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14. Oktober 2020
Thomas Vorwerk
für satt.org


  Mrs. Taylor's Singing Club (Peter Cattaneo)


Mrs. Taylor's
Singing Club
(Peter Cattaneo)

Originaltitel: Military Wives, GB 2019, Buch: Rosanne Flynn, Rachel Tunnard, Kamera: Hubert Taczanowski, Schnitt: Lesley Walker, Anne Sopel, Musik: Lorne Balfe, Kostüme: Jill Taylor, Production Design: John Beard, mit Kristin Scott Thomas (Kate), Sharon Horgan (Lisa), Greg Wise (Richard), Jason Flemyng (Crooks), Emma Lowndes (Annie), Gaby French (Jess), Lara Rossi (Ruby), Amy James-Kelly (Sarah Cartwright), India Amarteifio (Frankie), Laura Checkley (Maz), Roxy Faridany (Dawn), Robert Whitelock (Malc), Colin Mace (Brigadier Groves), Beverly Longhurst (Hilary), Karen Sampford (Choir Member / Military Wife), 113 Min., Kinostart: 15. Oktober 2020

Der nachfolgende Text sollte eigentlich einen Film verteidigen - ich befürchte aber, ich hab's eher noch schlimmer gemacht (insbesondere gegen mich selbst). Urteilt selbst und zeigt evtl. ein wenig Gnade!

Nach diesem Film traf es mich reichlich unvorbereitet, um nicht zu sagen blauäugig, wie allergisch meine geschätzteren Kollegen auf die Sichtung reagierten. Über die Jahre wurde ich zwar immer feinfühliger, was politisch und gesellschaftlich unsensibel ausgerichtete plots angeht, aber nach wie vor bewahre ich mir eine persönliche Meinung, die sich nicht dauerhaft nach irgendwelche Vorgaben richtet. Oder bei jedem Film als erstes auf den Bechdel-Test achtet oder die vorurteilsfreie und aus repräsentativer Hinsicht vorbildliche Darstellung bestimmter Gruppen.

Wenn ich mir einen Film anschaue, achte ich nicht automatisch auf alle potentiellen Signale, welche Minderheit hier unvorteilhaft bis abschätzig getroffen sein könnte, sondern erstmal schaue ich den Film. Und wenn ich den gut oder zumindest meine Lebenszeit wert finde, lasse ich auch mal was »durchgehen«. Aber wenn mich der Film nervt, dann nervt mich schnell ganz vieles an einem Film: der Dudelsoundtrack, die aufgesetzte gute Laune, die Logikfehler - na ja, wer meine Texte kennt, weiß, was ich meine...

Bei Military Wives, einem Film mit einem reichlich blöden Verleihtitel hierzulande, der mich ein wenig an französische Filme erinnert, die dann schnell immer »Monsieur Soundso und sein Dingsbums« heißen, hat man hier einen neuen englischsprachigen Titel erfunden (inklusive Genitiv-Apostroph), der den Fokus von dem abzieht, was wohl ein größeres Problem des Films im internationalen Pressespiegel ausmachte... (auch, wenn man fast immer auch ausreichend Lobhudelei-Zitate für's Plakat findet).

Und worüber sich die Kritiker*innen-Gruppe, die wie ich so in den ersten zwei Reihen sitzt, ziemlich aufregte. Military Wives, das ist so eine Kategorie wie »Spielerfrauen«: Frauen, die sich (laut Titel) gleich mal über ihre Ehemänner (nebst einer Quoten-Lesbe als weiblicher Soldatin) definieren. Das ist für mich generell auch ein heikles Thema, nicht zuletzt, weil ich mit Soldaten ungefähr so wenig am Hut habe wie mit Pferden oder irgendwelchen Religionen. Aber ich muss zugeben, dass ich mich nicht den ganzen Film lang darüber aufgeregt habe, dass die titelgebenden Frauen fast durchgehend keine eigene Berufslaufbahn vorweisen können (oder wenigstens einen halbwegs ernstzunehmenden Job), sondern sie eigentlich nur darauf warten, bis ihre Männer gesund aus dem aktuellen Einsatz zurückkommen...

Mrs. Taylor's Singing Club (Peter Cattaneo)

© 2020 Leonine Distribution GmbH

Bei so einem Ensemblefilm rund um eine Gesangsgruppe, die zunächst ungern Chor genannt wird, diktiert es schnell die zur Verfügung stehende Filmlänge, wie detailliert man sich beispielsweise um den background der einzelnen Frauen kümmern kann. Es ist dann auch nicht unbedingt mit einem Mehrwert verbunden, wenn man bei einem guten Dutzend Frauen noch jeweils ausdefiniert, was sie außerhalb ihrer Funktion in dem zur Zerstreuung gedachten »Singing Club«, der im Verlauf der Handlung über seine ursprüngliche Funktion hinauswächst, noch so ausmacht. Und so beschränkt man das auf ein Minimum, das man in seiner Auswahl durchaus kritisieren kann.

Das Duo an Drehbuchautorinnen konzentriert sich hie auf naheliegende Themen, wie sie wives (im Gegensatz zu women betreffen könnten. Insbesondere, wenn es sich um military wives handelt, von denen Einzelne natürlich mit dem Phänomen Kontakt hatten, dass nach einem militärischen Einsatz nicht immer sämtliche Soldaten unversehrt zurückkommen. Kinderbetreuung und Eheprobleme werden auch abgehandelt, und natürlich die heutzutage etwas unnormal wirkende Alltagskonstante, dass hier ein Haufen Ehefrauen auf einem britischen Militärstandort ihr Leben fristet und im Grunde auf die Rückkehr ihrer Männer (und der einen Alibi-Lesbe) wartet.

Und sich die Wartezeit, die zum Teil auch an den Nerven zerrt, irgendwie verkürzen wollten. Dass dies nicht zu einem Strick-Club, sondern zunächst zu geselligen und bereitfertig alkoholisierten Zusammenkünften führt, wirkt halbwegs realistisch, wenn auch typischen englischen Komödien-Topoi folgend. Dann entwickelt sich das musikalische Grundthema, das ein bisschen wie in einem Sportfilm umgesetzt wird, und weil die dargestellten Frauen in etwa die selbe kulturelle Prägung haben wie ich (roundabout Eighties-Pop aus dem Vereinigten Königreich wie »Only You« von Yazoo - auch, wenn es deutlich die Version von den Flying Pickets ist - , »Shout« von Tears for Fears, »Time after Time« von Cyndi Lauper, aber auch Zeug aus den 70ern und 90ern wie »We are Family«, »Wannabe« oder »Don't go breaking my Heart«), fand ich die Gesangszenen schon mal gelungen (auch, wenn die Song-Auswahl ein bisschen zu sehr die Sehnsucht der Frauen nach ihren Männern spiegelte).

Mrs. Taylor's Singing Club (Peter Cattaneo)

© 2020 Leonine Distribution GmbH

Wenn man beim Kritikenschreiben etwas aus der Übung ist, und unter Zeitdruck eine ausgewogene persönliche Meinung schildern will, ist man schon so ziemlich in den Arsch gekniffen...

Zurück zur Frauenfeindlichkeit: Ich mag Frauen und bemühe auch gern mal den Begriff »Schnuckelchen«, der schon mal komplett so klingt, als objektiviere ich Frauen. Meine persönliche Definition zu diesem Begriff lautet aber wie folgt: »Personen (und anderes), die durch ihre bloße Anwesenheit, einen Film (oder anderes) für mich aufwerten« - hierbei kann es sich um einen Mops in einem Comic handeln, eine Designlampe, die ich in einem Film entdeckt habe, oder es gibt auch diverse (männliche) Schauspieler wie Mark Ruffalo, Nathan Fillion oder Paul Giamatti, die auf einer Kinoleinwand meine besondere Aufmerksamkeit auf sie ziehen.

Zugegebenermaßen sind es aber oft Frauen, die ein gewisses (aber bereitfertig ausgeweitetes) Beuteschema bei mir erfüllen (wobei ich betonen will, dass ich kein Raubtier bin, wo die designierte »Beute« auch nur ansatzweise in einer Gefahr schwebt, mich überhaupt zu bemerken). Und aus dieser Kategorie gibt es in Military Wives gleich mal zwei Damen, die mich bei der Betrachtung des Film positiv beeinflussten, und die ich hier aus dem reichhaltigen Bildmaterial hervorgekramt habe (auf Bild 2 zentral Amy James-Kelly als Sarah Cartwright, auf Bild 3 ganz links Gaby French als Jess, die übrigens beide für das Pressematerial so gut wie keine Rolle spielen).

Mrs. Taylor's Singing Club (Peter Cattaneo)

© 2020 Leonine Distribution GmbH

Beide haben unterschiedliche back stories, die ich deutlich interessanter fand als das, was die beiden Hauptdarstellerinnen Kristin Scott Thomas und Sharon Horgan so durchleben: Jene werden als Kate und Lisa vor allem auf humoristische Weise genutzt, mit ganz unterschiedlichen Herangehensweisen die Chorleitung auszufüllen (wobei Kristin Scott Thomas auch noch mit einem hochrangigen Gatten so tut, als gehöre ihr automatisch die halbe Kaserne* - aber weil sie die bekannteste Schauspielerin des Films ist, ist sie nicht auf comedy beschränkt.

* Mir ist bewusst, dass »Kaserne« der falsche Ausdruck ist, aber ich bin halt in Militaria-Zeugs nicht bewandert...

Ist ist für etwas unfair, diesen Film für seine Untaten aus feministischer Hinsicht gleich mit voller Wucht zu verachten, aber ich muss zugeben, dass ihn auch viele Inszenierungsdetails und Handlungsstränge prägen, die weniger als wirklich gelungen sind.

Mrs. Taylor's Singing Club (Peter Cattaneo)

© 2020 Leonine Distribution GmbH

Allerdings hat selbst der Zickenkampf zwischen Kate und Lisa ein paar gelungene Aspekte und ich mag auch, dass ich hier mal Greg Wise (Walking on Sunshine) und Jason Flemyng (League of Extraordinary Gentlemen und diverse Filme von Produzent und Regisseur Matthew Vaughn) wiedersehen durfte - selbst, wenn die Männerrollen genau so klischeebelastet sind wie die Frauenrollen.

Vielleicht ahnte ich damals im März bereits, dass ich 2020 deutlich weniger Filme zu sehen bekomme als in jedem anderen Jahr - und dann lässt man auch mal Gnade walten... selbst, wenn insbesondere die Sportfilm-Passagen mit dem etwas an den Haaren herbeigezogenen Haupt-Handlungsstrang keine wirkliche Bereicherung für das Genre sind. Und das Abfeiern der ach so musikalischen Brexit-Wehrmacht (der Aspekt »based on a true story« wird auch noch mit reingequetscht) aus meiner Hinsicht schon ärgerlich ausfällt).

(Und mir ist auch nicht entgangen, dass man bei der Präsentation der Alibi-Lesbe, deren wenig überzeugender »schlechter Gesang« auch nicht die hellste Idee des Films ist, mehrfach bad choices demonstriert, die es ein wenig so aussehen lassen, als ob jene Art von »Toleranz«, die der Film propagiert, den Begriff eher negativ besetzt - statt umarmender Inklusion mehr so im Sinne von »Wir haben's* ertragen - kriegen wir dafür jetzt eine Belohnung?«)

* Das hier versteckte »es« steht u.a. für den schlechten Gesang, den man einbaut und »aushält« wie bei einem Sportfilm das weniger begabte Teammitglied, das man für den »Spaß am Sport« mitschleppt, selbst wenn man dadurch riskiert, das Spiel zu verlieren - und zumindest implizit sagt diese Herangehensweise auch aus, dass die Integration der sexuell anders orientierten Person eher dem Prinzip »Aktion Sorgenkind« entspricht - auch, wenn der Film an keiner Stelle auch nur andeutungsweise direkt so eine Aussage macht. Aber jene Zuschauer und -innen, die gewisse Vorurteile mit sich schleppen, werden unter Umständen diese Rolle so wahrnehmen, dass Lesben schlecht singen und deshalb anstrengend sind - um es noch halbwegs nett zu formulieren. Wie gesagt: bad choice. (Das habe ich mir aber auch erst ein halbes Jahr nach dem Film so zusammengebastelt. Womöglich ist das im Nachhinein über- oder fehlinterpretiert...)

Aber allein für Gaby French und Amy James-Kelly hat es sich nach meiner unmaßgeblichen Meinung gelohnt. Man hätte nur deren beiden Rollen stärker betonen sollen. Und andere etwas verkleinern sollen. Selbst Kristin Scott Thomas hat eigentlich bessere Rollen verdient als ihren unvorteilhaften comedy-Part hier (hat was von Sat.1-Dramaturgie). Und auch Regisseur Peter Cattaneo (The Full Monty) bekleckert sich hier nicht mit Ruhm.

An dieser Stelle vielleicht noch mal den allerersten Absatz des Textes lesen. Glücklicherweise stehe ich auch zu meiner ganz persönlichen Ausprägung der »Verbohrtheit« - auch wenn ich mich dabei mit Inbrunst in manches Fettnäpfchen stürze... Flachköpper macht Laune!