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6. November 2019
Thomas Vorwerk
für satt.org


  After the Wedding (Bart Freundlich)


Zombieland:
Doppelt hält besser
(Ruben Fleischer)

USA 2019, Originaltitel: Zombieland: Double Tap, Buch: Rhett Reese, Paul Wernick, Dave Callaham, Kamera: Chung Chung-hoon, Schnitt: Dirk Westervelt, Musik: David Sardy, Music Supervisor: Gabe Hilfer, Kostüme: Christine Wada, Production Design: Martin Whist, mit Woody Harrelson (Tallahassee), Jesse Eisenberg (Columbus), Emma Stone (Wichita), Abigail Breslin (Little Rock), Zoey Deutch (Madison), Rosario Dawson (Nevada), Luke Wilson (Albuquerque), Thomas Middleditch (Flagstaff), Bill Murray (Himself), Avan Jogia (Berkeley), 96 Min., Kinostart: 7. November 2019

Die zweite der vielen Überlebensregeln von Columbus (Jesse Eisenberg) in Zombieland hieß »Double Tap« - also sicherstellen, dass ein vermeintlich erledigter Zombie sich nicht noch mal aufrafft und einen ins Bein beißt. Entsprechend wurde Double Tap auch zum Zusatztitel des Sequels erkoren.

Nach zehn Jahren noch mal das inzwischen durchgehend mit Oscarnominierten bestückte Schauspielerquartett zusammenzubringen, ist schon eine gewisse Leistung, auch wenn das zum großen Teil auch damit zusammenhängen wird, dass die Hauptfiguren in der Zwischenzeit schon mehrfach zusammenarbeiteten und somit auch vertraut, wenn nicht gar befreundet miteinander sind. Jesse Eisenberg und Woody Harrelson spielten zwischendurch in den zwei Now you see me-Filmen, Emma Stone und Eisenberg ließen sich von Regisseur Ruben Fleischer auch in dessen Filmen Gangster Squad respektive 30 Minutes or less besetzen. Und man sollte neben einem verlockenden Einspielergebnis nie den Reiz entspannter Dreharbeiten unterschätzen.

Zombieland: Doppelt hält besser (Ruben Fleischer)

© 2019 Sony Pictures Entertainment Deutschland GmbH

Um es vorwegzunehmen: Double Tap ist ein sehr unterhaltsamer Film. Hätte ich meine Notizen nicht verlegt, würde ich vielleicht einige der besten Gags zitieren. Das heißt aber nicht zwangsläufig auch, dass das folgende Statement von Jesse Eisenberg (aus dem Presseheft) ins Schwarze trifft

»There were probably 10 scripts over the last 10 years, but it never felt worthy of making a sequel. Finally the script was just so great, like it would be a fantastic stand-alone movie even if it wasn't associated with the first one.«

»So großartig« erscheint mir das Drehbuch nicht wirklich. Es grast vor allem die typischen Grundregeln des Sequelschreibens ab: die zusammengeschweißte Familie aus Film 1 wird wieder auseinandergerissen, man addiert neu interessante Figuren und hält sich ansonsten ziemlich genau an alle Punkte, die den ersten Film zu einem Überraschungshit mit über 100 Millionen US-Dollars Einspielergebnis weltweit machten.

Das etablierte (relative) Happy End aus Zombieland wird also routinemäßig in Frage gestellt, aber eine der Fragen, die ich mir während des Films stellte, war: Wie hoch kann man Happy Ends stapeln?

Zombieland: Doppelt hält besser (Ruben Fleischer)

© 2019 Sony Pictures Entertainment Deutschland GmbH

Es gibt ja Genrefans, die verachten nichts stärker als Filme, die zum Beispiel die etablierten sozialkritischen Regeln des Zombiegenres ignorieren und einfach nur Funsplatter liefern. Meinen Kritikerkollegen Jochen Werner sollte man etwa nicht auf das Zack-Snyder-Remake von Dawn of the Dead ansprechen, er neigt sonst schnell dazu, Gift und Galle zu spucken.

In Zombieland gelang es zwar - und das ist im Genre ungewöhnlich - dass die vier Hauptfiguren sich gemeinsam der Zombieübermacht erwehren konnten, aber besonders überzeugend wirkte das schon damals nicht. Der Showdown in einem Vergnügungspark wird laut Audiokommentar auf der DVD zwar von den Machern zu den Höhepunkten des Films gerechnet, aber selbst die Drehbuchautoren kommen etwa nicht umhin, anzumerken, dass die Vorgehensweise der beiden Mädels dort nicht unbedingt von besonderer Intelligenz zeugt.

Und im zweiten Film schafft man es, durch auffällige Ausleuchtung den Spielort des Finales abermals zu einem Zombiemagneten zu machen, der nun auch noch eine besonders gefährliche und langlebige neue Unterart der Zombies in großen Massen anlockt. Dann folgen zwar einige brenzlige Momente, aber (möglicher Spoiler) es wirkt nie so, als wenn die Hauptfiguren wirklich jemals in Gefahr schweben.

Noch schlimmer: selbst die meisten der neuen Nebenfiguren bekommen quasi nebenbei ein Siegel »unkaputtbar« draufgeknallt, was das normale dystopische Grauen eines Zombiefilms quasi verpuffen lässt. Stattdessen geht es vor allem um effektive Schusswaffen - und selbst, als die eine Zeitlang nicht zur Verfügung stehen und man in Nullkommanichts einen ausgewieften Plan auf die Beine stellen muss, werden die zuvor als besonders gefährlich und langlebig etablierten T-800-Zombies plattgemacht wie sprichwörtliche Lemminge.

Zombieland: Doppelt hält besser (Ruben Fleischer)

© 2019 Sony Pictures Entertainment Deutschland GmbH

Die Evolution der Zombies hat generell ein großes Storyloch, weil eine Unterart »Homer« genannt wird und sich durch Fettleibigkeit und verstärkte Dummheit auszeichnet. Warum ausgerechnet jene sich beim survival of the fittest, das in irgendeiner Art auch bei Zombies eine Rolle spielen dürfte, durchsetzen konnten, wird nicht einmal im Ansatz erklärt. Denn generell sollte man bei diesem Film nicht unnötig mitdenken, wenn man ihn genießen will.

Damals bei Zombieland, Ruben Fleischers Spielfilmdebüt, erklärte er im Audiokommentar, dass er unzählige seiner »Lieblinge« oder Babys, also besonders gelungene Gags, Einstellungen und Szenen, die aber den Flow oder die dramatische Entwicklung des Films behindern könnten, auf dem sprichwörtlichen Fußboden des Schneideraums nach dem Motto kill your darlings zurücklassen musste. Andererseits erklärt er (bzw. die Drehbuchautoren) auch, wie man in der Montage durch geeignete Flashbacks, die nicht immer so am Drehbuch gedacht waren, jeder der vier Hauptfiguren einen Background bzw. eine Motivation verleihen konnte.

Zehn Jahre später, Fleischer ist laut Presseheft mittlerweile ein »Regieveteran« (WTF?), und eine Szenenfolge, die ich dem Film nicht verzeihe, besteht darin, dass der im ersten Film verstorbene Bill Murray quasi post credits auch seinen Flashback erhält, der nun natürlich gut zehn Jahre zurückliegt...

Zum einen ist es leider so, dass Bill Murray sich in seinem Erscheinungsbild stärker verändert hat als die damals etwa zwölfjährige Abigail Breslin (es fällt einem also schwer, seinen Auftritt glaubhaft in die Chronologie einzubauen), zum anderen wirkt die ganze Sequenz wie eine Anhäufung schlechter Sparwitze. Er wird von der Presse zum (rein fiktiven) dritten Garfield-Film befragt (zwischendurch erhaschte ich das Plakat schon mal im Hintergrund und wunderte mich sehr), dann bricht die Zombiecalypse aus - und nonchalant und ohne die geringste körperliche Anstrengung erlegt Murray gleich mehrere Zombies mit einem Klappstuhl, der ganz so aussieht, als würde er eher zerbrechen als ein menschlicher Körper, auf den man mit ihm einschlägt.

Ich mag Bill Murray auch, aber dieser Gastauftritt hilft dem Film nicht wirklich, sondern treibt eher einen zusätzlichen Sargnagel in den diesmal noch unglaubwürdigeren Showdown.

Zombieland: Doppelt hält besser (Ruben Fleischer)

© 2019 Sony Pictures Entertainment Deutschland GmbH

Ach ja, auf dem Plakat weist man ja gesondert auf den Regisseur von Venom und die Autoren von Deadpool hin. Entweder hat man sich gedacht, dass heutzutage an der Kinokasse generell nur noch Marvel-Filme etwas hermachen (wobei ich Venom auch nicht als vielgeliebten Kassenschlager in Erinnerung habe). Aber es ist auch so, dass die selbstreferenziellen Spielereien von Deadpool, für die Rhett Reese und Paul Wernick (der dritte Autor Dave Callaham wird komplett unterschlagen) mittlerweile bekannt sind, bei dem diesmal besonders geschwätzigen Erzähler Columbus nicht wirklich dazu passen. Wenn der sich etwa gleich zu Beginn beim Publikum dafür bedankt, dass man sich für Zombieland anstelle eines anderen Films das ausufernden Subgenres entschieden hat (als hätte er tiefe Einblicke in unser zombiefreies Paralleluniversum), dann funkt das als Gag auch nur so mittelschwach und lässt einen eher verdutzt den Kopf schütteln. Wie gesagt, »so großartig« ist das neue Drehbuch nicht wirklich, da will man die ersten neun treatments lieber nicht lesen...

Die beste Idee des neuen Films ist aber Madison, quasi die Paris Hilton der Zombieüberlebenden, die mit einer kaum zu toppenden »Naivität« (sie verwechselt u.a. Apokalypse mit Akropolis...), die sich nur sehr schwer mit den von Woody Harrelson und Emma Stone gespielten Figuren verträgt, für einige der gelungenen Momente sorgt, bei denen der Unterhaltungswert die Glaubwürdigkeit nicht automatisch negiert. Aber auch bei dieser Figur, die eine Szene hat, die mich sehr an Miller's Crossing erinnert, gibt es eine Wendung, die mich eher verärgert hat, weil die Vorhersehbarkeit des Drehbuchs sich mit einer für das Genre unpassenden Harmlosigkeit paart. Aber offensichtlich legten die Filmemacher diesmal deutlich mehr Wert auf die Gagdichte als auf Plausibilität, Charakterentwicklung oder ähnliche Stärken des ersten Films.