Anzeige:
Sofie Lichtenstein: Bügeln. Protokolle über geschlechtliche Handlungen




25. April 2016
Thomas Vorwerk
für satt.org


  The First Avenger: Civil War (Anthony & Joe Russo)


The First Avenger: Civil War
(Anthony & Joe Russo)

USA 2016, Originaltitel: Captain America: Civil War, Buch: Christopher Markus, Steven McFeely, Comic-Vorlage: Joe Simon & Jack Kirby, Kamera: Trent Opaloch, Schnitt: Jeffrey Ford, Matthew Smith, Musik: Henry Jackman, mit Chris Evans (Steve Rogers / Captain America), Robert Downey, jr. (Tony Stark / Iron Man), Sebastian Stan (John Buchanan »Bucky« Barnes / Winter Soldier), Scarlett Johansson (Natasha Romanoff / Black Widow), Anthony Mackie (Sam Wilson / Falcon), Don Cheadle (Lieutenant James Rhodes / War Machine), Jeremy Renner (Clint Barton / Hawkeye), Chadwick Bosemann (T'Challa / Black Panther), Elizabeth Olson (Wanda Maximoff / Scarlett Witch), Paul Bettany (Vision), Daniel Brühl (Helmut Zemo), William Hurt (Secretary of State Thaddeus Ross), Paul Rudd (Scott Lang / Ant-Man), Tom Holland (Peter Parker / Spider-Man), Emily VanCamp (Sharon Carter), Martin Freeman (Everett K. Ross), Frank Grillo (Brock Rumlow / Crossbones), Marisa Tomei (Aunt May), John Slattery (Howard Stark), Hope Davis (Maria Stark), John Kani (King T'Chaka), Gene Farber (Vasili Karpov), Alfre Woodard (Miriam), Stan Lee (FedEx Driver), 146 Min., Kinostart: 28. April 2016

»Which side are you on?« - so lautete einst der Werbespruch, als bei Marvel Comics das Crossover Civil War rauskam, in der man einen Sommer lang die Superhelden in zwei Lager aufteilte und gegeneinander kämpfen ließ. Eigentlich eine uralte Kiste, aber zum Heftchen verscheuern hat es prima funktioniert.

Für die Filmfassung musste man das Personal zwar etwas verkleinern, aber wenn hier sechs Superhelden aus dem Avengers-Umfeld gegen sechs andere antreten und große Teile des Flughafens Leipzig-Halle zu Bruch schlagen, ist das allemal bombastischer als der Kampf zwischen Batman und Superman. Und vor allem witziger, denn die One-Liner, die sich Ant-Man, Spider-Man, Hawkman usw. um die Ohren hauen, erinnern an die besten Stellen der Avengers von Joss Whedon.

The First Avenger: Civil War (Anthony & Joe Russo)

Bildmaterial: © Marvel 2016

Allerdings muss man sich da erstmal hinarbeiten ...

Im Comic wie im Film sind die Rädelsführer (oder Mannschaftskapitäne) Captain America und Iron Man. Was für die erste Hälfte des Films heißt, dass es martialisch-militaristisch wird. Denn während der Titelheld des Films sich mit einem militärischen Rang und dem Land (eigentlich Doppel-Kontinent) bezeichnet, für das sein patriotisches Herz schlägt, ist sein Gegenspieler Iron Man ein erfinderischer Rüstungsfabrikant, dessen bester Kumpel (Don Cheadle) sogar unter dem Namen »War Machine« fungiert. nach friedliebenden Blumenkindern klingt das nicht eben, und die Filme um Iron Man und Captain America drehten sich auch immer bevorzugt um Terrorismus, Kriegsgewinnler und länderübergreifende Konflikte.

Entsprechend beginnt auch Civil War wie der »Cap«-Vorgänger The Winter Soldier von den selben Regie-Brüdern mit einer streng militärisch erscheinenden Überwachung, bis man dann die »Gefährder« ausgemacht hat, die aus dem »Institute for Infectious Diseases« gewisse Substanzen entfernen wollen.

Und so kommt man zum ersten der zwei großen Themen des Films, den trotz einer größtenteils gelungenen Aktion anfallenden »Kollateralschäden« unter Zivilisten. Der »Secretary of State« Ross (William Hurt) zeigt den Avengers-Mitgliedern und Sympathisanten etwas später Videoaufnahmen aus den Whedon-Filmen, wo New York und Sokovia reichlich in Mitleidenschaft gezogen worden (obwohl die Superhelden natürlich in beiden Fällen gleichzeitig auch das Überleben der Menschheit sichern konnten), und den bunten Vigilanten (Wettbewerb: wer hat das schlechteste Gewissen?) wird ein Dokument zur Unterschrift gereicht, nach dem nur noch ein Gremium der Vereinten Nationen darüber bestimmt, wo diese Supertruppe eingreifen soll... und wer nicht unterschreibt, tritt quasi zurück oder outet sich als Krimineller, den seine früheren Kollegen dann womöglich einfangen sollen ...

The First Avenger: Civil War (Anthony & Joe Russo)

Bildmaterial: © Marvel 2016

An dieser Stelle ein kurzer Hinweis darauf, wie komplex die ganze Kiste mit dem »Marvel Cinematic Universe« inzwischen geworden ist. Während die Fanboys gut informiert sind, dass zwischen »Vision« (Paul Bettany) und »Scarlet Witch« (Elizabeth Olsen) auf lange Sicht ein Techtelmechtel ansteht (weil sie in den Comics ein Paar werden), oder schon beim Auftauchen einer mysteriösen Agentin 13 im letzten »Cap«-Film (gespielt von Emily VanCamp, die diesmal auch wieder dabei ist) sich eine (schlecht ausgearbeitete) Entwicklung in diesem Film andeutet, sind die »normalen« Zuschauer von solchem »Geheimwissen« komplett ausgenommen. Ich tippe, dass nur ganz wenige Zuschauer begreifen, dass William Hurt hier wieder die Rolle spielt, die er schon im allerersten MCU-Film innehatte, die des (mittlerweile eifrig auf der Karriereleiter nach oben gestiegenen) General Ross, der damals, als Bruce Banner noch aussah wie Edward Norton, den Incredible Hulk in ganz ähnlicher Manier auf dem Kieker hatte wie jetzt einige der anderen Superhelden. Man erwartet nicht vom Publikum, dass es sich an den Film von 2008 erinnert, die Info spielt für die Handlung auch keine Rolle, aber die Fanboys freuen sich, wenn sie so etwas kapieren, wenn sie Nebenfiguren wie Brock Rumlow oder Helmut Zemo in der langen Comicgeschichte Marvels zuordnen können. Das hat auch schon etwas von elitärem Gehabe, und als Normalo darf man dann schon stolz sein, wenn man schon im Vorfeld mitbekommen hat, dass für 2018 ein Film namens Black Panther geplant ist, denn einer der Neuzugänge im Film, der (mit eigener Agenda) gleich kräftig mitkämpft, ist ein stolzer Königssohn, der einen katzenähnlichen Anzug anzieht - aber wie die Figur »als Superheld« heißt, wird nie erwähnt. Man muss also im Grunde entweder mehr Marvel-Comics gelesen haben, als gut für einen sein kann, die Filme eines ganzen Jahrzehnts immer mal wieder zur Auffrischung schauen, oder die Stabangaben der Filme durch eine Wikipedia-Suche abgleichen, um auch nur ansatzweise auf dem Laufenden zu bleiben, was hier alles so abläuft. Aber das gehört auch ganz eindeutig zum Geschäftsgebaren von Marvel, denn zum Film gibt es wieder die »offizielle Vorgeschichte« als Comic, und schon im Juni gibt es dann mit Civil War II den nächsten großen Crossover-Event des Verlags - und jeder Zuschauer, der einem Film auch ein paar Comics liest oder eine dazugehörige Fernsehserie schaut, geht dann auch wieder ins Kino, wenn der Infinity War (benennen sie bitte fünf deutliche Anspielungen in früheren MCU-Filmen) ansteht oder ähnliches.

The First Avenger: Civil War (Anthony & Joe Russo)

Bildmaterial: © Marvel 2016

Zurück zum (Kino-)Civil War. Bei einem Treffen der Vereinigten Nationen in Wien kommt es nun zu einem terroristischen Anschlag, und in einer Action-Strecke, die die Grenzen europäischer Länder und Zuständigkeiten verschwimmen lässt (in Wien spricht man Hochdeutsch, in Bukarest und Berlin Deutsch mit amerikanischem Akzent), wird nun der Showdown vorbereitet, für den man (vermutlich, weil ihn weniger Leute kennen) auf den Flughafen Leipzig-Halle ausweicht. Und nach der ganzen anstrengenden Schieße- und Killerei der ersten Hälfte des Films kommt nun das knallbunte dritte Viertel des Films, bei dem »Team Cap« und »Team Tony« endlich gegeneinander antreten. Nicht zuletzt durch die Auftritte von Ant-Man und Spider-Man hat diese Kabbelei nicht nur den »sense of wonder«, den Comic-Fans lieben, es ist auch einfach sehr unterhaltsam, wie hier Freundschaften strapaziert werden und sich die im Grunde alle für die Gerechtigkeit einstehenden Helden teilweise kennenlernen, während sie sich bekämpfen. Hier gibt es dann auch die tollsten Wortwechsel des Films, etwa »Captain America! It's a great honor! I'm shaking your hand too long ...« (Ant-Man) oder »I don't know if you've been in a fight before, but there's normally not that much talking involved!« (Hawkeye zu Spider-Man).

The First Avenger: Civil War (Anthony & Joe Russo)

Bildmaterial: © Marvel 2016

Dem neuen Spider-Man (Tom Holland) nimmt man übrigens nicht nur das Peter-Parker-mäßige Alter ab (der Schauspieler ist erst 19), die neue Interpretation der Figur scheint auch eindeutig jene redselige freche Art des Kinds aus der Nachbarschaft zu verkörpern, die in den früherem Versionen nur so am Rande ins Spiel kam. Ich hoffe mal, dass der anstehende Solo-Film dazu dann etwa den spielerischen Charme von Ant-Man haben wird. Aunt May (Marisa Tomei) hat übrigens auch einen kurzen Auftritt, und das scheint diesmal keine kuchenbackende Rentnerin zu werden.

Im letzten Viertel des Films bahnt sich dann zunächst an, dass noch ein weiteres sechsköpfiges »Superteam« beim spektakulären Volleyball-Turnier mitmachen will, aber es entwickelt sich in diesem Film nicht immer alles so, wie man es zunächst annahm. Das Schlussviertel wird, wie schon der "Absturz" von War Machine andeutet, etwas dunkler ... ich würde sogar so weit gehen, dass man, wenn man mal von der obligatorischen Klopperei-Sequenz absieht, das zweite Thema des Films, die Rache, fast in Gefilde entführt, die schon an David Finchers Seven erinnern. Es wird zwar kein kopfgroßes Paket angeliefert, aber das »pulling punches«, also mit halber Kraft zuschlagen, wie es noch in Leipzig verbreitet war, ist angesichts extremen Zorns verschiedener Figuren zum Schuss nicht mehr opportun, und es geht wirklich um Leben und Tod. Diese Entwicklung zeichnet sich schon ab, als Iron Man (Robert Downey, jr.), der den ganzen Film über immer wieder seine Empfindungen verleugnet, seinen gefallenen Freund in den Armen hält, ein Superhelden-Kollege mit überzeugender Ehrlichkeit »I'm sorry!« vorbricht, und Tony damit reagiert, dass er ohne hinzuschauen einfach eine Rakete in Richtung des Reue zeigenden schießt. No more Mr. Nice Guy!

The First Avenger: Civil War (Anthony & Joe Russo)

Bildmaterial: © Marvel 2016

Wenn man bedenkt, dass sich der ganze Film um ein reichlich konstruiert wirkendes Beziehungsdreieck dreht, das tatsächlich am Schluss so wirkt, als stelle man Morgan Freeman, Kevin Spacey und Brad Pitt irgendwo fernab der Zivilisation ab und hofft darauf, dass sie das Problem ja vielleicht »ausdiskutieren« können, ist das Ende des Films schon etwas glimpflich und (wieder mal) auf die sequentielle Natur der Comics (und mittlerweile ihrer Verfilmungen) abgestimmt. Ab nächstes Jahr wird Marvel die Schlagzahl auf drei Filme im Jahr erhöhen (Disney kleckert nicht, sondern klotzt - vergleiche auch Star Wars), und das Kinopublikum wird auch das mitmachen, aber ich glaube (ungeachtet der Zuschauerzahlen), dass halbwegs alleinstehende Comicfilme wie Deadpool oder Ant-Man einfach mehr dem Kino-Prinzip entsprechen (ein paar Kurzauftritte von Figuren aus dem selben Universum sind ja okay). Doch Hollywood will keine Risiken (Green Lantern!), sondern die verlässliche Gelddruckmaschine. Und solange die Zuschauerzahlen nicht deutlich zurückgehen oder Robert Downey, jr in Pension geht, wird das mit dem MCU weitergehen. Ob es einem gefällt oder nicht. Da kann man nur hoffen, dass die Filme auf dem Level von Civil War bleiben. Der wirkte auf mich übrigens tatsächlich wie eine sagen wir mal achtteilige Comic-Serie, aus der mir Heft 5 & 6 am besten gefallen haben. Ich bin mir nur noch nicht sicher, ob das etwas wirklich Positives ist ...