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15. Dezember 2021
Thomas Vorwerk
für satt.org


  Spider-Man: No Way Home (Jon Watts)


Spider-Man:
No Way Home
(Jon Watts)

Originaltitel: Spider-Man: No Way Home, USA 2021, Buch: Chris McKenna, Erik Sommers, Comic- Vorlage (Figuren): Stan Lee, Steve Ditko, Kamera: Mauro Fiore, Schnitt: Jeffrey Ford, Leigh Folsom Boyd, Musik: Michael Giacchino, Kostüme: Sanja Milkovic Hays, Production Design: Darren Gilford, Supervising Art Director: David Scott, Visual Effects Supervisor: Kelly Port, mit Tom Holland (Peter Parker / Spider-Man), Zendaya (MJ), Benedict Cumberbatch (Doctor Strange), Jacob Batalon (Ned Leeds), Marisa Tomei (May Parker), Jon Favreau (Harold »Happy« Hogan), J.K. Simmons (J. Jonah Jameson), Alfred Molina (Otto Octavius / Doctor Octopus), Willem Dafoe (Norman Osborn / Green Goblin), Jamie Foxx (Max Dillon / Electro), Thomas Haden Church (Flint Marko / Sandman), Rhys Ifans (Dr. Curt Connors / Lizard), Tony Revolori (Flash Thompson), Paula Newsome (MIT-Verantwortliche), Benedict Wong (Wong), Angourie Rice (Betty Brant), Andrew Garfield (Peter 2), Tobey Maguire (Peter 3), Charlie Cox (Matt Murdock), Tom Hardy (Eddie Brock), Martin Starr (Mr. Harrington), J.B. Smoove (Mr. Dell), 148 Min., Kinostart: 15. Dezember 2021

Homecoming, Far From Home und jetzt No Way Home - die Titel der aktuellen Spider-Man-Filmreihe wirken etwas beliebig und machen es dem Publikum auch nicht unbedingt leicht, klar zu unterscheiden oder die Reihenfolge zu ermitteln. Der neueste Streich hat immerhin den Vorteil, dass er den wohl wichtigsten Handlungspunkt gut umreißt, und weil es der Film sein wird, der sich auf lange Sicht im Gedächtnis halten wird (ja, ich würde sofort unterschreiben, dass es der beste des letzten Trios ist), hat er vielleicht bessere Chancen, dass man in fünf Jahren noch auf seinen Titel kommen wird. Und nicht rätselt »Bei dem einen sind sie auf Klassenfahrt, weshalb der Home-Begriff irgendwie negiert wird ... hieß der nicht Away from Home oder so?«.

Zu Beginn von No Way Home wird einem durch eine Wiederholung noch mal der Endpunkt von Far From Home ins Gedächtnis gerufen. Spidey hatte Mysterio (Jake Gyllenhaal), den Standard-Hauptgegner des Films, bezwungen, dieser rächt sich aber quasi noch aus dem Grab, indem er die Geheimidentität des Superhelden proklamiert, was immer mit großen Veränderungen einherschreitet (vergleiche etwa den Run von Brian Michael Bendis bei den Superman-Comics in der Zeit rund um den Corona-Beginn).

Leser*innen von Superhelden-Comics wissen Bescheid. Todesurkunden sind nicht in Stein gemeißelt, die Helden sind meistens nur solange tot, bis eine »Wiedergeburt« sich besser verkauft als der Rummel um einen vermeintlichen Verstoß gegen den stets gleichen Status Quo. Ein weitgreifender Eingriff in die Handlungsparameter einer Comicfigur wie die Aufdeckung einer Geheimidentität ist mitunter fast schwerer wieder »aus der Welt zu schaffen« als das verbreitetere zeitweilige Ableben eines Helden, weshalb die Autoren vorsichtig mit solchen Maßnahmen umgehen sollten, weil solch eine Veränderung einen Titel stärker beeinflussen könnte, als die Verkaufszahlen einer aktuellen storyline von Bedeutung sein dürften. Man darf ja nicht vergessen, dass im Medium Comic die Popularität einer Figur leicht die Lebensdauer der Menschen (ob es um Lesende oder Schöpfende geht) überdauern kann. Das ist bei Filmen zwar genau so, aber hier werden halt irgendwann die darstellenden Personen ausgetauscht (gerade bei Dauerjugendlichen wie Peter Parker oder gar Kindern passiert da manchmal fix... wenn ich mich mit Bibi & Tina besser auskennen würde, könnte ich da vermutlich Spannendes erzählen).

Zurück zum Thema Geheim-ID: bei Spideys Marvel-Kollege Daredevil hatte Autor Frank MIller mal den Siebenteiler Born Again (Daredevil #227-233, 1986) zu einem Klassiker gemacht, u.a. weil Daredevils großer Gegner, der »Kingpin«, mit dem Wissen um den bürgerlichen Namen des Helden dessen Leben auf mehreren Leveln zur Hölle machen konnte (als Superheld passiert einem das häufiger). Hier wusste eigentlich nur eine Person Bescheid, aber selbst in den aktuellen Heften hat dies noch heute repercussions (ich muss hier zugeben, dass ich ein paar Lücken in meiner Daredevil-Lektüre habe und nicht genau weiß, wie oft und geschickt man hier den Status Quo zwischendurch »aufgeräumt« hat). Als der Kingpin jüngst mal in seine gut geführten Akten mit Hintergrundwissen zu wichtigen Personen aus seinem Umfeld schaute, wunderte er sich, dass ihm das Wissen um die Identität seines Widersachers Daredevil nicht zur Verfügung steht ... und auch, wenn dies aus seinem Gedächtnis gestrichen wurde, weiß er, dass da jemand mit unlauteren Mitteln gearbeitet haben muss und er ist deshalb aktuell ziemlich sauer und sorgt gerade im Comic-Event Devil's Reign für einigen Ärger. Der ist zwar (noch) nicht so zielgerichtet wie damals, aber das Leben des Titelhelden wird dadurch dennoch sehr kompliziert. (Hmh, erkenne ich da ein Muster!?!)

Das in der selben Heftserie die einst von Miller erdachte Figur Elektra noch im ersten Miller-Run (#158-191, wenn ich es noch richtig im Kopf habe) auf spektakuläre Weise getötet wurde, ehe Miller selbst mit dem eher kontroversen Hardcover Elektra Lives Again an seiner selbstvermittelten Comicheft-Realität rüttelte, ist aus heutiger Sicht eher eine kleine Fußnote. Wie es im aktuellen Marvel-Vielteiler The Death of Doctor Strange (schau'n wir mal, wie lange der tot bleibt...) mal lapidar heißt: »I've died a few times myself, I don't recommend it.«

Spider-Man: No Way Home (Jon Watts)

© 2021 CTMG. All rights reserved. Marvel and all related character names: © & ™ 2021 Marvel

Aber im neuen Spider-Man-Film wird vergleichsweise wenig gestorben (zum Teil rühren sich zum Schluss sogar Figuren, bei denen man dachte, jetzt wurde ihnen aber wirklich der Garaus gemacht). Hier geht es vor allem um Peter Parkers Probleme, plötzlich von Paparazzi in Helikoptern in seiner Wohnung überwacht zu werden. Gerade der anfängliche Trubel um seine Figur, der auch seine Bekannten beeinflusst (»Are you Spider-Man's girlfriend?«) vereinnahmt das Publikum fulminant, weil Peter anfänglich so seine Probleme hat, sein Superhelden-Dasein mit seinem Teenagerleben zu kombinieren. Das ist generell sein Standard-Problem, aber mit der neuen Situation führt das zu Problemen, die noch nicht seit Jahrzehnten Comicgeschichte immer mal wieder geringfügig variiert wurden.

Ganz Superheld, würde Spidey seine veränderte Situation vermutlich auch irgendwie ertragen, aber dass jetzt unter anderem seine beiden besten Freunde, MJ und Ned, nicht den erwarteten (und verdienten) Uni-Zugang erhalten, ist für ihn ein untragbarer Zustand, und in einer kleinen Szene rund um hässliche Halloween-Dekoration, die ich erst mit Stunden von Verspätung begriff, kommt er auf die Idee, seinen Avengers-Kollegen Doctor Strange darum zu bitten, ihm mit seinem Problem auszuhelfen. Ein bisschen Spielerei mit der Zeitlinie oder ein Zauberspruch sollten da doch etwas begradigen können, oder?

Spider-Man: No Way Home (Jon Watts)

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Dummerweise lässt Peter dem sorcerer supreme nicht immer den gebührenden Respekt gegenüber walten, und wenn jemand einen höchstkomplizierten Zauberspruch intoniert, sollte man nicht zwischendurch diverse Extrawünsche formulieren, wenn man erst zu Beginn eines Films steht und nicht am Ende. Etwas geht schief, und die Filmrealität holt nach, was im Comic-Marvel-Reich schon seit einigen Jahren etabliert ist...

»The multiverse is a concept about which we know frighteningly little.«

An dieser Stelle greift nun, was ich zu Beginn meines Textes etwas umfassend ausgeführt habe. Comics und Filme funktionieren nach unterschiedlichen Regeln. Aber manchmal kann das auch zum Vorteil eines Films werden, denn man darf nun gute alte Bekannte aus anderen Comic-Verfilmungen erblicken (nein, Ben Affleck ist nicht dabei), weil der vermurkste Zauberspruch nun dazu führt, dass die Anzahl derer, die wissen, dass Peter Parker Spider-Man ist, sogar noch wächst. Auch, wenn die Peter ganz anders in Erinnerung haben.

Tote leben wieder, filmische Universen werden durchmischt: jede Menge Spaß im Kinosessel. Und das Duo von Schreiberlingen, das für die letzten drei Spider-Man-Filme verantwortlich zeichnet, Chris McKenna und Erik Sommers (die erdachten auch Jumanji: Welcome to the Jungle und Antman and the Wasp) hat eine ziemlich gute Vorstellung, was man aus solch einer Situation alles Tolles machen kann. Das führt zu Szenenapplaus nicht nur von Comicnerds, weil es einfach superspaßig ist, zuzuschauen, wie beispielsweise Alfred Molina und Willem Dafoe, quasi so was wie die Waldorf & Statler der modernen Comicverfilmung, Anekdoten und ihre Ansichten als Spider-Man-Gegner austauschen.

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Schade, dass die beiden nicht auch noch auf J. Jonah Jameson (bzw. J.K. Simmons) treffen, weil der es ja geschafft hat, durch seine prägende Darstellung quasi ein filmisches Universum-Hopping zu vollbringen. (Man muss allerdings auch attestieren, dass es nur wenige Comicfiguren bei Marvel gibt, die heute noch fast genau sind wie vor einigen Jahrzehnten: aus dem Bugle-Chef mit seiner tiefsitzenden Ablehnung für Spidey mag man mal hin und wieder jemanden machen, der sogar mit Spider-Man zusammenarbeitet, aber trotz der grassierenden Tendenz zur Diversität hat meines Wissens noch keiner versucht, aus Jameson eine pinkhaarige junge Frau mit asiatischem Migrationshintergrund oder ähnliches zu machen. Der ist ganz chauvinistischer Zigarrenraucher mit hässlicher Kopfbehaarung wie zu Zeiten von Richard Nixon geblieben.)

Wer jeden Interviewschnipsel einer anstehenden Filmveröffentlichung aufsaugt, sich nach Paparazzi-Einblicken während irgendwelcher Dreharbeiten verzehrt und vor dem Kinobesuch am besten drei bis fünf Filmkritiken dazu durchliest, der soll mich nicht wegen des Problems von Spoilern nerven. Ich habe mich zurückgehalten, aber ich lasse mir auch nicht meinen Job diktieren. Als kleinen »Vorfilm« von No Way Home (nur für die Presse, nehme ich an) wurden uns die drei Hauptakteure des Films gezeigt, die uns immer wieder darauf hinwiesen, nicht zu spoilern. Ehe sich dann noch jemand dazwischendrängte, der von den Kollegen beschimpft wurde, bereits selbst ein Spoiler zu sein. Ich muss zugeben, dass ich hinreichend schlecht informiert war, dass ich selbst an dieser Stelle nicht genau wusste, was dieser Gag sollte (man kann ja auch nicht von jedem Darsteller die komplette Filmographie im Kopf haben), aber wie man angesichts der offiziellen Pressefotos sieht, die ich zur Bebilderung meines Textes verwendet habe, scheint Sony die no-spoiler-policy ja auch nicht zum elften Gebot erhoben zu haben. Im Presseheft werden Molina und Dafoe konkret genannt (man muss ja auch an die ganz ungebildeten Journalisten denken, die zum ersten Mal von Spider-Man hören), auf imdb findet man noch deutlich mehr »geheime« Darsteller, und wer am Vortag des Kinostarts bestimmte Hashtags anklickt (habe ich natürlich erst gemacht, nachdem ich den Film gesehen habe - der Presse wurde er ja immerhin einen Tag früher als den Normalsterblichen gezeigt), der bekommt so ziemlich alles gespoilert, was zu spoilern ist. Und die Leute sind auch selber schuld. (Ich frage mich übrigens, wann Facebook, Instagram und Twitter einen Bezahldienst anbieten, mit dem man bestimmte Kennwörter aus dem persönlichen Feed herausfiltern kann... findige Erfinder dürfen diese Idee gerne gratis von mir übernehmen.)

Spider-Man: No Way Home (Jon Watts)

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Wenn ich schon nicht alles kaputtspoilern soll (was ich ja auch verstehe), will ich stattdessen gerne ein paar Lieblingsszenen und leider nicht perfekte Stellen des Films kurz umreißen...

Doctor Strange hatte viele tolle Momente. Wie er zu Beginn ganz erhaben in die Szene schwebt und dann für einen Moment doch nicht ganz Chef der Situation ist, ist die beste Einstellung dieses an tollen Einstellungen nicht eben armen Films. Ich liebe auch den Aufdruck auf seinem Kaffeebecher (oder ist es Tee? Egal) und die Szene im Spiegeluniversum ist fast so bezaubernd wie Quicksilver in dem einen X-Men-Film mit Eurythmics-Beschallung

Die Einstellung, die ich indes etwas misslungen finde, zeigt ein kleines Lächeln einer Figur, die eben noch superheldenhaft jemanden davor bewahrt, seinen Zorn an einem Bösewicht auszuleben, dann aber kurz danach (mal wieder) erfährt, dass man manchen Leuten nicht trauen sollte. Und innerhalb einer vielleicht halben Minute scheint die Person dann quasi ihre ganze Einstellung überdacht zu haben. Ob Selbstjustiz immer gut oder immer schlecht ist, darüber mag man gerne diskutieren, aber Schadenfreude (etwas überzogene Formulierung) ist in manchen Situationen einfach nicht angebracht.

Dass der Film manchmal seinen eigenen Entscheidungen nicht traut und dann einiges wieder umdreht, habe ich schon kurz angesprochen. Auch die gefühlt letzte längere Szene des Films hätte man sich schenken können, da versucht man es einfach, zu vielen Zuschauer*innen recht zu machen. Aber was ich schon regelrecht dämlich fand, ist die Szene rund um die Freiheitsstatue, bei der J. Jonah Jameson mit Recht betont, dass niemand Peter Parker dazu zwingt, bedeutende historische Baudenkmäler in Gefahr zu bringen. Vielleicht habe ich irgendeinen wichtigen Captain-America-Film verpasst (The Avengers: Endgame habe ich immer noch nicht gesehen, aber dazu stehe ich), aber warum hat die Freiheitsstatue hier irgendein Schild am Arm, das dann im Verlauf des Showdown mit chirurgischer Präzision (die man aber nie sieht) gemeinsam mit einem Baugerüst »mal so nebenbei« entfernt wird? Dieses (riesengroße) Detail des Films ist so deppert, dass ich an den alten Hal-Needham-Effekt denken musste, wo man in einer Fernsehserie wie The A-Team gefühlt 20% der Zeit mit Handgranaten jongliert und Panzer ganze Landstriche plattmachen lässt, aber nie hat jemand auch nur eine verstauchte Hand oder ähnliches. Dazu gibt es noch eine zweite Szene in No Way Out, wo man sich nicht entblödet, die aktuelle Anzahl von Menschenopfern einer anderen Zerstörungsorgie anzusprechen. Ich bin mir sicher, die Altersfreigabe ab 12 Jahren wird nicht dadurch gefährdet, wenn man Konsequenzen bestimmter Aktionen wenigstens mal erwähnt, man muss ja nicht jedes Opfer zeigen.

Ein Großteil des Kinopublikums wird sich über die Jahre (entsprechende Stellen gibt's ja fast in jedem MCU-Film) daran gewöhnt haben, aber ich find's immer noch bekloppt. Damit etwas kindgerecht ist, muss es ja die Erwachsenen nicht für dumm verkaufen.

Aber abgesehen von solchen grundsätzlichen Problemen des heutigen Filmemachens für ein möglichst großes Publikum ein wirklich toller Film.