch mit einem erstaunlichen Blick für Details und hier und da deutlichem Stilbewusstsein (starre Kadrage mit visuellen Auslassungen; das Schachbrettmuster als Symbol für die unmögliche Überwindung der Grenzen; eine Rampe als Visualisierung der quälend langsamen Angleichung zwischen sozialen Ständen).

Mit der Ankunft von Vals selbstbewusster Tochter Jéssica (Camila Márdila), die »selbstverständlich« mit im Haus schlafen darf, wird das Leben für ihre Mutter immer anstrengender. Denn Jéssica sind die vielen ungeschriebenen Regeln nicht jahrelang unterschwellig eingegeben wurden, und sie findet – ehrlich gesagt – vieles davon auch ziemlich töricht. Und wenn man Bárbara oder ihre Familienmitglieder nach solchen Details fragen würde, würden sie vieles davon sogar abstreiten. Aber auf einem anderen Level stört es dann aber doch, auch wenn man es nicht zugeben will. Und endgültig problematisch wird es, wenn nicht nur Fabinho mit seiner attraktiven »Quasi-Schwester« sehr vertraulich umgeht, sondern auch der Familienvater »Dr.« Carlos sich deutlich zu sehr für die junge Frau interessiert, mit der er eine Seelenverwandtschaft zu entdecken glaubt, die bei seiner Gattin längst unmöglich wirkt. Entsprechend trägt er auch T-Shirts mit Bandnamen wie »Kings of Leon« oder »The Arcade Fire« – der übliche Jugendwahn alter Männer auf der Pirsch.

Der Film spielt an vielen Fronten mit kleinen Tabubrüchen und einem von Lügen durchsetzten Sozialverhalten, in dem Jéssica alle Nase lang aneckt oder wie ein feiner Katalysator der Eskalation wirkt. Ein interessantes Filmerlebnis, aber auch hier und da eine Spur zu durchkonstruiert und didaktisch, manchmal mit etwas Overacting von der in Brasilien sehr bekannten Regina Casé in der ungewöhnlichen Rolle als Haus- und Kindermädchen (so würde es jedenfalls die ältere Generation ihrer Landsleute einschätzen, wenn man den Worten der Regisseurin glaubt). Und bei allem Lob und vieler schöner Momente und Ideen hat mich auch die letztendliche Auflösung der Geschichte nicht komplett überzeugt.

Abschließend noch zwei Poolszenen und meine gegensätzlichen Probleme damit.

Ganz zu Beginn des Films sieht man (es wurde noch nichts erklärt) Val mit einem kleinen Jungen, der offensichtlich nicht ihr Sohn ist, am Pool, und die Problemstellung »ich sorge für dieses Kind, damit jemand anderes für mein Kind sorgen kann« wird über ein Telefonat und ein Gespräch mit dem Jungen (»Wann kommt Mama wieder?« – übrigens der Originaltitel) verdeutlicht. Dann folgt eine Küchenszene und für meine Begriffe wird hier eine deutliche zeitliche Zäsur nicht ausreichend erklärt. Dass es sich in beiden Fällen um den selben Knaben handeln soll, wird aus meiner Sicht nicht klar, auch anhand des inzwischen größeren Hundes (war mir nicht aufgefallen, habe aber mit Kollegen darüber gesprochen) lässt sich dies nicht überzeugend darbringen. Vermutlich war diese Verwirrung sogar absichtlich, doch mir hat sie den Einstieg in die Geschichte nur erschwert, es hat sogar einigermaßen lang gedauert, bis ich mir sicher war, ob »Big Boy« (ich lauerte lange auf den Namen) Vals Sohn war oder nicht. Vielleicht habe ich im falschen Augenblick geblinzelt oder war sonstwie unachtsam, aber das hätte man cleverer umsetzen können.

Nachdem Jéssica (natürlich!) mit Fabinho und seinen Freunden im Pool landete und Val sehr überfordert war von der vermeintlichen Rebellion ihrer Tochter, gibt es eine Weile später eine Szene, in der »Donna Bárbara« den »Pool-Guy« anrufen will, weil sie eine Ratte gesehen haben will. Auf Jéssicas etwas später folgende Frage (ich glaube, Fabinho gegenüber – habe mir dieses Detail leider nicht notiert) »Glaubst du, ich bin eine Ratte?« hätte ich hier durchaus verzichten können, in der Ambivalenz war diese angedeutete Beleidigung weitaus hinterhältiger. Das war dann – im Gegensatz zur anderen Poolszene – eine Stelle, wo der Film seine Geschichte zu deutlich ausbuchstabiert hat.

Aber das ist alles (wollte ich immer mal sagen, seitdem sich der Spruch in Kochshows zum Standardrepertoire entwickelt hat) »Jammern auf hohem Niveau«.