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13. März 2013
Thomas Vorwerk
für satt.org


  Hitchcock (Sacha Gervasi)
The Girl (Julian Jarrold)




Hitchcock
(Sacha Gervasi)

USA 2012, Buch: John J. McLaughlin, Lit. Vorlage: Stephen Rebello, Kamera: Jeff Cronenweth, Schnitt: Pamela Martin, Musik: Danny Elfman, Special Make-Up: Greg Nicotero, mit Anthony Hopkins (Alfred Hitchcock), Helen Mirren (Alma Reville), Scarlett Johannsson (Janet Leigh), Danny Huston (Whitfield Cook), Toni Collette (Peggy Robertson), James D'arcy (Anthony Hopkins), Jessica Biel (Vera Miles), Michael Stuhlbarg (Lew Wasserman), Michael Wincott (Ed Gein), Richard Portnow (Barney Balaban), Kurtwood Smith (Geoffrey Spurlock), Ralph Macchio (Joseph Stephano), Wallace Langham (Saul Bass), Paul Schackman (Bernard Hermann), Spencer Garrett (George Tomasini), Richard Chassler (Martin Balsam), Josh Yeo (John Gavin), Rapunzel (Geoffrey), Cinderella (Stanley), 98 Min., Kinostart: 14. März 2013


The Girl
(Julian Jarrold)

UK / Südafrika / USA 2012, Buch: Gwyneth Hughes, Vorlage: Donald Spoto, Kamera: John Pardue, Schnitt: Andrew Hulme, Musik: Philip Miller, mit Sienna Miller (Tippi Hedren), Toby Jones (Alfred Hitchcock), Imelda Staunton (Alma Revelle Hitchcock), Conrad Kemp (Evan Hunter), Penelope Wilton (Peggy Robertson), Angelina Ingpen (Melanie), Candice D'Arcy (Josephine Milton), Carl Beukes (Jim Brown), Adrian Galley (Martin Balsam), Sean Cameron Michael (Robert Burks), 91 Min.


Just like Arbogast on the top two stairs

Anderswo macht man das Hitchcock-Jahr gerne daran fest, dass Vertigo erstmals bei der regelmäßig stattfindenden Experten-Umfrage des British Film Institutes nach den besten Filmen aller Zeiten den Standard-Gewinner Citizen Kane vom Thron stürzen konnte, mir persönlich ist noch stärker aufgefallen, wie häufig insbesondere Psycho in den letzten Monaten »Inspiration« anderer Filme wurde. Da gab es einen kleinen Horrorfilm, in dem abgesehen von dem Detail, dass Jennifer Laurence länger überlebte als einst Janet Leigh, quasi der komplette Film mit winzigen Variationen Psycho nacherzählte. Da gab es Steven Soderberghs Side Effects, der die Kamerafahrt zu Beginn recht deutlich »evozierte«. Und bald kommt dann auch noch Park Chan-wooks Stoker, der gleich ganze Szenen aus Psycho und einem Sequel (ich glaube, die III war der mit der Telefonzelle) übernimmt bzw. variiert und bei dem eine der Hauptfiguren »Uncle Charlie« heißt und eine besondere Faszination auf seine Nichte ausübt.

Bei Hitchcock, dem Biopic zum Regisseur (Orson Welles war abermals schneller), geht es vor allem um die Dreharbeiten zu Psycho, wobei der Film dieses durchaus interessante Thema verwässert (jaja, »Banause, verwässert den Hitchcock!«), um das mögliche Zielpublikum zu erweitern. So gibt es einen Ehedrama-Handlungsstrang, der sich teilweise in den Vordergrund drängt (Helen Mirren als Hitchcocks Gattin Alma Reville ist eine gleichberechtigte Hauptdarstellerin – »Behind every Psycho stands a great woman«), den Hitchcock gibt hier Anthony Hopkins als Mischung aus mehrfach preisgekröntem Vollblutschauspieler und nicht geringen Make-Up-Hilfen (für all jene Zuschauer, denen Schauspielkunst und Verwandlung über alles gehen), und als Janet Leigh wurde ausgerechnet Scarlett Johansson gecastet, weil die immer ein paar Leute ins Kino zieht, auch wenn sie mit Janet Leigh nun wirklich eher wenig verbindet. Im Trailer geht es übrigens gleich mehrfach um die üppige Brust Frau Johanssons und es wird impliziert, dass man davon im Film womöglich was erhaschen könne. Ich kann mir nicht vorstellen, dass man in Zeiten von »Mr. Skin« noch durch solche angedeuteten Versprechungen jemanden ins Kino locken kann, aber zumindest versucht man es im Trailer.

 





Toby Jones in »The Girl«
Toby Jones in The Girl
Bildmaterial »The Girl« © HBO Films

Sienna Miller in »The Girl«
Sienna Miller in The Girl


 Hitchcock (Sacha Gervasi)
Bildmaterial »Hitchcock« © Twentieth Century Fox
 Hitchcock (Sacha Gervasi)
 Hitchcock (Sacha Gervasi)
 Hitchcock (Sacha Gervasi)

Apropos Trailer. Die Trailer zu Hitchcock und The Girl (ein Fernsehfilm über die Zusammenarbeit zwischen Sir Alfred und Tippi Hedren) hatte ich mir interessehalber schon einige Monate vor den jeweiligen Vorführungen angeschaut, und damals war mein Urteil recht eindeutig: Anthony Hopkins ist und bleibt Anthony Hopkins, und der zieht sein Ding durch. Toby Jones als der andere Hitchcock hingegen sieht vielleicht nicht ganz so aus, hatte aber die Stimme Hitchs (das legendäre stundenlange Interview mit Truffaut kann man sich irgendwo aus dem Netz ziehen und der Stimme des Meisters andächtig lauschen) erstaunlich gut drauf. Außerdem sprach mich bei The Girl (dem Trailer) das Visuelle (und damit meine ich nicht Sienna Miller) weitaus stärker an.

Dieser Eindruck konnte sich auch nach der Sichtung der beiden Filme (The Girl sollte recht bald als britische Import-DVD zu bekommen sein) halten. Regisseur Julian Jarrold (Becoming Jane, Brideshead Revisited) versteht sich darin, seine Geschichte durch visuelle Momente zu erzählen. Eine Einbeziehung der Leinwand (bei Probeaufführungen) oder dessen, was später auf der Leinwand zu sehen sein wird (während der Dreharbeiten) wird hier zu einem erzählerischen Mittel. Außerdem gibt es einfallsreiche Kamerapositionen (nicht nur die Standard-Aufnahme von oben), man nutzt die Steadycam und hat generell einfach ein paar Ideen, was durchaus an Hitchcock erinnert, auch wenn die eigentliche Story etwas aufgebauscht und überdramatisiert wirkt. In The Girl ist Hitchcock ein talentierter Sadist auf Abwegen, in Hitchcock jemand, der von seiner Frau von ähnlichen Abwegen abgehalten werden muss. Wobei ich übrigens Imelda Staunton, die Alma in The Girl, um einiges besser fand, weil sie eher still leidet, während bei Hitchcock und Helen Mirren das Leiden, das Frausein und die Kreativität zum Mittelpunkt des Films erklärt werden, wo ich persönlich dann doch lieber etwas mehr Hitchcock gesehen hätte. Es gibt ja in beiden Filmen eine weibliche Hauptrolle, aber Tippi Hedren alias The Girl ist ja auch die eindeutige Titelrolle, vielleicht wäre da im anderen Fall »Mr. & Mrs. Hitchcock« (übrigens eine nette Anspielung) der bessere Titel gewesen.

Zurück zum Kinofilm, der aktuell das größere Interesse auf sich ziehen wird. Ganz interessant ist die traumähnliche Einbeziehung der Geschichte Ed Geins, der als einer der bekanntesten Serienmörder neben Jack the Ripper damals auch schon für den Psycho-Romanautor Robert Bloch eine Inspiration war, und damit kann man natürlich ganz nett spielen (»Can't you stop being a mommy's son?«).

Übrigens muss ich zugeben, dass mich Anthony Hopkins, den ich beim Trailer noch wenig überzeugend fand, im Verlauf des Films nicht übermäßig gestört. Vielleicht hatte ich mich einfach an ihn gewöhnt, und die Stimme Hitchcocks wiederzuerkennen (und nicht die des eigentlichen Sprechers) fällt natürlich leichter, wenn man Toby Jones' Stimme nicht ohne weiteres festnageln kann, die von Hopkins aber natürlich an jeder Modulation wiedererkennt.

Der Film an sich hat ein paar nette Ideen, man hat aber kaum mal den Eindruck, wirklich nah am Original zu sein. Alles ist aufbereitet fürs Publikum (dass ja potentiell nicht den geringsten Schimmer hat und alles erklärt bekommen muss), die Art und Weise, wie Hitchcock etwa als Manipulator und Dirigent der Presse dargestellt wird (und das konnte er bekanntlich wirklich vortrefflich), wird dann gespiegelt in der reichlich blödsinnigen Szene, wo er (ohne Pressepublikum) quasi seinen eigenen Film (inklusive der Reaktion der Zuschauer) »dirigiert«. Selbst, wenn es dafür einen Beleg gibt, macht es halt einen Reisenunterschied, ob Sir Alfred so eine Nummer für ein Publikum abzieht, oder Sir Anthony dasselbe (abgesehen von der Filmkamera) nur aus persönlichen (und reichlich deppert wirkenden) Gründen macht.

Am besten hat mir im Film übrigens James D'Arcy als Anthony Perkins (Perkins / Hopkins – nicht durcheinanderkommen!). Zwar fand ich es etwas überzogen, wie das Wissen um die sexuelle Orientierung des Schauspielers hier quasi zur Allgemeinbildung gehört (Alma ist halt Frau und weiß Bescheid – dass Perkins 1959 noch recht unbekannt war und deshalb auch kaum Objekt solcher Gerüchte, wird komplett ignoriert), aber die Darstellung des verschüchterten Darstellers beim Vorsprechen (auch, wenn das natürlich wieder mal impliziert, dass er sich fast nur selbst gespielt hat) ist der Moment, wo ich wirklich an Psycho (bzw. Perkins) erinnert wurde (und mich nicht nur Frage, durch wie viele Wandlöcher man denn wohl noch schauen muss). Und dass Perkins auf die Frage, welche Hitchcock-Filme er den gesehen hat, ausgerechnet Strangers on a Train und Rope benennt, wirkt im Nachhinein zwar reichlich vorhersehbar, doch war dies mal eine Stelle des Films, bei der ich das Gefühl hatte, dass man, wenn man tatsächlich etwas Ahnung über Hitchcock und seine Filme hat, ein anerkennendes Zwinkern bekommt - ehe sich der Film wieder dem Massenpublikum zuwendet und das Thema Closet-Homosexualität dann mit einer platten Folge von Magazin-Covern »abhandelt«.

Hitchcock ist der gefälligere der beiden Filme, The Girl der ambitioniertere – aber manchmal auch abstoßendere in seiner bewusst provokativen Darstellung des Spoto-Hitchcocks. Unabhängig davon, ob man sich schon zuvor mit Hitchcock und seinen Filmen befasst hat, sollte man entweder beide oder keinen schauen. Der Vergleich ist interessant, die Wahrheit steckt irgendwo dazwischen. Und danach (oder davor oder dazwischen) bietet es sich natürlich an, Psycho, The Birds und Marnie anzuschauen. Und vielleicht noch die beiden Filme, die Hitchcock direkt zuvor drehte, North by Northwest (dt.: Der unsichtbare Dritte) und Vertigo. Und wer dann noch nicht angefixt ist, für den gibt es keine Hoffnung.