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17. April 2019
Thomas Vorwerk
für satt.org


  Ayka (Sergey Dvortsevoy)


Ayka
(Sergey Dvortsevoy)

Russland / Deutschland / Polen / Kasachstan / China 2018, Buch: Sergey Dvortsevoy, Gennady Ostrovsky, Kamera: Jolanta Dylewska, Schnitt: Sergey Dvortsevoy, Petar Markovic, mit Samal Yeslyamova (Ayka), Zhipargul Abdilaeva (Chinara), David Alaverdyan (Vermieter), Sergey Mazur (Tierarzt), Slava Agashkin (Besitzer Autowaschanlage), Ashgat Kuchinchirekov (Vorarbeiter Geflügelproduktion), 110 Min., Kinostart: 18. April 2019

Für die Vermarktung dieses Films hat man sich entschieden, ganz darauf zu bauen, dass die Auszeichnung von Samal Yeslyamova in Cannes als bester Darstellerin einige Zuschauer (alle Geschlechter, Nichtgeschlechter und Kombimöglichkeiten mitgedacht) ins Kino locken wird. Vermutlich ist das auch eine bessere Herangehensweise als meine, aber ich bin auch nicht in der Filmvermarktung tätig, und selbst wenn ich dem Film jeden Zuschauer gönne, so wähle ich doch immer meine ganz persönliche Ansicht zum Film und hoffe darauf, dass sie jemand teilt. Und weil ich immer besonderen Wert darauf lege, nicht schon die gesamte Geschichte zu erzählen (Spoilervermeidung), verlangen meine Texte auch immer nach einem gewissen Vertrauen, dass die Leser in mich investieren müssen. Da ich weiß, dass selbst meine besten Freunde nicht immer auf mein Urteil vertrauen, wirkt das natürlich vermessen, aber es ist die einzige für mich denkbare Herangehensweise.

Im konkreten persönlichen Gespräch kann ich auch mal abschätzen, ob der Gesprächspartner ähnlich wie ich auf einen Film reagiert (»Das könnte was für Dich sein...!«), aber dies ist hier halt nicht gegeben.

Ayka ist ein sehr anstrengender Film. Das mag abschreckend wirken, ist in diesem Fall aber sowohl gewollt als auch notwendig. Die Titelfigur durchlebt eine Hölle, die man als Zuschauer mit ihr durchwandern muss. Anders kann der Film gar nicht funktionieren.

Ayka (Sergey Dvortsevoy)

© Neue Visionen Filmverleih

Ayka hat gerade ein Kind bekommen, dieser Umstand ändert aber selbst im Krankenhaus nichts daran, wie sie behandelt wird. Ihr Kind schreit, in rabiatem Ton wird sie von einer Krankenschwester erinnert, dass sie es stillen muss. »Beeil dich!«

Das Babygeschrei gehört auch schon zur »Hölle« dieses Films - und Ayka will fliehen! Die Flucht durch rekordverdächtigen russischen Schnee wird von einer Wackelkamera verfolgt, die manchmal etwas stümperhaft wirkt... aber bei solchen Klimabedingungen und einem offenbar überschaubaren Budget (»Das kleine Fernsehspiel« klinkt sich nicht bei Multi-Millionen-Dollar-Spektakeln ein) hat man es als Kameramann auch nicht leicht, da legt einem keiner hübsche Gleise, sondern man muss selbst aufpassen, dass man im Schneematsch nicht auf die Fresse fliegt.

Visuell wirkt der Film gerade bei den Außenszenen sehr authentisch, aber niemand soll glauben, dass wir an der Seite von Ayka nun der kopfschmerzerzeugenden Geräuschkulisse entkommen seien. Polizeisirenen, Schneeschippengekratze, Aykas erschöpftes Atmen und mit erschreckender Regelmäßigkeit immer wieder ein Autoalarm. Der hochgezogene detailverliebte Ton passt nicht unbedingt zum verité-Feeling, sehr wohl aber zu der Hölle dieses Films, die man nur selten in dieser Intensität erlebt.

Und an dieser Stelle betone ich immer gerne, dass die Feststellung, dass man einen Film kein zweites Mal sehen will, keineswegs ein Statement über die Qualität desselbigen sein muss. Mike Leighs Naked fand ich damals auch großartig, ich habe mir sogar die VHS-Cassette gekauft - und sie bis jetzt nie wieder eingeschoben. So eine Art Film ist auch Ayka - aber man sollte ihn zumindest einmal sehen, weil das Leben auch kein Ponyhof ist und man dieses Erlebnis nicht irgendeinen Marvel-Schrott o.ä. verpassen sollte.

Ayka (Sergey Dvortsevoy)

© Neue Visionen Filmverleih

Über Aykas Vorgeschichte erfährt man im Film längst nicht alles. Sie ist Kirgisin, hatte wohl mal den Plan, ihr Talent fürs Schneidern in einem eigenen Geschäft umzusetzen und ist nun verschuldet und dadurch in Lebensgefahr, wenn sie nicht irgendwoher Geld auftreibt.

Statt im Krankenhaus, wo sie ihr Kind zurückließ, wohnt sie in einer illegalen Behausung, arbeitet als »Hühnerrupferin« (der Begriff »Geflügelproduktion« entspricht keineswegs ihrem Arbeitsalltag), und als der Chef der kleinen Gruppe bemitleidenswerter Frauen kurz den Arbeitsplatz verlässt, um die Löhne zu holen, dünkte es mich hochverdächtig, dass er den Arbeiterinnen als »Bonus« gestattet, einige der Hühner einzustecken.

Entsprechend haben sich Aykas Geldsorgen durch diese aufreibende Arbeit nicht verbessert, und ihr Grundnahrungsmittel scheint der reichlich vorhandene Schnee zu sein, während sie Eiszapfen zu einer ungesunden Art von »Schmerzmittel&171; umfunktioniert.

In ihrer »Wohnung«, die am ehesten der Situation im Sci-Fi-Klassiker Soylent Green ähnelt, versucht sie die Geburt geheimzuhalten, was aufgrund fast dauerhafter Blutungen nicht leicht ist. Da man in Russland mit der Schneesituation klarkommen muss, geistern auch immer wieder Schneeräumer durchs Bild, einer fährt Ayka bei ihrem nächsten (für frisch entbundene komplett ungeeigneten) Job fast über den Haufen, doch die Welt von Soylent Green (wo immer mal wieder Aufstände durch Bagger »plattgemacht« werden) wirkt harmlos verglichen mit der tour de force, die Ayka durchleidet. Immer getrieben, selten mit einem Hoffnungsschimmer, und alle Nase lang durch Umstände daran erinnert, dass sie ihr Kind zurückließ - während sich ihre gesundheitliche Lage auch nicht verbessert und die Schuldeneintreiber nun auch noch ihre Familie zu bedrohen scheinen.

Ayka (Sergey Dvortsevoy)

© Neue Visionen Filmverleih

Wie ein Hohn wirkt es übrigens, wenn man überall mal wieder Werbemaßnahmen für die Fußball-WM in Russland im Hintergrund an Wänden kleben sieht.

Ich habe mir bei der Sichtung des Films neun (!) Seiten Notizen gemacht, aber will ja nicht alles ausplaudern. Der mit Abstand beste Job, den Ayka im Verlauf des Films »abgreift«, ist als Putzfrau bei einem Tierarzt. Arbeitszeit 9 - 21 Uhr, alle halbe Stunde muss gewischt werden. Ein Hund, dem es sehr dreckig geht (ich will gar nicht darüber nachdenken, was hier dokumentarisch ist (der Regisseur kommt aus dem Dokubereich) und wo man clever nachgeholfen hat), demonstriert auch gleich mal, warum diese Hygienemaßnahmen notwendig sind.

Dieser Film stresst, er macht einen fertig. 110 Minuten lang. Son of Saul ist verglichen damit entspannt, Béla Tarr mag zermürbender sein, hat aber nicht diese in-your-face-Intensität. Ob Hauptdarstellerin Samal Yeslyamova so eine auszeichnungswürdige Leistung erbracht hat, mag ich gar nicht entscheiden, sie strampelt mit gesenktem Kopf blutend und leidend fast jede Minute durchs Bild und schon, weil man mit ihrer Figur mitleidet, baut sich ein Sympathieverhältnis auf. Trotz derer demonstrativen Verschlossenheit.

Dass die Geldeintreiber kein rechtes Profitbewusstsein haben (»Du hast zwei Tage, sonst töten wir dich und deine Schwester!«), ist vielleicht noch der naheliegendste Kritikpunkt am Film, gegen Ende gibt es auch einige Verhaltensweisen von Nebenfiguren, die mir reichlich unrealistisch vorkommen, aber diese Tortur, die gegen Ende eine gewisse Rechtfertigung erhält, muss man schon mal erlebt haben. Gerade weil diese Rechtfertigung in Filmen von Gaspar Noé und Konsorten oft fehlt. (Vor allem mother! von Darren Aronofsky ist hier das Gegenbeispiel einer filmischen Hölle, deren »Sinn« mir verschlossen blieb.)