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Sofie Lichtenstein: Bügeln. Protokolle über geschlechtliche Handlungen




28. September 2016
Thomas Vorwerk
für satt.org


Cinemania-Logo 154:
The Weird and the Wunderlich



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  Swiss Army Man (Daniel Scheinert & Dan Kwan)


Swiss Army Man
(Daniel Scheinert & Dan Kwan)

USA 2016, Buch: Dan Kwan, Daniel Scheinert, Kamera: Larkin Seiple, Schnitt: Matthew Hannam, Musik: Andy Hull, Robert McDowell, Production Design: Jason Kisvarday, Art Direction: David Duarte, Set Decoration: Kelsi Ephraim, mit Paul Dano (Hank), Daniel Radcliffe (Manny), Mary Elizabeth Winstead (Sarah), Antonia Ribero (Crissie), Timothy Eulich (Preston), Richard Gross (Hanks Dad), Marika Casteel (Reporter), Andy Hull (Cameraman), Shane Carruth (Coroner), 97 Min., Kinostart: 13. Oktober 2016

Wenn ein Film das hält, was sein Titel verspricht, ist man schon mal definitiv auf dem richtigen Weg. Oft genug ist der Titel ja das beste (oder sogar einzige?) Verkaufsargument, siehe etwa Sharknado, Piranha 3DD oder Snakes on a Plane. Da weiß man ohne das geringste Vorwissen eigentlich genau, was einen erwartet.

Bei Swiss Army Man ist das vielleicht nicht so offensichtlich, aber mit der Zusatzinfo, dass der Film das Fantasy Filmfest 2016 eröffnete, habe ich mir das in etwa so vorgestellt: Eine Art Superheld (oder Superschurke?) kann wie ein Schweizer Taschenmesser von irgendwoher zusätzliche Gliedmaßen hervorzaubern, die dann wie eine Kleinsäge, ein Zahnstocher, eine Lupe oder ein Kompass eingesetzt werden können. Ich wusste auch nicht genau, wie man daraus eine Filmhandlung basteln sollte, aber das klang schon mal ausreichend bekloppt, dass mich der Film interessierte. Was bei Ostfriesisch für Anfänger, Affenkönig oder Der Geheimbund von Suppenstadt (alles offizielle Kinostarts im Oktober) nicht unbedingt der Fall gewesen wäre.

Ich war dann auch zufrieden, als der von Daniel Radcliffe gespielte Swiss Army Man tatsächlich wie ein Allzweckwerkzeug genutzt wurde, etwa als Wünschelrute, Rasierer, Harpune, Wasserspender, Flammenwerfer oder Außenbordmotor. Um ein Kinopublikum zu verzaubern, reicht das natürlich noch lange nicht, aber Swiss Army Man hat noch einiges mehr zu bieten...

Die Story beginnt damit, dass Hank (Paul Dano) wie einst Robinson Crusoe an einem ziemlich trostlosen Strand abhängt und sich für eine endgültigere Fassung des »Abhängens« entschieden hat. Der Strick baumelt bereits, da bekommt er unerwarteten Besuch. Doch das menschliche Treibholz, das er auf den Namen »Manny« tauft (wie Manny Quinn, der Ehemann von Rose in Two and a Half Men), zeigt nur wenige Lebenszeichen...

Paul Dano soll sich ganz aktiv um eine Rolle in diesem Film gekümmert haben, als er irgendwo davon hörte, dass jemand einen Film drehen wollte, bei dem man als Zuschauer zu Beginn über einen Furz lacht und gegen Ende wegen eines Furzes weint. Noch eine vielversprechende Prämisse.

Swiss Army Man ist ein Film, den man nicht unbedingt mit dem Brustton der Überzeugung zum Meisterwerk erklärt. Oder zum Machwerk. Er schippert zwischen den Extremen, und das ist auch das Spannendste an dem Film. Auf die Furzwitze als prägendes Merkmal des Films werden nicht alle einsteigen. Auf den Harry-Potter-Darsteller als ambitionierte Leiche ebensowenig. Aber Swiss Army Man ist auch ein Swiss Army Movie. Er ist witzig, philosophisch, albern, surreal, sehr auf unterschiedlichste Interpretationen angelegt und vieles mehr. Trotzdem wird es Zuschauer geben, die lieber 90 Minuten Outtakes von den Dreharbeiten gesehen hätten, weil nicht jedermann in der Lage ist, sich auf so eine Geschichte einzulassen.

Ein pupsender Leichnam ist eben kein Jetski und das gemeinsame Re-enactment einer Liebesgeschichte (auf dem Produktionsniveau der Kurzvideos in Michel Gondrys Be Kind Rewind) ist zwar charmant, aber auch nicht ein Filmzauber auf dem Level, wo alle Zuschauer gleichzeitig feuchte Augen bekommen.

Ich gehöre zu dem Schlag Menschen, die zwar hier und da Probleme erkennen bei diesem Film, die aber bereit sind, sich auf diese seltsame Fahrt einzulassen. Denn längs des Weges gibt es genügend, wofür sich der Kinobesuch lohnt. Hier und da sogar kleine Momente und / oder Zitate für die Ewigkeit.

Mein persönlicher Höhepunkt des Films war die Rekonstruktion von Taro Gomis Kinderbuch-Klassiker Everyone poops (als philosophische Grunderkenntnis schon für sich genommen sehr intelligent), wobei man aber in Ermangelung von Alltagsgegenständen wie einem Notizblock und einem Bleistift auf ein irgendwie sehr passend wirkendes Gestaltungsmaterial zurückgreift und ein Palimpsest kreiert, das zumindest deutlich impliziert eine Bibel »überschreibt«. Ich kann nicht für große Teile der Menschheit sprechen, aber in meinen Augen muss man einen Film, der solche Ideen hat, einfach lieben wie ein eigenes Kind.

Zum Abschluss noch ein zu Herzen gehender Dialog, der abermals für das Leben an sich stehen könnte: "You made all that?" - "Yeah, and we sang, and we danced, and it was beautiful."


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  Night of the Living Deb (Kyle Rankin)


Night of the Living Deb
(Kyle Rankin)

USA 2015, Buch: Andy Selsor, Kamera: Thomas E. Ackerman, Schnitt, Visual Effects Supervisor: Tony Copolillo, Musik: Steven Gutheinz, Production Design: Jeremy Jonathan White, mit Maria Thayer (Deb Clarington), Michael Cassidy (Ryan Waverly), Ray Wise (Frank Waverly), Syd Wilder (Stacy), Chris Marquette (Chaz Waverly), Brian Sacca (Colonel Newton), Julie Brister (Ruby), Orson Scott Card (Prof. Turlington), DVD-Release in Planung, 85 Min.

Die Präsentatorin beim Fantasy Filmfest brachte den Kern dieses Films eigentlich ganz gut auf den Punkt: Titelheldin Deb (Maria Thayer) erinnert durchaus an Bridget Jones (nur spielt der Film in Portland statt in England) und wie die Wurzeln der Bridget-Jones-Figur in Jane Austens Pride and Prejudice zu finden sind, ist auch Debs »Mr. Darcy« (Michael Cassidy als »Ryan Waverly«) ein Mitglied einer höheren Klasse (hier einer reichen Familie). Es gibt sogar direkte Hinweise auf das Vorbild (ein Rentier-Pulli und eine uralte Nachbarin namen Miss Jones). Der deutlichste Unterschied besteht in dieser RomCom darin, dass die beiden nach einem angetrunkenen Kennenlernen gleich im selben Bett landen, er sie am nächsten Morgen herauskomplimentieren will - was nicht auf Anhieb klappt ... und dann stellt man fest, dass die Zombie-Apocalypse ausgebrochen ist. Und ausgerechnet dieses Detail gibt unserer Heldin eine zweite Chance bei diesem Traummann, der plötzlich beichtet »I need you!« - nicht als Liebeserklärung, sondern weil sie ein Auto hat und sein bevorzugtes Fortbewegungsmittel, sein Rennrad, angesichts der veränderten Lebenssituation nicht mehr so ultra-gesund ist wie noch am Tag zuvor.

Night of the Living Deb, durch Crowdfunding unterstützt, wurde offensichtlich schnell heruntergekurbelt (man hat nicht den Eindruck, dass es für irgendeine Einstellung mehr als zwei oder drei Takes gab) und das begrenzte Budget bemerkt man an allen Ecken und Kanten. Um Splatter-Effekte geht es hier so gar nicht und das Drehbuch zeichnet sich auch nicht durch besondere Raffinesse aus - aber trotzdem hat der Film einen gewissen Charme, dem ich mich nicht entziehen konnte.

Wenn der neueste Bridget-Jones-Film keine Presse-Sperre hätte, würde ich mich dazu hinreißen lassen, einen Qualitätsvergleich anzustreben. Stattdessen orientiere ich mich am dritten Jones-Roman (den ich zufällig gerade lese) - und ich finde, man trifft diesen Tonfall hier sehr gut. Deb ist durchgehend ziemlich peinlich (»Use social networks! There's like ... Twerking, MyFace ...«), aber trotzdem liebenswert. Und Ryan ist immer superkorrekt, aber dabei auch ein bisschen neben der Spur (»Why are you taking off your shoes ...?!?« --- »Because it's filthy outside!«). Was eine angenehme Paardynamik abgibt. Als Zuschauer drückt man Deb die Daumen und erfreut sich an dem nicht perfekten, aber durchweg gelungenen Humor. Auch wenn Ray Wise schon bessere Darbietungen als Schauspieler abgeliefert hat, amüsiert er als Oberhaupt der ausgiebig durchgedrehten Waverly-Familie, der sich nebenbei auch noch als Auslöser der Epidemie erweist.

Dass man immer wieder auf leicht abgewandelte RomCom-Konventionen zurückgreift (Deb glaubt beispielsweise, Ryan sei wieder mit seiner anstrengenden Verlobten zusammen, und verlässt das einigermaßen sichere Familienanwesen), ist auch kein Problem, weil der Humor hier und da eine Spur gemeiner ist (Wie kommt es, dass ein weiblicher Zombie lächelt? Zu Lebzeiten zu viele Botoxbehandlungen erhalten) und man den ganz schlimmen Klischees auf ähnliche Weise knapp entgeht wie den wandelnden Toten. Und in diesem Fall reicht mir das vollauf.


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  Die glorreichen Sieben (Antoine Fuqua)


Die glorreichen Sieben
(Antoine Fuqua)

Originaltitel: The Magnificent Seven, USA 2016, Buch: Richard Wenk, Nic Pizolatto, Kamera: Mauro Fiore, Schnitt: John Refoua, Musik: James Horner, Simon Franglen, Kostüme: Sharen Davis, Production Design: Derek R. Hill, Supervising Art Director: Leslie McDonald, mit Denzel Washington (Sam Chisholm), Chris Pratt (Josh Farraday), Haley Bennett (Emma Cullen), Ethan Hawke (Goodnight Robicheaux), Peter Sarsgaard (Bartholomew »Bart« Bogue), Martin Sensmeier (Red Harvest), Byung-hun Lee (Billy Rocks), Luke Grimes (Teddy Q), Vincent D'Onofrio (Jack Horne), Manuel Garcia-Rulfo (Vasquez), Matt Bomer (Matthew Cullen), Jonathan Joss (Denali), Cam Gigandet (McCann), Mark Ashworth (Preacher), Dane Rhodes (Sheriff Harp), 132 Min., Kinostart: 22. September 2016

Als Quentin Tarantino vor ein paar Jahren ankündigte, einen Western mit dem Titel The Hateful Eight zu drehen, dachte jeder, der sich ein wenig im Western-Genre auskennt, an John Sturges' The Magnificent Seven - und irgendwo in der Chefetage von Hollywood bedurfte es keines besonderen Geistesblitzes, um sich zu denken: Lass uns doch einfach ein Remake des alten Films machen (der übrigens selbst schon ein Remake von Kurosawas Die sieben Samurai war), und es werden schon ein paar Brosamen für uns abfallen. Wenn man dann noch die Plakate der beiden Filme vergleicht, wird das Konzept der Trittbrettfahrer noch offensichtlicher.

Nun sind Western weit entfernt davon, seit Anfang/Mitte der 1970er (als man die Gewaltdebatte des Vietnamkriegs einfach ins vermeintlich amerikanischste aller Genres übertrug und so etwas wie den Splatter-Western kreierte) jemals wieder en vogue zu sein. Und Western-Remakes (3:10 to Yuma, True Grit) laufen auch nicht viel besser als das Gros dieser nicht mehr recht zeitgemäßen Stoffe, die dann am interessantesten sind, wenn jemand tatsächlich etwas Neues mit den Vorgaben ausprobiert, statt einfach nur das für Jahrzehnte erfolgreiche Rezept nachzukochen. Da muss man sich nur Lawrence Kasdans Silverado anschauen: ein durchweg gelungener Film mit immerhin ein paar neuen Ansätzen, aber letztlich wirkt alles etwas bieder - und beim Publikum funzen Western nur ganz selten mal (Dances with Wolves).

Meine Erwartungen an The Magnificent Seven waren gering - nicht zuletzt aufgrund des Regisseurs Antoine Fuqua, von dem ich zwar nur drei Filme kannte, aber King Arthur war komplett inakzeptabel, Training Day erzürnte mich sehr, weil der mehrfach abgefeiert wurde (Oscar für Denzel Washington), für mich aber äußerst problematisch war in seiner Abfeierei gewalttätiger krimineller Machos. Und die Blues-Dokumentation Lightning in a Bottle war jetzt auch nichts besonderes. Diverse andere Fuqua-Filme wie The Replacement Killers, Shooter, Olympus has fallen, The Equalizer oder Southpaw habe ich mir allesamt gespart und es nie bereut. Brooklyn's Finest soll noch ganz gut sein, klingt für mich aber exakt nach der selben Suppe. Und - große Überraschung! - das Fuqua-Element ist es auch, was The Magnificent Seven kaputt macht.

Was Fuqua zum beliebten Regisseur macht, ist (vermutlich) ein angenehmes Betriebsklima und seine Tendenz, Schauspieler, mit denen er mal zusammenarbeitete, später wieder zu verpflichten (siehe Til Schweiger, Denzel Washington oder Haley Bennett). Streng genommen interessiert es mich aber keinen Deut, ob die Filmcrew eine entspannte Arbeitsatmosphäre hatte und man danach noch zum Billardspielen fuhr, weil man sich so sympathisch war. Oft genug sind ja gerade die Filme, wo es durchgehend kriselte und zu Spannungen kam, wo man sich gegenseitig das Leben zur Qual machte, die besseren. Man denke nur an Stanley Kubrick, Hitchcock und seine Blondinen oder Dancer in the Dark (nach dem Björk beteuerte, nie wieder einen Film drehen zu wollen).

Im ersten Drittel von The Magnificent Seven war ich noch positiv überrascht, wie gut alles funktionierte. Das ist aber der Teil, wo man sich am deutlichsten am Sturges-Film orientierte, die Problemstellung ausarbeitet und zeigt, wie das Team zusammengestellt wird. Die deutlichsten Veränderungen wirken hier sogar positiv, denn die Besetzung der Hauptfigur mit Denzel Washington wirkt zwar etwas simpel dem Tarantino-Revisionismus nachempfunden, aber der gute Denzel hat halt das Charisma, um solch ein Vehikel ohne weiteres zu stemmen. Und mit Haley Bennett als einer starken Frauenfigur, die nicht gleich in Richtung Latino-Mannweib mit Waffenfetisch abdriftet, bringt man sogar ein interessantes neues Element in das erprobte Rezept.

Aber hier und da merkt man schon, dass es hakt. Kritikerkollegin Elisabeth Nagy hat schon mehr Fuqua-Filme gesehen und versicherte mir, dass der Regisseur keinerlei Humor besitzt. Das merkt man auch im Film. Hier und da kommen Szenen, bei denen man merkt, dass sie witzig sein sollen - aber die Pointen zünden ums Verrecken nicht.

Aber der Humor ist nur eine Sache, die im Remake nicht oder anders funktioniert. Bei Sturges geht es um Helden. Nicht alle mit blütenweißer Weste, aber schon Idealisten. Bei Fuqua sind sechs von sieben (Denzel Washington geht als Held durch) eher unangenehme Zeitgenossen. Am deutlichsten wird das, wenn man Chris Pratt mit Steve McQueen vergleicht. Pratt wurde aus irgendwelchen Gründen zum Spieler (bei Sturges die Robert-Vaughn-Figur, die ansonsten zu Ethan Hawke wurde) und man hat irgendwie unterschwellig das Gefühl, dass er auch betrügt - auch, wenn das nie ganz klar wird. Ähnlich wie Steve McQueen hat er auch ein Auge für die Damen - aber bei Steve McQueen wirkt das irgendwie charmant und liebenswert, während der Pratt Haley Bennett hinterher baggert und der Film nie wirklich etwas daraus macht. Pratt hat auch eine ansatzweise heldenhafte Szene, in der er sich sozusagen opfert, aber auch diese Szene funktioniert überhaupt nicht, weil man im Grunde weiß, wie sie enden wird - einem aber suggeriert wird, dass das jetzt eine Überraschung sein soll.

Überhaupt ist der Einsatz eines Maschinengewehrs (die Gatling Gun) sowie der reichliche Umgang mit Dynamit etwas, was bei John Sturges nie vorkam - sondern erst in der zweiten Fortsetzung Guns of the Magnificent Seven, die bereits in die Frühphase des Splatter-Westerns gehört (1969, selbes Jahr wie The Wild Bunch, 1970 kommt dann Soldier Blue und man ist definitiv im Vietnamkrieg gelandet). Es gibt zwar Kritikerkollegen, die den Fuqua-Film als hochpolitisch einstufen (und John Sturges Rassismus vorwerfen, obwohl dort die erste heldenhafte und selbstlose Aktion ganz im Dienst einer Minderheit geschieht), aber für mich sind diese »glorreichen« Sechs vor allem so Gangsta-Typen, wie man sie aus diversen anderen Fuqua-Filmen kennt.

In solche einem Western geht es natürlich kaum um Realismus, aber die Art und Weise, wie man hier inszenatorisch stümpert, hat mich schon sehr geärgert, und ich will noch auf einige der idiotischsten Stellen hinweisen. In einer Nachtszene in einer Kirchenruine hört man schaurig den Wind heulen - sieht aber nahezu gleichzeitig, dass die Flammen der unzählig herumstehenden Kerzen so gar nicht vom in der Tonmischung erzeugten Wind beeinflusst werden. Diese Kirche hat auch einen Kirchturm, und es gibt mal eine Szene, die da oben spielt. Wenn man zufällig auf die dort hängende Glocke achtet, wird man sich beim nächsten Schnitt von weit weg und unten wundern, warum die in ihrer Aufhängung gefühlt einen Meter »springt«. Bei der Koordination der realen Requisiten mit der vorgeblichen Wirkung hatte man offenbar die größten Probleme. Die Gatling-Gun jedenfalls wird in sämtlichen Einstellungen, in der man sie sieht (und das sind sicher so 15 Stück) immer nur horizontal geschwenkt, nie senkrecht. Aber in der weit entfernten Westernstadt sieht es so aus, als würde der Gatling-Schütze ganz konkret hoch und runter seinen Pfad der verbleiten Zerstörung durch die Häuser führen. Überhaupt möchte ich den Film noch mal daraufhin sichten, wie das feststehende Maschinengewehr offenbar aber Häuser von verschiedenen Seiten aus perforieren kann. Rauminszenierung mangelhaft.

Um abschließend an einem kleinen Detail festzumachen, was an diesem Film alles nicht stimmt: Man weiß, dass man etwas falsch gemacht hat, wenn Peter Saarsgard in der Rolle des unsympathischen niederträchtigen und feigen Chefs der Bösen eigentlich mit Abstand die interessanteste Figur des Films ist. Nicht die durchdachteste Figur (durchdacht ist hier relativ wenig), aber Sarsgaard ist einfach ein guter Schurkendarsteller voller Nuancen und Ambivalenzen (Flightplan, An Education). Und selbst, wenn er eigentlich nur einen Unsympath darstellen soll, macht er das mit so viel Hingabe, dass es eine Freude ist. Verglichen damit schmieren Chris Pratt und Ethan Hawke in diesem Film übelst ab (ich finde Hawke in seiner Rolle sogar missglückter als Robert Vaughn - und der hat 1960 auch schon nicht besonders gut dagestanden).

Was ich an Sturges noch heute liebe, ist auch einfach der Charme. Man erinnere sich nur an die liebenswert tumb aufbrausenden Horst Buchholz und Charles Bronson, die im Verlauf des Films das Problem haben, so etwas wie ein Herz zu entwickeln. Davon spürt man bei Fuqua nur sehr wenig. Und wenn dann Vincent D'Onofrio in einer Szene offenbar eine Verehrerin hat und man sich vage an den alten Film erinnert... dann kann man sich darauf verlassen, dass der neue Film das kaputt macht, weil er sich für diese Passagen schlichtweg nicht interessiert. Stattdessen gibt es halt ein bisschen mehr Herumgeschieße oder einen idiotischen Endkampf zwischen dem guten und dem bösen Indianer.

Was ich am Schluss des Fuqua-Films wirklich vermisst habe, war eine Rückbesinnung des von Denzel Washington gespielten Kopfgeldjägers, der in sein Team eine Person aufnahm, deren Konterfei auch auf einem Steckbrief prangt. Hätte er nach der Schlacht einfach die frühere (ohnehin unglaubwürdige) Solidarität wieder vergessen und den Typen verknackt oder sogar erschossen, dann hätte das zwar noch den letzten Helden unter den Sieben gebrochen - aber es wäre innerhalb des Films zumindest konsequent gewesen.

Ein reichlich überflüssiges Remake, bei dem aber die Analyse der zahlreichen Murks-Entscheidungen immerhin ganz interessant ist.


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  Where is Rocky II? (Pierre Bismuth)


Where is Rocky II?
(Pierre Bismuth)

USA 2016, Buch: Pierre Bismuth, D.V. DeVincentis, Anthony Peckham, Kamera: David Raedeker, Schnitt: Thomas Doneux, Elise Pascal, Nicolas Bier, Léo Ghysels, Matyas Veress, Musik: Hugo Lippens, mit Michael Scott (Himself), D.V. DeVincentis (Himself), Anthony Peckham (Himself), Jim Ganzer (Himself), Mike White (Himself), Edward Ruscha (Himself), Michael Govan (Himself), Eli Broad (Himself), Philippe Vergne (Himself), Pierre Bismuth (Himself), Robert Knepper (Cal Joshua), Milo Ventimiglia (The Detective), Richard Edson (Ted Simmons), Roger Guenveur Smith (Museum Director), Barry O'Rourke (Lou), Tania Raymonde (Emmy), Stephen Tobolowsky (Byron), 93 Min., Kinostart: 20. Oktober 2016

In einem Interview sagte der französische Künstler Pierre Bismuth mal: »All my work is anti-narrative.« Dass so jemand einen Oscar gewann für das beste Original-Drehbuch, könnte einen verwundern. Aber letztlich nehme ich an, dass er zu seinem Oscar kam wie die Jungfrau zum Kind: zur richtigen Zeit am richtigen Ort und - zack! - hat's geklappt. Ich kann nicht einschätzen, wie wichtig sein Anteil an der Story zu Eternal Sunshine of the Spotless Mind war, ob er vielleicht nur mit seinem Kumpel Michel Gondry eine Idee hatte, die man dann mit noch einem Kumpel Gondrys fortspann - seine Auszeichnung aber hängt klar damit zusammen, dass Charlie Kaufman nach zwei vergeblichen Nominierungen (Being John Malkovich und Adaptation) aus der Sicht der Academy.-Mitglieder nun dran war - und Bismuth bekam auch ein goldenes Kerlchen ab. Mit der ganzen Hollywood-Klitsche hat Bismuth aber reichlich wenig zu tun, er ist, wie anfänglich erwähnt, Künstler. Und es lohnt sich durchaus, sich mal im Internet über seine Arbeiten zu informieren.

Wenn man ein wenig ignorant ist (oder wie ich sogar stolz auf diese Charaktereigenschaft), dann könnte man einen nicht geringen Anteil des Werks von Bismuth mit der Plattitüde »Der Weg ist das Ziel« zusammenfassen. Er lässt beispielsweise Poster oder Filmplakate von einem Origami-Experten zu etwas Hübschen zusammenfalten, dann wird die Origami-Figur aber wieder in den Originalzustand zurückverwandelt - und im Museum hängt dann beispielsweise ein seltsam zerknittert wirkendes Poster von einem Matrix- oder Austin-Powers-Streifen. Ähnlich abgedreht: Bismuth klebt eine Folie auf einen großen Monitor, lässt ein Filmschnipsel laufen und zeichnet dabei den Weg der rechten Hand der Hauptdarstellerin mit einem Edding nach. Später wird dann die Filmszene mit dem Gekritzel davor gezeigt - und hier kann man den »Weg« zumindest noch halbwegs nachvollziehen, wenn man nichts Spannenderes zu tun hat als sich ganz auf das Kunstwerk zu konzentrieren. Weitaus schwieriger nachzuvollziehen ist sein »Work in Progress« From Red to Nothing: er hat eine Wand gleichförmig rot angestrichen (für die Leute, die gerne den Unterschied zwischen »Maler« und »Anstreicher« betonen) und die landete dann so bei der ersten Ausstellung dieses Werkes. Beim zweiten Mal wurde die Wand aber noch mal übergestrichen, und diesmal hat er einen Klecks Weiß zur Farbe gegeben. Und das wird dann jedesmal wiederholt, und wenn man jetzt den ersten und ca. achten öffentlichen Auftritt des Gemäldes miteinander vergleicht, sieht man vielleicht sogar schon eine erkennbare Veränderung. Irgendwann in weiter Ferne wird daraus jedenfalls eine weiße Wand (das »Nichts« im Titel) werden. Diese Art von Kunst ist ja seit einiger Zeit gut im Rennen, ich erinnere nur an Douglas Gordons 24 Hour Psycho oder 5 Year Drive By bzw. die Orgelkomposition von John Cale, die bis ca. 2640 in Halberstadt aufgeführt werden soll - as slow as possible.

Ähnlich wie diese ganz unterschiedlichen Werke Bismuths funktioniert auch sein Regiedebüt Where is Rocky II? - man muss sich dabei vor Augen führen, wie blöd man sich vorkommen könnte, wenn man jetzt ohne irgendeine Erklärung so ein zerknicktes Plakat von Goldmember im Guggenheim oder so hängen sieht. Ähnlich kann auch eine Sichtung des Films wirken, wenn man sich darauf verlässt, dass der Film seine Geschichte schon selbst irgendwie erzählen wird.

Ich kann immerhin davon berichten, wie sich so eine Filmsichtung anfühlt. Es beginnt äußerst dokumentarisch (je nach Interpretation und Perspektive ist der ganze Film ein Dokumentarfilm, auch, wenn es sich nicht so anfühlt): Bei einer Pressekonferenz des Künstlers Ed Ruscha im Oktober 2009 fragt jemand »Where is Rocky number 2?«. Und dann erfährt man, dass Ruscha im Jahr 1976 (also drei Jahre vor Sylvester Stallones Regiedebüt, das zufälligerweise auch so heißt) einen großen falschen Felsen (engl.: rock!) aus Pappmach√© oder ähnlichem gebaut haben soll, den er irgendwo zwischen echten Felsen in einer ungastlichen Gegend der USA versteckt haben soll.

Der Film schildert jetzt die Suche Bismuths nach diesem Stein (ein bisschen sah, wie der Edding, der Audrey Hepburns Hand folgt - und definitiv nur eingeschränkt narrativ), wobei man recht schnell auf den Trichter kommt, dass das Ganze eine Mockumentary ist. Die Kamera verfolgt tatsächlich die Recherchen eines von Bismuth engagierten Privatdetektivs, der unter anderem Museumsleiter und Kuratoren interviewt ... und nach und nach kommt man dem Fake-Felsen etwas näher, nicht zuletzt auch durch eine Doku-in-der-Doku, deren Macher natürlich auch befragt werden. Etwas komplizierter und in Richtung Matrjoschka geht es dann aber, weil Bismuth außerdem zwei Drehbuchautoren beauftragt hat (keine Oscar-Gewinner, aber Leute, von denen man tatsächlich schon mal Filme gesehen hat), die die Suche des Detektivs Michael Scott mehr oder weniger gleichzeitig in ein fiktives Hollywood-Drehbuch verwandeln sollen - und in Where is Rocky II?, der das Ganze nicht immer chronologisch aufbereitet, sieht man dann bereits Ausschnitte aus diesem Film mit dem Titel Monument I, der aber - wenn ich da nichts im Nachhinein durcheinander bringe - irgendwie ins Spiel gebracht wird, als sei er unabhängig von der ganzen Bismuth-Maschinerie entstanden (meine Sitznachbarin schwor sogar darauf, den in Ausschnitten präsenten Film bereits einmal gesehen zu haben).

Als Filmkritiker hat man ja den Vor- und Nachteil, viele Filme zu sehen - und so waren mir Personen wie Richard Edson, Milo Ventimiglia, Stephen Tobolowsky oder Mike White allesamt bekannt. Doch selbst ich hätte die Drehbuchautoren D.V. DeVincentis und Anthony Peckham nicht als die Schreiberlinge hinter High Fidelity oder Invictus zuordnen können. Und als Normalo, der ja auch nicht unbedingt mal was von Ed Ruscha gehört haben muss, ist die Gefahr schon groß, in diesem ganzen Morast zwischen Doku, Fiktion und Mockumentary steckenzubleiben. Warum spricht der Detektiv beim angeblichen Googlen direkt in die Kamera statt in seinen Computermonitor? Warum zeigen sämtliche so dokumentarisch wirkenden Einblendungen zu Ort und Zeit immer volle Stunden an? Warum wirken die Interviews mit den Kunstexperten so geskriptet? Warum lässt das British Film Institute einen Laien historisches Filmmaterial an einem Schneidetisch sichten? Für den uneingeweihten Betrachter ist das Problem einfach, dass der Film weder als Doku noch als ironische Brechung des Kunstbetriebs überzeugt - und trotz der Spannungsmusik als Thriller ziemlich unterirdisch ist. Man sitzt reichlich verwirrt und ungläubig im Kinosessel - und selbst, wenn einen das Ganze interessiert (wovon man nicht ausgehen muss), ist der Film an sich reichlich langweilig. Man hätte vielleicht lieber gesehen, wie die Origami-Figur gefaltet wurde. Doch stattdessen schaut man den Drehbuchautoren dabei zu, wie sie einen Teil des Films, den man gerade sieht, erst noch verfassen.

»If you build up to the reveal - it better be good!« Gerade in der Spätphase des Films hatte ich den Eindruck, dass man den Zuschauer absichtlich hingehalten hat. Bismuth plant für ein mögliches späteres Filmprojekt, die Zuschauer einer Kinovorstellung abzufilmen und diese auf die Leinwand zu bannen - bis die realen Zuschauer das Kino gelangweilt verlassen. In Where is Rocky II? lässt er seinen Detektiv zu einem Zeitpunkt, als der Drive des Films längst verpufft ist, gefühlte zwei Minuten über ein legendäres Spiel der Dodgers reden. Oder er baut eine Parallelmontage auf, bei der leider beide Parallelhandlungen gleich langweilig sind. Es macht dem Regisseur eine Spur zu sehr Spaß, seine Zuschauer zu brüskieren, und die Sache, die dem Film irgendwie das Genick bricht (während das Projekt interessant bleibt), ist das Detail, dass Bismuth sich für das Medium Film nicht wirklich zu interessieren scheint. Da hängt er sich lieber an ein Zitat von Ed Ruscha: »You can Hollywood everything« (wobei man »Hollywood« als Verb verwendet). Perfekt dazu passend fasste die reichlich frustrierte Sitznachbarin den Streifen auch mit den Worten »Jetzt hab ich alles gesehen!«


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  Die Welt der Wunderlichs (Dani Levy)


Die Welt der Wunderlichs
(Dani Levy)

Deutschland 2016, Buch: Dani Levy, Kamera: Carl F. Koschnick, Schnitt: Toni Froschhammer, Musik: Niki Reiser, mit Katharina Schüttler (Mimi Wunderlich), EWi Rodriguez (Felix), Steffen Groth (Nico), Peter Simonischek (Walter), Christiane Paul (Manuela), Martin Feifel (Johnny), Hannelore Elsner (Liliane), Gisa Flake (Frau Fabian), Thomas Anders, Arabella Kiesbauer, Sabrina Setlur, Rolf Scheider (als sie selbst), 103 Min., Kinostart: 13. Oktober 2016

Sechs Jahre seit Das Leben ist zu lang - so viel Zeit verstrich nie zuvor zwischen Dani Levys Kinospielfilmen. Im Presseheft kaschiert man das durch TV-Arbeiten und ein Doku-Segment, aber das sind genau dieselben Tricks, die selbst Hauptschüler beim Erstellen von Lebensläufen zu Bewerbungen kennen - weil acht Jahre arbeitslos einfach nicht so gut klingt und Lücken gefüllt werden wollen.

Ich muss zugeben, ich bin nie richtig warm geworden mit Dani Levy, der sich auf dem Plakat wieder auf Alles auf Zucker! zurückbesinnt, seinen einen anerkannten Erfolgsfilm, der in meinen Augen aber in seiner Rezeption auch reichlich überschätzt wurde. Quirlige Familienkomödien sind Levys täglich Brot, und das wird auch hier wieder abgeliefert, angefüttert mit vermeintlich relevanten Themen wie einer alleinerziehenden Mutter (Katharina Schüttler), deren hyperaktiven kleinen Sohn und einer Menge anstrengenden Familienmitgliedern, darunter Martin Feifel als abgehalfterten Ex-Mann mit Rockstar-Allüren oder Peter Simonischek (Toni Erdmann) als Vaterfigur, die stark an Toni Erdmann erinnert, aber vorrangig vor Augen führt, wie eigentlich die selbe Figur, die einen Film zu einem Ereignis machte, in einem anderen Film relativ langweilig daherkommen kann...

Die Abenteuer der tapferen Mami Mimi, die unter dem Druck zusammenzubrechen droht, beginnen wie eine typische RomCom, nur dass Steffen Groth als ihr vermeintlicher Märchenprinz (»Du bist so einer, mit dem man sehr sehr unglücklich werden kann. Oder auch nicht.«) von ihr nach ihrem Impulsdiebstahl aus dem Elektro-Discounter, der fünf Minuten früher noch ihre Arbeitsstelle war, von ihr mit ihrem Roller über den Haufen gefahren wird.

Nach und nach werden dann die Familienmitglieder vorgestellt und Mimi bricht auf nach Zürich (allein!) zu einer Gesangs-Castingshow. Und der ganze Rattenschwanz an nerviger Familie will ihr natürlich beistehen. Ein bisschen wie Little Miss Sunshine, nur manchmal erstaunlich nervtötend.

Die einzelnen Darsteller (darunter auch Hannelore Elsner und Christiane Paul, um wirklich alle Zielgruppen abzudecken) geben sich auch redlich Mühe, die verdrehten Miniaturen zum Leben zu erwecken, bei Martin Feifel hat man sogar das Gefühl, er genieße den Spaß ... aber mir fiel es teilweise wirklich schwer, mich zu entscheiden, was anstrengender war: das quirlige Familien-Chaos oder das verlogene Beharren auf altgediente Dramaturgie-Konzepte nach dem Motto »Pack schlägt sich, Pack verträgt sich«.

Die Casting-Show an sich (mit Thomas Anders und Sabrina Setlur in der Jury) wäre ein dankbares Fundament für satirische Spitzen gewesen, aber man bekommt tatsächlich den Eindruck, dass Herrn Levy die Familiengeschichte viel wichtiger erschien. Wenn die jetzt witziger, emotionaler oder profunder geraten wäre, hätte es für diese ungewöhnliche Entscheidung sogar Lob bekommen - aber mein größtes Problem bei diesem Film war, dass der Unterschied zwischen einer weichgespülten Fernsehfamilienkomödie (mit obligater Versöhnung und didaktischer Erkenntnis) und einem »Independent-Kinofilm« (klingt fast wie Kunst) offenbar gar kein so großer sein muss. Aber wenn man sogar die Gaststars aus TV-C-Prominenz rekrutiert (Arabella Kiesbauer, Rolf Scheider), dann wird für den Betrachter nicht wirklich klar, warum man diesen Film jetzt im Kino sehen soll.

Ich kann mich vage erinnern, dass es bei Alles auf Zucker! eine früh angesetzte Fernsehausstrahlung geben sollte, die wegen des unerwartet großen Kinoerfolgs dann wieder verschoben werden sollte. Am Amphibien-Vorwurf (Kinofilme, die in vierzig Minuten längerer Fassung als Miniserie in die Glotze kommen) knarzt der Film knapp vorbei, aber wenn einen der »Keith-Richards-Verschnitt« (Filmzitat) so vorkommt, als hätte sich Harald Juhnke als Captain Jack Sparrow verkleidet, dann ist irgendwas deutlich im Argen. Und bei mir geht das dann auch nicht als »turbulente Spritzigkeit voller Improvisationstalent« (kein Zitat, klingt nur so!) durch ...


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  Allein gegen die Zeit - Der Film (Christian Theede)


Allein gegen die Zeit - Der Film
(Christian Theede)

Deutschland 2016, Michael Demuth, Ceylan Yildirim, Kamera: Felix Cramer, Schnitt: Martin Rahner, Musik: Christoph Zirngibl, Volker Hinkel, Heiko Maile, Pivo Deinert, mit Janina Fautz (Leo), Timmi Trinks (Jonas), Timon Wloka (Ben), Stephanie Amarell (Sophie), Ogur Ekeroglu (Özzi), Stipe Erceg (Albrecht Stürmer aka Taiwaz), Christian Grashoff (Gotthard), Stephan Grossmann (Herr Joost), Violetta Schurawlow (Tuschi aka Tyra), 88 Min., Kinostart: 27. Oktober 2016

Manchmal steht man bestimmten Phänomenen hilflos gegenüber. Dazu gehört definitiv auch dieser Kinofilm, der auf einer erfolgreichen Fernsehserie aufbaut. Dass diese Serie auf Kika lief und mir keinerlei Begriff war, ist eine Sache. Aber nachdem ich den Film sah, der in seiner Dummheit oft bodenlos war, fragte ich mich mit einigem Recht, wie dieses Format, bei dem selbst ein Fünftklässler die klaffenden Löcher in der Story wahrnehmen dürfte, jemals ein Erfolg werden konnte.

Womöglich hängt es damit zusammen, dass die zwei Staffeln der Serie in den Jahren 2009 bis 2011 entstanden, als die Darsteller der »Jugendlichen« noch nicht zu großen Teilen über 20 waren, sondern eben glaubhafte Kids (und vor Fack ju Göhte ohne Chantal-Doppelgängerin der nervigsten Art). Und in einer Fernsehepisode kommt man vielleicht auch nicht mit solch einer Hellboy-mäßigen Story um einen unsterblichen SS-Mann, der mit einem mythischen Artefakt Macht an sich reißen will - sondern geht die ganze Sache ein paar Nummern kleiner (und glaubhafter) an und lässt sich Zeit, die Beziehungen unter den Kids auszuarbeiten - wofür hier kaum Zeit blieb.

Im Film (übrigens mit deutschen Fördergeldern realisiert) stört vor allem der komplett überzogene Action-Stil, der teilweise an Alarm für Cobra 11 erinnert - nur mit einem Bruchstück des Budgets und der technischen Expertise. Alles muss immer hochdramatisch sein. Nicht nur die Eifersuchtsgeschichte zwischen den Kids, sondern die kompliziert (aber idiotisch) geplante Kidnapping-Geschichte mit hochprofessionell wirkenden (aber leicht auszutricksenden) Kriminellen / Terroristen und einer Undercover-Lehrerin, die sich dann als Martial-Arts-Bösewichtin offenbart (unter mehreren suboptimalen Darstellern die am stärksten überfordertste: Violetta Schurawlow).

Mit herkömmlichen Bewertungskriterien bekommt man diesen Film gar nicht zu fassen, so unglaublich bekloppt wirkt die ganze Geschichte. Da gibt es eine Explosion in einer Kirche, die hübsch feinsäuberlich ein Loch zum Kellergeschoss mit archäologischen Fundstücken freilegt (und bei den unmittelbar neben dem Sprengsatz befindlichen Personen höchstens leichte Kopfschmerzen erzeugt). Da gibt Rettungsaktionen, zu denen im richtigen Moment immer ein Kletterseil zur Hand ist. Da gibt es einen wegen Asthmabeschwerden um Leben und Tod ringenden Jungen, der aber mit seiner Gesundheit nur dann Probleme hat, wenn es dem Drehbuch dienlich ist. Und vor allem gibt es da diese Fünf-Freunde-Version à la Mission Impossible, von der der »Oberheld« in der Gewalt von Verbrechern exakt in dem Moment einen Autounfall provoziert, als die böse Geschichtslehrerin seiner Freundin eine Pistole ins Gesicht hält - und die Kids, die auf den Rücksitzen saßen, steigen dann schneller aus dem an einen Baum geknallten Fahrzeug aus als die Erwachsenen, die vorne immerhin Airbags hatten. Es passieren so viele idiotische Dinge, dass man sich über die Standard-Dummheiten wie Passwörter, die man mit drei Versuchen herausbekommt, gar nicht mehr aufregt.

Aber man stümpert nicht nur auf der Story-Ebene, sondern mindestens so drastisch auch bei der Inszensierung (dabei hat mir Im weißen Rössl vom selben Regisseur einst ganz gut gefallen). Der ganze Film ist auf den Countdown einer Sonnenfinsternis hin ausgebaut, aber sowohl die Kids als auch die Kidnapper vergessen ihren strengen Zeitplan gern mal für ausgedehnte Szenen. Und die schlechten CGI-Effekte sind auf solch einem Niveau, dass es mir zwei meiner Kollegen schriftlich geben würden, dass meine im schlecht ausgeleuchteten Kino hingeschluderte Skizze eines Schwarms von Fledermäusen, der aus einer Höhle herausfliegt überzeugender wirkt als die entsprechende Filmszene.

Fledermäuse fliegen aus Höhle

Bildmaterial: Thomas Vorwerk

Generell kann man den Film so zusammenfassen: Angeblich 17jährige Schüler, die von Zwanzigjährigen gespielt werden, bieten ein keineswegs kinotaugliches Abenteuer, das höchstens 8jährige überzeugen wird. Prägnante Zitate: »Das Blut der Germanen wird fortbestehen« [...] »Krass, voll Star Wars!«



Mitte Oktober in Cinemania 155 (Beziehungsstatus anstrengend):
Bridget Jones' Baby (Sharon Maguire), Die Habenichtse (Florian Hoffmeister), Paula (Christian Schwochow) und Die Tänzerin (Stéphanie Di Giusto).