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April 2004
Benjamin Happel
für satt.org

Skagerrak
Dänemark 2003

Skagerrak (R: Søren Kragh-Jacobsen)

Regie:
Søren Kragh-Jacobsen

Buch:
Anders Thomas Jensen, Søren Kragh-Jacobsen

Kamera:
Eric Kress

Schnitt:
Valdís skarsdóttir

Musik:
Jacob Groth

Darsteller:
Iben Hjejle (Marie), Bronagh Gallagher (Sophie), Martin Henderson (Ian), Ewen Bremner (Gabriel), Gary Lewis (Willy), Simon McBurney (Thomas), Helen Baxendale (Stella), James Cosmo (Sir Robert Lumley), Scott Handy (Roman), Tam Dean Burn (Dr. Meisling), Russell Hunter (Pfarrer), Alison Peebles (Landlady)

104 Min.

Kinostart:
29. April 2004

Skagerrak



Erst im Februar waren auf der Berlinale mit Maria Full of Grace und Samaria zwei moderne - und sehr freie - Adaptionen der Mariengeschichte zu sehen. Mit Skagerrak des dänischen Regisseurs Søren Kragh-Jacobsen kommt nun ein dritter Film in die Kinos, der seine Inspiration offensichtlich bei der Heiligen Jungfrau gesucht hat: Die Jungfrau und die Hure nennt Kragh-Jacobsen seine Trilogie, deren erster Teil die Dogma-Produktion Mifune war, und die er nun mit Skagerrak fortsetzt.
Skagerrak (R: Søren Kragh-Jacobsen)
Skagerrak (R: Søren Kragh-Jacobsen)
Skagerrak (R: Søren Kragh-Jacobsen)
Skagerrak (R: Søren Kragh-Jacobsen)
Skagerrak (R: Søren Kragh-Jacobsen)
Skagerrak (R: Søren Kragh-Jacobsen)
Skagerrak (R: Søren Kragh-Jacobsen)

Die Idee des Regisseurs, jede Frau vereine beide Seiten, die der Jungfrau und die der Hure, in sich, ist eine eigenartig anachronistische Einstellung, und dass Kragh-Jacobsen es als nahezu feministischen Fortschritt betrachtet, dass es heute gang und gäbe ist, Filme über Frauen zu drehen - selbstverständlich immer noch mit Männern hinter der Kamera - bestärkt den Eindruck, es mit einem im Kern sehr altbackenen Filmemacher zu tun zu haben. Kragh-Jacobsen entfernt sich weit von der Dogma-Ästhetik Mifunes: Er hat auf Englisch gedreht, um eine internationale Besetzung unterbringen zu können, seine Bilder sind genau kadriert und exzentrisch beleuchtet. Die Beleuchtung ist es denn auch nicht zuletzt, die die Inszenierung der werdenden Mutter Marie (Iben Hjejle) zu einer höchst manierierten werden lässt. Kragh-Jacobson sieht das tiefste Geheimnis der Frau in der Erfahrung der Geburt, und so wird die Weiblichkeit seiner Protagonistin zur reinen Mütterlichkeit stilisiert.

Auch wenn man sich unangenehm berührt fühlt ob Kragh-Jacobsens Fixierung auf die Frau als Mutter, auch wenn man seine Prämisse nicht teilt, eine Frau bestehe aus den binär entgegengesetzten Polen der Hure und der Jungfrau, so kann man doch viel Spaß haben in Skagerrak. Gut unterhalten nämlich kann der Regisseur, und die Geschichte die er erzählt, ist sehenswert: Marie und Sophie (Bronagh Gallagher) schlagen sich durch mit Gelegenheitsjobs, sie arbeiten auf Bohrinseln und Schiffen, und wenn sie nach einem Job wieder an Land kommen, genießen sie ihre Freiheit mit durchzechten Nächten. Ihr Leben ändert sich von Grund auf, als Marie das Angebot bekommt, für einen Adeligen Leihmutter zu spielen: 40.000 Pfund soll sie bekommen, wenn sie das Kind austrägt, das den Namen des Adelsgeschlechts retten soll. Sophie überredet sie zu dem Job, und nach der unerotischsten Beischlafszene, die seit langem im Kino zu sehen war, wird Marie tatsächlich schwanger.

Am eindrucksvollsten ist Skagerrak dort, wo er seiner immer melodramatischer werdenden Geschichte freien Lauf lässt: dort, wo Marie ihre Einsamkeit beweint - denn Sophie bleibt deutlich kürzer bei ihr als erhofft, dort, wo sie mit ihrem Leben als Brutmaschine hadert und wo dem Zuschauer ausgiebig Gelegenheit dazu gegeben wird, mit Marie in Verzweiflung zu versinken. Dennoch gibt sich Kragh-Jacobsen nicht damit zufrieden, ein Rührstück über das Schicksal seiner Heldin zu produzieren, eher neigt er - wie andere skandinavische Produktionen á la Italiensk for begyndere oder Om Jag Vänder Mig Om auch der entgegengesetzten Seite der dramatischen Form zu: Sein Film pendelt zwischen Tragödie und Komödie, und die Schwebe, in der der Regisseur seine Geschichte kontinuierlich zu halten vermag, ist wohl der angemessene Ausdruck für seine binären Theorien der Weiblichkeit - seien sie auch noch so verschroben. Es gibt viel zu lachen, wenn Marie die eigentliche Reise des Films antritt: ihre Flucht vor dem Adelsgeschlecht, das ihr den Verfolger Ian (Martin Henderson) auf den Hals hetzt, in den sie sich schneller, als es für alle Beteiligten gut sein kann, verliebt.

Auf ihrer Flucht trifft Marie drei Gestalten - laut Regisseur durchaus bewußt an die drei Weisen der Weihnachtsgeschichte angelehnt: drei Angestellte der Autowerkstatt Skagerrak, und die drei erfüllen am ehesten die Funktion kontinuierlicher Pointenlieferanten. Sie geben dem Film die Leichtigkeit wieder, die verlorenzugehen drohte, als er mit Sophie und ihrer wunderbaren Darstellerin sein geheimes Zentrum einbüßte, sie stellen einen Gegenpol wieder her zu der in ihrem tragischen Leben gefangenen Marie. Man muss die grässliche Stilisierung der Mutterschaft, die sich in gewisser Weise bis in das Weichzeichner-Happyend zieht, wohl hinnehmen, um sich die angenehm wechselhafte Geschichte um Marie erzählen zu lassen, man muss wohl in Kauf nehmen, wie der Regisseur seine Welt sieht, wenn man ein wenig von den Emotionen seiner Figuren spüren will. Wer den Kompromiss eingeht, der wird belohnt.