Anzeige:
Sofie Lichtenstein: Bügeln. Protokolle über geschlechtliche Handlungen




10. September 2008
Thomas Vorwerk
für satt.org


  Babylon A.D. (R: Matthieu Kassovitz)
Babylon A.D. (R: Matthieu Kassovitz)
Babylon A.D. (R: Matthieu Kassovitz)
Fotos: Guy Ferrandis
© 2008 Concorde Filmverleih GmbH
Babylon A.D. (R: Matthieu Kassovitz)
Babylon A.D. (R: Matthieu Kassovitz)
Babylon A.D. (R: Matthieu Kassovitz)

Babylon A.D.
(R: Matthieu Kassovitz)

USA / Frankreich 2008, Buch: Matthieu Kassovitz, Eric Besnard, Lit. Vorlage: Maurice G. Dantec, Kamera: Thierry Arbogast, Schnitt: Benjamin Weill, Musik: Atli Örvarsson, Production Design: Paul Cross, Sonja Klaus, Supervising Art Director: John King, Kostüme: Chattoune, Fab, mit Vin Diesel (Toorop), Michelle Yeoh (Schwester Rebessa), Mélanie Thierry (Aurora), Joel Kirby (Dr. Newton), Charlotte Rampling (Hohepriesterin), Gérard Depardieu (Gorsky), Mark Strong (Finn), Lambert Wilson (Darquandier), Jérôme Le Banner (Killa), Souleymane Dicko (Jamal), Filip Matejka (Junge in Toorops Treppenhaus), Abraham Belaga (Assistent der Hohepriesterin), Radek Bruna (Karl), Jan Unger (Fight Promoter), Gary Cowan (Neolite Executive), Curtis Matthew (Submarine Captain), Kristyna Kingsley (Twin Girl #1), Lou Jenny (Twin Girl #2), 101 Min., Kinostart: 11. September 2008

Solange ich noch bei satt.org mein eigener Chef bin, kann ich mir aussuchen, welche Filme ich sehen will und welche lieber nicht. Als die erste Presseeinladung für Babylon A.D. ins Haus flatterte, erinnerte ich mich daran, dass der ganz patente Schauspieler (Amelie) und früher mal vielversprechende Regisseur Matthieu Kassovitz (La haine) in seinen späteren Regiearbeiten (so mir bekannt) durchweg nur versagte und sogar verärgerte (Die purpurnen Flüsse, Gothika). Auch erschien mir der Titel des Films sehr beliebig und erinnerte mich natürlich an den bisher schlechtesten Film dieses Jahres, 10.000 BC. Wochen später gab es eine zweite Vorführung, und inzwischen hatte ich das Plakat gesehen, das ja wie eine Blade-Runner-Version eines bekannten James-Dean-Fotos aussieht. Und irgendwie wurde ich dadurch doch noch umgestimmt - ein Fehler, den wahrscheinlich noch viele machen werden.

Im Interview in den Pressematerialien erfährt man von Kassovitz, dass er zwar Stephen King mag, aber keine Science-Fiction-Romane. Doch Babylon Babies von Maurice G. Dantec gilt wohl als “bedeutender Zukunftsroman”, an dem Kassovitz auch nicht weiter störte, dass er eigentlich unverfilmbar ist, weil eine werkgetreue Verfilmung ca. sechs Stunden dauern würde. Also machte Kassovitz daraus eher einen Film “inspired by” als eine wirkliche Verfilmung, und strich beispielsweise einen sechsmonatigen Aufenthalt der drei Hauptfiguren in Toronto rigoros heraus (dafür wird diese Zeitspanne am Ende des Films wenig überzeugend wieder drangepappt). Auch den Namen von Marie änderte er in Aurora, weil Marie “einfach zu offensichtlich” war, während der Titel des Werkes deshalb geändert wurde, weil Kassovitz der Meinung ist, “babies” stehe in den USA auch für “hübsche junge Mädchen” (ich glaube, er meint “babes”), und sich Babylon A.D. so nett in “B.A.D.” abkürzen lässt.

Das lässt alles schon Schlimmes erwarten, liebe Leser, und wie die meisten bereits mitbekommen haben, gebe ich mir nicht allzu viel Mühe, etwaige Spoiler zu verhindern, denn den Titel der Romanvorlage sieht man auch im Vorspann, und die eigentlichen Überraschungen des Films gestalten sich derart, dass man es nicht fassen kann, dass vieles, was man als ebenso absurd wie vorhersehbar abtut, später tatsächlich eintrifft.

Doch der Film wird weniger geprägt von seiner Geschichte oder der Romanvorlage (die womöglich sowas wie eine Geschichte hat), sondern davon, dass dem Regisseur seine Verehrung für Blade Runner irgendwie durchgegangen sein muss. Ich wollte diesem Text ursprünglich einen Titel geben: “Träumen geklonte Tiger von Milla Jovovich?” Oder vielleicht auch von Kaninchenragout? Denn der Film ist eine einzige Aneinanderkettung von Versatzstücken, allerdings ohne die Inhalte der Vorbilder. Oder das inszenatorische Talent von Regisseuren wie Ridley Scott (vor 25 Jahren, wohlgemerkt!), Alfonso Cuarón oder (ich hätte auch nicht geglaubt, dass ich sowas noch mal sage) Luc Besson. Die erste halbe Stunde des Films, die in “Neuserbien” spielt, erinnert an Children of Men, und aufgrund eines kleinen Nachbarn von Toorop (Vin Diesel) sogar an Lilja 4-ever. Also jede Menge osteuropäisch heruntergekommene Häuser und eine oppressive Stimmung wie in Terry Gilliams Brazil. Dann bekommt der Söldner Toorop einen Auftrag von Obelix’ verloren geglaubten großen Bruder Gorsky und soll eine junge Klosterschülerin in die USA begleiten. Mann muss nicht lange betonen, dass sich dies natürlich als ein sehr gefährlicher Job mit vielen schlecht inszenierten Actionsequenzen erweisen wird (Willy Bogner, eat my shorts!). Außerdem wird die Unschuld und Reinheit ausstrahlende junge Frau natürlich von einem Model (Mélanie Thierry, der einzige Lichtblick des Films) gespielt, ganz wie in Das Model und der Glatzkopf, äh, ich meine natürlich The Fifth Element, in dem Matthieu Kassovitz seinerzeit übrigens auch eine kleine Rolle spielen durfte. Und wem das noch nicht blöd genug ist, für den wurde noch “Schwester Rebecca” ersonnen, der Anstandswauwau des scharfen Babes, wobei die Besetzung mit Michelle Yeoh ein wenig vorwegnimmt, dass diese Nonne auch als zweiter Bodyguard angestellt ist - auch wenn der Regisseur die Martial-Arts-Fähigkeiten seiner Darstellerin (und auch Vin Diesel hat wahrscheinlich in seinem Leben schon ein oder zwei Kampfsequenzen selbst gefilmt) schlichtweg nicht würdigt, denn wann immer sich in diesem Film Leute hauen, ist die Montage ebenso blöd wie fragmentarisch, dass man sich mehr zusammenreimen muss als man wirklich zu sehen bekommt.

Wenn sich dann so langsam herausstellt, dass Aurora ein Geheimnis hat (mindestens eines, womöglich wurde Kassovitz auch noch von der Rolle von Summer Glau in Serenity “inspiriert”), dann wartet man als Zuschauer hübsch artig auf die Offenbarung, den tieferen Sinn des Films, die Rolle der Hohepriesterin (nicht Louise Fletcher, sondern Charlotte Rampling), die Bedeutung der angedeuteten Zeitreise (vgl. 12 Monkeys, noch ein Film mit dem Glatzkopf Willis, abermals inszeniert von Terry Gilliam, der für ein ca. 28 mal höheres Budget wahrscheinlich wirklich etwas bahnbrechendes aus der Romanvorlage hätte zaubern können) oder ähnliches, doch stattdessen gibt es mehr schlechte Action, einige Wendungen, die den Film immer bekloppter erscheinen lassen, und schließlich ein Ende, das ungefähr so befriedigend ist wie das von The Empire Strikes Back oder dem ersten Lord of the Rings-Film. Die ungeheuer mächtige Hohepriesterin, die zuvor über alles Beschied wusste, und mit Knopfdruck nahezu jeden jederzeit ausschalten konnte, geht einfach sechs Monate in Urlaub (zaghafter Versuch einer Erklärung eines unvorstellbaren schwarzen Loches im Drehbuch), Vin Diesel schließt an einen schon eingangs nicht überzeugenden Anfangsmonolog an, und zumindest ist man froh, dass der Film vorbei ist, auch, wenn man das Gefühl hat, dass dies weniger an einem tatsächlichen Drehbuch lag, sondern vielleicht daran, dass das Filmmaterial zuende war, Michelle Yeoh noch ein Date mit Jackie Chan hatte oder Vin Diesel zum Babysitten nach Hause musste. Oder, noch viel erschreckender, dass Matthieu Kassovitz bereits an seiner nächsten Regiearbeit werkelt. Dass wäre wahrscheinlich etwas, was in die ganze Problematik noch etwas wie Religiösität einbringen könnte ...

“Bitte nicht! Ich flehe Dich an, Hohepriesterin, unternimm etwas!”