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13. Dezember 2016
Thomas Vorwerk
für satt.org


  Rogue One: A Star Wars Story (Gareth Edwards)


Rogue One:
A Star Wars Story
(Gareth Edwards)

USA 2016, Buch: Chris Weitz, Tony Gilroy, Story: John Knoll, Gary Whitta, Kamera: Greig Fraser, Schnitt: John Gilroy, Colin Goudie, Jabez Olssen, Musik: Michael Giacchino, Kostüme: David Crossman, Glyn Dillon, Production Design: Doug Chiang, Neil Lamont, Supervising Art Direction: Alastair Bullock, mit Felicity Jones (Jyn Erso), Diego Luna (Cassian Andor), Ben Mendelsohn (Orson Krennic), Alan Tudyk (K-2SO), Donnie Yen (Chirrut Îmwe), Wen Jiang (Baze Malbus), Riz Ahmed (Bodhi Rook), Mads Mikkelsen (Galen Erso), Forest Whitaker (Saw Gerrera), Paul Kasey (Admiral Raddus), Stephen Stanton (Stimme Admiral Raddus), Jimmy Smits (Bail Organa), Valene Kane (Lyra Erso), Beau Gadsdon (Young Jyn), Dolly Gadson (Younger Jyn), Alistair Petrie (General Draven), Genevieve O'Reilly (Mon Mothma), Ben Daniels (General Merrick), Ian McElhinney (General Dodonna), Fares Fares (Senator Vaspar), Jonathan Aris (Senator Jebel), Sharon Duncan-Brewster (Senator Pamlo), James Earl Jones (Stimme Darth Vader), Warwick Davis (Weeteef Cyubee), 133 Min., Kinostart: 15. Dezember 2016

A long time ago, in a galaxy far, far away...

Vor fast vierzig Jahren sah ich als 10jähriger im Filmhof Hoya, mitten in der niedersächsischen Provinz, »Krieg der Sterne«.

Jetzt kommt aber nicht die Geschichte davon, wie mich das verändert hat, wie ich dadurch zum SciFi-Fan wurde (das hat mehr mit Raumschiff Monitor, anderthalb Jahren später Alien und vermutlich sogar mit Alan Dean Foster und The Black Hole zu tun), aber irgendwie war das dennoch ein ziemlicher Rush, den zumindest George Lucas (und auch J.J. Abrams) nie wieder wiederholen konnte.)

Dass man jetzt in einem alleinstehenden Prequel-Spinoff die Geschichte davon erzählt, wie die Rebellen zu dem Plan kamen, mit dessen Hilfe sie in Star Wars den Death Star (»a weapon that will bring a swift end to the rebellion«) vernichten konnten, ist natürlich auch die Geschichte des großangelegten Ausverkaufs des Franchise. Fast so eingespielt wie beim Marvel Cinematic Universe oder der wiederaufgenommenen Welt von J.K. Rowling wird man jetzt jedes Jahr einen Star-Wars-Film bekommen, das Han-Solo-Spinoff steht schon fest und die Lücke zwischen Episode 9 und einem Nachfolger, der dann vielleicht nicht direkt Episode 10 heißt (weil man mit der Zweistelligkeit auch irgendwann das »Besondere« verliert), wird definitiv kleiner sein als die Lücken zwischen der Original-Trilogie, der Prequel-Trilogie und dem, was letztes Jahr viele Kinozuschauer verzauberte, aber mich ziemlich kalt ließ.

Rogue One: A Star Wars Story (Gareth Edwards)

Foto: Jonathan Olley © 2016 Lucasfilm Ltd. All Rights Reserved.

Rogue One indes hatte für mich tatsächlich einen Zauber, der an den allerersten Film heranreichte. Nicht wegen der diversen Cameo-Auftritte bekannter Figuren (man bezieht sich sogar auf die Clone Wars und Jimmy Smits als »Bail Organa« taucht mal auf, aber ich meine natürlich die Figuren aus dem Originalfilm, die hier und da für Aha-Momente sorgen, auch wenn beispielsweise Peter Cushing längst nicht mehr unter uns weilt). Auch nicht wegen der Effekte oder dem Wiedererkennungswert im Design - am schönsten fand ich das sehr minimalistische Signet des »Manhattan Project«-mäßigen halben Dutzends alter Wissenschaftler, die wohl gemeinsam mit Galen Erso (Mads Mikkelsen) den Todesstern entwickelt haben.

Was Rogue One zu einem tollen Film macht, ist zum einen die passgenaue aber konsequente Art, wie die (regieerprobten) Drehbuchautoren Tony Gilroy (Jason-Bourne-Filmreihe) und Chris Weitz (About a Boy, The Golden Compass) eine stimmige neue Geschichte erzählen, von der wir quasi nie etwas geahnt haben. Und zum anderen der Mut, diesmal zumindest insofern vom Erfolgsprinzip der Serie abzuweichen, indem man quasi ein neues (oder zumindest anderes) Genre in den alten Rebellenklamotten verkleidet.

Rogue One: A Star Wars Story (Gareth Edwards)

Bildmaterial: © 2016 Lucasfilm Ltd. All Rights Reserved.

Zu Beginn des Films habe ich einen Widerspruch darin verspürt, dass der »Krieg« aus dem Filmtitel mich deutlicher als je zuvor an reale Konflikte in dieser unseren Galaxie erinnerte, man aber das Gefühl hatte, dass man ähnlich wie in den animierten Clone Wars dennoch einem eher kindlichen (ich gehe mal von einer Freigabe ab 12 Jahren aus) Publikum entgegen kommt. Da gibt es zwar Panzer, die durch eine halbzerstörte Stadt fahren, die auch Aleppo oder heißen könnte, da gibt es später Szenen, die irgendwo zwischen Palmen und Strand spielen und sowohl an das Strandgemetzel aus Saving Private Ryan als auch den »Geruch von Napalm« aus dem Vietnamkrieg erinnern - aber auf eine ganz eigentümliche spielerische Art. Dennoch bleibt - wie in den allermeisten Kriegsfilmen - ein wenig Argwohn darüber, wie man die Zerstörung hier ästhetisiert - und zwar nicht nur auf der »dunklen Seite« (ein verachtenswertes »Oh, it's beautiful!« beim »Planetenkillen«), sondern genauso verwerflich, wenn die Rebellen das Imperium zerpflücken. Insbesondere in einer Szene, die man - mit ausreichend Star Wars Lego versehen - vermutlich oft und gerne in Kinderzimmern nachspielen wird bzw. würde.

Doch wie man dann nach und nach immer deutlicher erkennt, ist dieser ursprünglicher Widerspruch ein von langer Hand geplanter - und notwendiger Teil des dramaturgischen Bogens, der Rogue One eben über die »normalen« Filme des Franchise hinaushebt.

Um den Film wirklich schätzen zu können, benötigt man zwar ein Grundwissen um die Star-Wars-Chronologie (bei der Pressevorführung gab es Kollegen, die da ziemlich überfordert waren), aber das Famose ist irgendwie auch, dass man einerseits nie Rogue One gesehen haben muss, um irgendein »Loch« im riesigen Star-Wars-Puzzle auszufüllen. Aber wenn man ihn gesehen hat, sieht man den Kampf der Rebellen mit anderen Augen. Der Vergleich hinkt gewaltig, aber es ist ein wenig so, als wenn man jahrzehntelang Donald-Comics gelesen hat und jetzt würde es einem großartigen Künstler/Autoren gelingen, die Backstory seiner drei Neffen Tick, Trick und Track so auszuschmücken, dass alles, was man zuvor wusste, immer noch funktioniert, aber man jetzt um die zu Herzen gehende Geschichte von Donalds Schwester Della wüsste, die ansonsten nur mal in einem Taliaferro-Strip erwähnt wird und von Don Rosa in sein Life of Scrooge eingebaut wurde.

Rogue One: A Star Wars Story (Gareth Edwards)

Bildmaterial: © 2016 Lucasfilm Ltd. All Rights Reserved.

Im Zentrum von Rogue One steht die »Mission«, die an ähnliche Himmelfahrtkommandos erinnert wie The Dirty Dozen oder den gerade erst mit einem Remake verschandelten The Magnificent Seven (an dieser Stelle muss man immer kurz an Kurosawa verweisen, der ja auch für George Lucas eine wichtige Inspiration war). Schon das Casting der kleinen Gruppe von Rebellen, die auf dem Raumschiff »Rogue One« gegen sämtliche Wahrscheinlichkeiten antreten, entspricht der heutigen Diversität des Disney-Konzerns. Ich will sie gar nicht alle einzeln vorstellen, aber heutzutage spielen halt sehr viel mehr Schwarze eine Rolle als zu Zeiten von Star Wars, man bekommt Akzente vom ganzen Erdball angeboten und heute dürfen Rebellenpiloten auch mal weiblich sein. Auch die Alienquote wirkt etwas erhöht und beschränkt sich nicht nur auf einen Besuch in der Cantina. Damit es aber dennoch zum alten Film passt, gibt es aber auch mal einen guten alten Siebziger-Schnäuzer inklusive eines Dentalplans vergangener Zeiten.

Man könnte jetzt auch über die zaghafte Lovestory zwischen Jyn Erso (Felicity Jones) und Cassian Andor (Diego Luna) erzählen (man beachte die im Dialog versteckte Hochzeitsformel »I do«), über den Zatoichi-mäßigen blinden Samurai oder den hübsch eingearbeiteten »Level-Unterschurken« Krennic (Ben Mendelsohn)...

Rogue One: A Star Wars Story (Gareth Edwards)

Bildmaterial: © 2016 Lucasfilm Ltd. All Rights Reserved.

Aber das Allerbeste an Rogue One ist K-2SO (Stimme und Motion-Capture-Vorbild: Alan Tudyk), ein »reprogrammed imperial droid«, der eben nicht nur »cute«, witzig oder putzig ist wie die Laurel & Hardy-Stellvertreter und dieses Maskottchen einer Fußball-WM zuvor, sondern einen kompletten Handlungsbogen mit Charakterwandel bekommt. Und sogar Sarkasmus und ähnliche Feinheiten des menschlichen Miteinander beherrscht.

Gerade sein zunächst deutlicher Argwohn gegenüber Jyn geht über das Screwball-Geplänkel zwischen Han Solo und Leia Organa noch hinaus, das ist hier eine Animosität zwischen professionals, wie sie in solchen Filmen gern eingebaut wird und die im Verlauf des Films genügend Zeit bekommt, sich zu entwickeln. Zuerst auf einem sehr spielerisch-witzigen Level (»Did you know that wasn't me?« - »Of course.«), dann mit witzigen Untertönen (»I'll be there to help you. [...] Cassian told me to.«) und schlussendlich mit einer Emotionalität, die man dem Film aber auch abnimmt, wo sie in anderen Star-Wars-Filmen (oder dem zerrissene-Familie-Prolog) eher obligatorisch wirkt.

Critics in Love

K-2SO bekommt so viele großartige Dialoge zugeschustert, dass man nicht umhinkommt, diese Figur als instant classic zu bezeichnen. Darunter sind Sätze, wie man sie von jemandem wie Data erwarten könnte, wenn alles kalkuliert wirkt (»I'm not very optimistic about our odds.«, »We will make it no more than 33 percent of the way until we're killed.«) oder das Improvisationstalent fehlt (»prisoners to imprison in the prison«). Aber manchmal auch nahezu poetisches (»There's a problem on the horizon. There is no horizon!«), emphatisches (»Well done. You're a rebel now!«) oder auch pragmatisches (»I can survive in space.«), das dann die zuvor attestierte Empathie wieder zurücknimmt. Und nicht zuletzt sogar das längst klassische »I've got a bad feeling about it« (jaja, normalerweise »this«), das er hier ja chronologisch vor Star Wars in den Mund geschoben bekommt.

Rogue One: A Star Wars Story (Gareth Edwards)

Foto: Jonathan Olley © 2016 Lucasfilm Ltd. All Rights Reserved.

Ich muss zugeben, dass ich mir während des Films Notizen über die imperialen Rangabzeichen machte (habe das System noch nicht durchdrungen) und wie gesagt schon ziemlich begeistert war (auch und insbesondere über das Ende mit dem »Staffellauf« im Epilog, aber nicht weniger auch darüber, dass hier tatsächlich auch mal Wissenschaftler eine Rolle spielen), aber hier und da kam aber auch die alte Formelhaftigkeit durch, wenn zur Kennzeichnung »böser« Figuren alte Standards bedient wurden oder man im Prolog alles superfett in Lucas-Manier ausmalt, wo man später im Film das Gefühl hat, dass man zwar jene emotionsgeschwängerten Dialoge liefert, die wie sie die Fans fordern, aber - vielleicht auch dadurch, dass man inzwischen selbst stärker eingebunden ist in die Story und die Figuren - es einem ungleich subtiler und classier vorkommt.

Was aber (mal wieder) komplett überflüssig ist: die 3D-Konversion. Wenn man fast durchgehend mit einer geringen Brennweite arbeitet und vieles im Vorder- oder Hintergrund absichtlich unscharf ist (um den Blick zu leiten), benötigt man kein 3D und es liefert auch keinen Mehrwert (abgesehen von dem in der Kasse). Abgesehen von zwei durch Schwenks auch nicht perfekten Blicken in tiefe Abgründe hat man hier den besten 3D-Effekt gehabt, wenn die Abspannbuchstaben sich vor einem Sternenhintergrund absetzen.

Rogue One: A Star Wars Story (Gareth Edwards)

Bildmaterial: © 2016 Lucasfilm Ltd. All Rights Reserved.