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3. April 2013
Thomas Vorwerk
für satt.org


  Oslo, 31. August (Joachim Trier)
Oslo, 31. August (Joachim Trier)
Bildmaterial: Peripher Film
Oslo, 31. August (Joachim Trier)
Oslo, 31. August (Joachim Trier)


Oslo, 31. August
(Joachim Trier)

Originaltitel: Oslo, 31. august, Norwegen 2011, Buch: Eskil Vogt, Joachim Trier, Lit. Vorlage: Pierre Drieu La Rochelle, Kamera: Jakob Ihre, Schnitt: Olivier Bugge Coutte, Musik: Ola Fløttum, mit Anders Danielsen Lie (Anders), Hans Olav Brenner (Thomas), Ingrid Olava (Rebekka), Øystein Roger (David), Tone B. Mostraum (Tove), Kjærsti Odden Skjeldal (Mirjam), Johanne Kjellevik Ledang (Johanne), Petter Width Kristiansen (Petter), Renate Reinsve (Renate), Anders Borchgrevink (Øystein), 96 Min., Kinostart: 4. April 2013

Auch ich gehörte zu denjenigen, die aufgrund des ungewöhnlichen Filmtitels schnell annahmen, dieser Film drehe sich um ein bestimmtes historisches Ereignis (das erste Opfer von Jack the Ripper wird gefunden, Lady Di stirbt bei einem Autounfall, die Karlsbader Beschlüsse, die Zeugen Jehovas werden in der DDR verboten oder ähnliches), doch der Tag hat nur eine besondere Bedeutung für den Film und seine Hauptfigur. Anders (Anders Danielsen Lie) ist ein Drogenabhängiger, der für einen Tag seine Entzugsklinik verlässt. Er hat ein Vorstellungsgespräch, trifft alte Freunde wieder usw. Über die klassische Einheit von Zeit und Ort (bzw. Zeit und Protagonist, aber Anders unternimmt keine Weltreise an diesem Tag), noch betont durch den Filmtitel, werden hier selbst kleine Details ganz aufmerksam beobachtet, man erfährt viel über die geringsten Nuancen. Über Anders' Vergangenheit, aber noch mehr über seine Gegenwart, darüber wie sein Umfeld auf ihn und seine Probleme reagiert – und auch darüber, wie das Umfeld natürlich auch mitschuldig ist an jeder Entscheidung. Selbst bei den allerbesten Absichten.

Von Joachim Trier kennen Freunde des skandinavischen Kinos vielleicht schon Reprise (dt.: Auf Anfang), in dem Anders Danielsen Lie auch schon eine Hauptrolle innehatte. Und wenn seine Figur damals nicht Philip geheißen hätte, würde ich steif und fest behaupten, dass es sich um die selbe Person handeln soll. Es ist sechs Jahre her, dass ich Reprise gesehen habe, aber vieles passt auf die vage umschriebene Vergangenheit der Figur Anders. Voller Potential und Ambitionen, voller Hoffnungen. Joachim Trier will aber mit seinem gar keine klaren Antworten geben. Und deshalb gefällt mir der Film auch so sehr. Wie vor kurzem Take this Waltz oder vor etwas längerer Zeit Gus Van Sants Elephant. So hat ein Tag im Leben eines Drogenabhängigen vermeintlich recht wenig zu tun mit einem Ehebruch oder einem Schulmassaker. Doch die Suche nach Gründen, nach Motiven, nach einer Berechtigung oder einem richtigen / besseren Pfad in der Lebensführung – das verbindet diese drei Filme (und viele andere) über die hervorragende Inszenierung hinaus.

Eine andere Art von Filmen, die mir oft (aber längst nicht immer) gut gefällt, ist die freie Adaption eines bekannten Stoffes. Ob man Shakespeare in Forbidden Planet, The Lion King oder Warm Bodies kaum wiedererkennt oder jemand mal wieder Dashiell Hammett oder Raymond Chandler in ein anderes Sujet oder Genre transplantiert, die freie Bearbeitung ist mir fast immer lieber als das sklavische Verharren an jedem Buchstaben. Trier hat hier einen Roman von 1931 als Ausgangspunkt genommen, den auch schon Louis Malle unter dem Buchtitel verfilmte: Le feu follet (dt.: Das Irrlicht) von 1963. Im Roman geht es um Shell-Shock und Burn-Out nach dem ersten Weltkrieg, bei Louis Malle um Alkoholismus. Sehr hübsch und einprägsam ist auch der US-Titel der Verfilmung: The Fire Within. Um dieses Feuer geht es auch bei Anders. Man ist sich aber als Zuschauer nicht ganz sicher, ob man sehen will, wie Anders dieses Feuer erstickt – oder wie es blitzschnell ausbrechen kann und ihn verzehrt. Das Leben als ewiger Drahtseilakt.

Viel mehr möchte ich gar nicht über diesen Film erzählen. Es geht um die Details, und die muss jeder für sich selbst entdecken. Etwa drei junge Mädchen, die sich unterhalten und feststellen, dass Kurt Cobains Gesangsstimme nicht mehr so gut sei, seit er sich mit einer Schrotflinte erschoss (!! – Gus Van Sant grüßt erneut). Dreht sich unser Leben wirklich nur darum, alle Staffeln unserer Lieblingsfernsehserie zu besitzen und geliebt zu werden? So hip wie in diesem Film ist Philosophie nur selten. Und das man gleichzeitig die »Hipness« auch noch hinterfragt, das ist das Meisterstück.