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26. Januar 2011
Thomas Vorwerk
für satt.org


  Brothers (Jim Sheridan)
Brothers (Jim Sheridan)
Brothers (Jim Sheridan)
Brothers (Jim Sheridan)
Brothers (Jim Sheridan)
Brothers (Jim Sheridan)


Brothers
(Jim Sheridan)

USA 2009, Buch: David Benioff, Drehbuch des dänischen Originalfims Brødre: Anders Thomas Jensen, Susanne Bier, Kamera: Frederick Elmes, Schnitt: Jay Cassidy, Musik: Thomas Newman, mit Jake Gyllenhaal (Tommy Cahill), Tobey Maguire (Capt. Sam Cahill), Natalie Portman (Grace Cahill), Bailee Madison (Isabelle Cahill), Taylor Geare (Maggie Cahill), Sam Shepard (Hank Cahill), Mare Winningham (Elsie Cahill), Patrick Flueger (Private Joe Willis), Carey Mulligan (Cassie Willis), Ethan Suplee (Sweeney), Clifton Collins Jr. (Major Cavazos), Omid Abtahi (Yusuf), Navid Negahban (Murad), Jenny Wade (Tina), 105 Min., Kinostart: 27. Januar 2011

Drehbuchautor David Benioff hat durch sein Werk (u. a. 25th Hour, Stay, aber auch Troy) eine gewisse Anerkennung errungen, doch dass er sich beim US-Remake von Susanne Biers Brødre so sehr an das Originalskript (von Anders Thomas Jensen und der Regisseurin) gehalten hat, zeichnet ihn wirklich aus. Als jemand, der Rückgrat beweist - und als jemand, der großartiges Material als solches erkennt und es nicht verpfuscht, um ihm seinen persönlichen Stempel aufzudrücken.

Schon in 25th Hour ging es um einen demnächst hinter Gittern landenden Straftäter, diesmal beginnt der Film mit der Entlassung des Bankräubers Tommy (Jake Gyllenhaal), der noch ein (etwas unsanftes) Familiendinner erlebt, bevor sein älterer Bruder Sam (Tobey Maguire) als Soldat das Land verlässt und (SPOILER!), wie sich später herausstellt, als (für tot erklärter) Kriegsgefangener ebenfalls hinter Gittern landet, dabei aber ungleich Drastischeres erlebt.

Der Film dreht sich vor allem um das Dreiecksverhältnis zwischen den Brüdern und Sams Frau Grace (Natalie Portman, bei ihrem Rollennamen kann ich mich nicht des Eindrucks erwehren, dass er an den Film Grace is Gone erinnern soll), sowie um den Einfluss des plötzlich Verantwortungsbewusstsein zeigenden Knastis bei den zwei Töchtern der nunmehr alleinerziehenden Mutter, ein Aspekt des Films, der wahrscheinlich Regisseur Jim Sheridan besonders angesprochen hat, der selbst zwei Töchter (nebst Gattin) hat, und sein Talent für Kinderregie im autobiographisch mehr als nur angehauchten In America zeigte.

Schon früh entwickelt sich der Film zu einem Familiendrama, das in seinen köchelnden Konflikten an Thomas Vinterbergs Festen erinnert - doch auch, wenn das Remake Struktur und Dialoge teilweise akribisch übernahm, fühlt man sich hier als Zuschauer immer viel sicherer. Tobey Maguire liefert zwar die wohl beste Schauspielleistung seines Lebens, aber er ist halt kein Ulrich Thomsen, der in fast allen seinen Rollen eine spektakuläre psychologische Fallhöhe demonstriert, sondern irgendwie immer noch Peter Parker (jaja, der Sparwitz mit der Fallhöhe ist mir nicht entgangen) und ein all-american boy. Vielleicht wäre es da geschickter gewesen, die Rollen der Brüder auszutauschen. Jake Gyllenhaal ist zwar in letzter Zeit vor allem durch unerträglich polierten und flachen Mainstream-Bullshit präsent (Prince of Persia, Love & Other Drugs), aber er wird im kollektiven Bewusstsein immer einen anderen Jüngling mit alliterativem Namen erinnern, nämlich Donnie Darko.

Aber es ist müßig, sich darüber den Kopf zu zerbrechen, alle Beteiligten geben sich Mühe, das Remake ist zwar im Tonfall harmloser als das Original, aber in der Kategorie »US-Remake eines europäischen Originals« dürfte sich Brothers sicher qualitativ im oberen Viertel befinden.

Und der häufigste Vorwurf an Brødre - nämlich, dass der Film sich politisch bei den US-Amerikanern anbiedert, verliert durch seinen veränderten Spielort komplett sein Fundament - denn in amerikanischen Filmen tragen die bösen immer Bärte, einem Film das vorzuwerfen ist so, als wenn man einem französischem Film vorwirft, dass viel geredet wird, oder einem deutschen, dass das Ende mit dem Selbstmord so deprimierend ist. :-)