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27. März 2013
Thomas Vorwerk
für satt.org

Cinemania-Logo 96:
Kuckuckseier im Osterkorb

Diesmal nur vier Kritiken, eigentlich wollten wir uns auf den März beschränken, aber wegen des Osterwochenendes haben wir noch einen Aprilstart mit hineingenommen. Den restlichen April gibt es in Cinemania 97 – oder bei den gelungeneren Filmen in der Luxusausführung mit eigener Seite und Bildmaterial.

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  Hai-Alarm am Müggelsee (Leander Haußmann & Sven Regener)


Hai-Alarm am Müggelsee
(Leander Haußmann
& Sven Regener)

Deutschland 2013, Buch & Musik: Leander Haußmann, Sven Regener, Kamera: Jana Marsik, Schnitt: Christoph Brunner, mit Henry Hübchen (Bürgermeister), Michael Gwisdek (Bademeister), Uwe Dag Berlin (Snake Müller), Anna-Maria Hirsch (Vera Baum), Tom Schilling (Fischexperte), Detlev Buck (Polizist Müller), Annika Kuhl (Gabi Müller), Benno Führmann (Der reiche Mann von Friedrichshagen), Katharina Thalbach (Die zynische Irre), Horst Pinnow (Horst Jablonski), Leander Haußmann & Sven Regener (Taucher, Polizeimusikanten, Punks, Haikostümträger), Start: 14. März 2013

Ich gehe selten ins Theater, und so kann ich nur über die Kinofilme von Leander Haußmann ein persönliches Urteil über dessen Talent fällen. Gesehen habe ich davon nur Sonnenallee und NVA, doch von den Kollegen habe ich Schlimmes über Filme wie Warum Männer nicht zuhören und Frauen schlecht einparken, Robert Zimmermann wundert sich über die Liebe oder Hotel Lux gehört. Sein bester Film scheint wohl Herr Lehmann zu sein, und immerhin hat sich Haußmann nun mit Sven Regener, dem Drehbuchautoren und Romanverfasser von Herr Lehmann, zusammengefunden (zwischenzeitig lieferte Regener auch mal Songs mit seiner Band Element of Crime für Haußmann), um nicht nur die deutsche Komödie zu retten, sondern auch gleich ein neues Genre zu erschaffen: den Alarm-Film!

Was definitiv für den Film spricht, sind sein Titel und sein Humor-Konzept: Hai-Alarm am Müggelsee! Das klingt so absurd, dass selbst Der weiße Hai in Venedig oder Haie im Supermarkt vergleichsweise plausibel und zielgruppenorientiert erscheinen. Und wenn gleich zu Beginn des Films Michael Gwisdek als Bademeister im hüfthohen Wasser seine Hand verliert und dies mit einem verdutzten »Watt'n ditte?« quittiert, dann hat man bereits eine ungefähre Ahnung, dass man sich beim Spezialeffekte-Budget des Films weniger auf Animatronics konzentriert hat, sondern beispielsweise auf die Zweckentfremdung eines Kaffeeaufschäumers.

Der Jingle der Produktionsfirma »Müggelfilm« scheint ein wenig von der uralten »Sanostol«-Werbung inspiriert zu sein, und man muss in diesem Film auch damit rechnen, dass ein verhutzeltes altes Weib mit einem Protestschild »Ficken«, das vor dem Rathaus steht, bereits eine Pointe ist und nicht nur eine Vorbereitung.

Ich muss zugeben, dass ich mich glänzend amüsiert habe beim Film, der sich nicht im geringsten daran stört, dass seine Schauspieler entweder stark unterfordert sind (Henry Hübchen, Benno Führmann), ohne Variante eine bereits mehrfach vorgeführte Figur recyclen (Detlev Buck als Polizist, Katharina Thalbach als zynische Irre) oder einfach nur mitspielen dürfen, weil sie in Hot Pants ganz appetitlich aussehen (Anna-Maria Hirsch). Es fällt auch auf, dass ein Großteil des Ensembles einfach deshalb ausgesucht wurde, weil insbesondere Haußmann bereits mehrfach mit Detlev Buck, Tom Schilling oder Uwe Dag Berlin (als Snake Müller!) zusammengearbeitet hat. Wo anderswo Filmschaffende ihren Plot um einen angenehmen Arbeitsort wie Hawaii herumkonstruieren, verbrachte man hier halt die Nachsaison im Anschluss an die Schulferien am Müggelsee, drehte etwa recht spontan eine arg verwackelte »Plansequenz«, und ärgerte sich womöglich im Nachhinein, dass man beim Drehbuchschreiben in Antizipation eines deutschen Sommers einen Großteil der Szenen in einem dunklen Sitzungssaal des vermeintlichen Rathauses von Friedrichshagen spielen ließ. Aber mit ausreichend Flaschenbier (ein Geheimtip auch bei der Rezeption des Films) lässt sich auch das aushalten.

Viele Kritiken zum Film bemängeln, dass die gelungenen Gags sich auf die anderthalb Stunden Lauflänge verteilen müssen, wo der Trailer noch eine erstaunlich hohe Gag-Konzentration aufwies, doch für mich ist der Film auch ein Gesamtkunstwerk. Schon die Website, die die Drehbucharbeiten sozusagen »live« dokumentierte, war eine kolossale Idee. Das Presseheft ist voller gelungener und nicht so gelungener Gags, bei der Premiere gab es eine »Bühnenpräsentation«, die es beinahe ins Guinness-Buch geschafft hätte, und auch bei den üblichen Superlativen in der Startwoche ließ man sich nicht lumpen. Während man bei Spring Breakers etwa einer Pressemitteilung entnehmen konnte, dass der Film der erfolgreichste amerikanische Independent-Film seit soundso war - wohlgemerkt am Startwochenende und gemessen an der Kopienzahl (Stücker 3!), musste man sich für den Hai-Alarm keine Statistik zurechtfrisieren, man berichtete einfach von der beeindruckenden Realität: Platz 17 in den deutschen Kinocharts! Das sind mehr als dreimal so viele Zuschauer wie beim Hobbit in dieser Woche! (Für diejenigen, die diesen Text in großem zeitlichem Abstand zum Kinostart lesen, muss ich kurz erwähnen, dass zwischen den Startterminen dieser beiden Filme ein knappes Vierteljahr lag.)

Produzent Stefan Arndt sprach uns vor der Premiere (die Journalisten saßen in einem eigenen Saal, so wichtig waren wir!) direkt an: »Wenn Ihr die Presse gesehen habt, die war sehr gemischt. Und deshalb brauchen wir euch!« Diesem Wunsch will ich gern entsprechen. Wem Helge-Schneider-Filme zu intellektuell sind und wer nach einer Stunde immer noch über Dialogzeilen lachen kann wie die folgende:

»Ich wollte als Kind immer 'nen Hamster ...
und was hab' mich bekommen?
'Ne Blockflöte!«

... der sollte den Hai-Alarm nicht verpassen! Mir fehlt die Zeit, um auch nur die Hälfte der Pointen wiederzugeben: Babyattrappen, Günther Jauch, BWL auf Bachelor. Ich stehe dazu: ich habe gelacht - und wurde dafür später von Kollegen angefeindet. So lange es noch zu kalt zum Baden ist, geht halt in diesen Film (oder einen anderen). Und das beste dabei: Man braucht nicht einmal einen Surfpaddelberechtigungsschein!

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  Mitternachtskinder (Deepa Mehta)


Mitternachtskinder
(Deepa Mehta)

Originaltitel: Midnight's Children, Kanada / UK 2012, Buch: Salman Rushdie, Deepa Mehta, Lit. Vorlage: Salman Rushdie, Kamera: Giles Nuttgens, Schnitt: Colin Monie, Musik: Nitin Sawhney, mit Satya Bhabha (Saleem Sinai), Shahana Goswami (Amina), Rajat Kapoor (Aadam Aziz), Shabana Azmi (Naseem), Ronit Roy (Ahmed Sinai), Siddharth (Shiva), Salman Rushdie (Stimme Erzähler), Seema Biswas (Mary), Shriya Saran (Parvati), Kulbhushan Kharbanda (Picture Singh), Darsheel Safary (Saleem Sinai - 10 Jahre), Anita Majumdar (Emerald), Shikha Talsania (Alia), 146 Min., Start: 28. März 2013

Den renommierten britischen Booker Prize gewannen seit 1969 Romane wie Kazuo Ishiguros The Remains of the Day (1989), Michael Ondaatjes The English Patient (1992), J.M. Coetzees Disgrace (1999) oder Yann Martels Life of Pi (2002). Um nur ein paar Gewinner zu nennen, die selbst Nichtlesern, die es höchstens mal ins Kino schaffen, etwas sagen könnten. Salman Rushdies Midnight's Children (1981) gehört auch zum Kreis der Ausgezeichneten, und dieses Buch wurde darüber hinaus 1993 mit dem »Booker of Bookers« prämiert, als Bestes der Besten. Eine Wahl, die 2008 bei einer Publikumswahl bestätigt wurde. Für das Allgemeinwissen wird Rushdie ja meist mit dem Politikum nach den Satanic Verses (1988) assoziiert, Midnight's Children hingegen dürfte über den kurzfristigen Bestseller-Status hinaus das Buch dieses Autors sein, dass die meisten Leser gefunden hat.

Und somit war es nun wohl an der Zeit, es zu verfilmen. Es gibt ja einige Bücher, die man aus Gründen der fehlenden Narration einst für »unverfilmbar« hielt. Oder andere, bei denen die Länge des Werks oder die fantastischen Vorgänge Probleme bereiten. Spätestens seit Peter Jackson Lord of the Rings-Trilogie zählen solche vermeintlichen »Ausflüchte« nicht mehr, und alles, was irgendwie publikumswirksam erscheint, wird ins Format Film gepresst, Rushdies Booker-Kollege Life of Pi ist da nur das jüngste Beispiel, und Einspielergebnis (über 600 Mio. US-Dollar) wie Oscarregen (beste Regie, beste Kamera, beste Filmmusik, beste Spezialeffekte) scheinen das nur zu untermauern. Für mich ist Midnight's Children ein weiteres Paradebeispiel dafür, dass man manchmal auch einfach das Buch Buch sein lassen sollte, denn ungeachtet der Involvierung des Autors (Rushdie schrieb das Drehbuch selbst und liefert im Original sogar die Erzählerstimme) haben wir hier einen Fall, bei dem die Verfilmung zwar alle wichtigen Punkte der Handlung liefert, aber während der Roman ein leicht ironisch unterfüttertes Gesellschaftsgemälde liefert (immerhin geht es um nicht weniger als die Unabhängigkeit Indiens), hat man beim Film das Gefühl, nur die Stationen der Handlung nacherzählt zu bekommen - ein vergleichbares Empfinden will sich nicht einstellen. Wie bei einem Kochrezept, bei dem man zwar alle Bestandteile herausschmecken kann, der konzertierte Gaumenschmaus aber ausbleibt.

Die Gründe für dieses Scheitern sind vielfältig, aber oft besteht halt ein entscheidender Unterschied zwischen dem Kopfkino des Lesers und der visuellen Entsprechung auf einer Leinwand. Wenn im Roman etwa die Zeit nach der Niederlage Pakistans als »years of continual midnight« umschrieben werden, so ist dies eine Metapher, die jeder Leser so wortwörtlich auslegen kann, wie er möchte. Im Film muss das visuell umgesetzt werden - und egal, wie man sich entscheidet, der Effekt tendiert dazu, zu enttäuschen. Nicht nur Leser, sondern auch Kinobesucher, die sich ein wenig wundern werden. Das Titelthema des Films, die »Mitternachtskinder«, sind übrigens Kinder, die den geschichtlich bedeutsamen Zeitpunkt ihrer Geburt teilen und aus der Sicht des Erzählers eine wichtige Rolle für die Zukunft des Landes spielen. Gleichzeitig haben diese Kinder unterschiedliche Gaben oder Talente und stehen miteinander im Kontakt. Auch hier hat als Leser die Möglichkeit, dies rein allegorisch zu verstehen, es im magischen Realismus zu verorten - oder womöglich gar an X-Men-Comics erinnert zu werden. Dann wieder hat die Hauptfigur eine außergewöhnlich große Nase und auch ein Problem mit seinen Schleimhäuten und was sie produzieren (um das jetzt mal manierlich zu formulieren). Im Film muss man dann wieder entscheiden: wie groß machen wir die Nase? Wie viel Rotz wollen / müssen wir dem Zuschauer zumuten? Das Problem ist immer wieder dasselbe, ob es um die Darstellung halbdurchlässiger Träume geht, um den »basket of invisibility« oder um eheliche Pflichten (»husband or no husband, I'm not the moving type!«), in diesem Fall ist die Verfilmung fast durchgehend eine Enttäuschung, die Konzentration des Materials auf kinotaugliche 146 Minuten lässt einen kurzfristig sinnieren, ob ein Fernseh-Zweiteiler der Sache hätte gerecht werden können, und die wichtigste Errungenschaft dieses Films ist wahrscheinlich, dass das Buch jetzt noch einige zusätzliche Leser findet. Es kann aber auch so sein, dass mancher, der sich durchaus für die Thematik interessiert, nach dem Film das Buch auch gleich mit disqualifiziert. Das wäre schade, aber Rushdie trägt hier eine Mitschuld. Manchmal ist es eben doch besser, sich ganz herauszuhalten. Oder trotz eines guten Angebots die Rechte nicht herauszugeben.

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  Heute bin ich blond (Marc Rothemund)


Heute bin ich blond
(Marc Rothemund)

Deutschland / Belgien 2013, Buch: Katharina Eyssen, Vorlage: Sophie van der Stap, Kamera: Martin Langer, Schnitt: Simon Gstöttmayer, Musik: Mousse T., mit Lisa Tomaschewsky (Sophie Ritter), Karoline Teska (Annabel), David Rott (Rob), Alice Dwyer (Saskia Ritter), Peter Prager (Wolfgang Ritter), Alexander Held (Dr. Friedrich Leonhard), Jasmin Gerat (Chantal), Daniel Zillmann (Pfleger Bastian), Katrin Pollitt (Krankenschwester Pauke), Sebastian Bezzel (Dozent), Ben Braun (Dr. Konrad), Chiron Elias Krase (Emil), Herman van Ulzen (Dr. Neumann), Maike Bollow (Inge Ritter), Leif Altenburg (Leif), 115 Min., Start: 28. März 2013

Das Buch, dass diesem Film zugrunde liegt, den autobiographischen Erlebnisbericht der niederländischen Krebspatientin Sophie van der Stap, hätte ich gerne vor dem Erstellen dieser Kritik noch schnell (oder auch langsam) gelesen. Aber es hat nicht sollen sein, und so werde ich Aspekte des Films kritisieren und größtenteils annehmen (oder hoffen), dass es im Buch anders oder besser war.

Wie aus Tagebucheinträgen ein Buch wurde, das wird auch im Film thematisiert. Doch die Entfernung von der Realität nimmt natürlich durch die Verfilmung noch stärker zu. So muss ein prägendes Datum her, zwei Silvesternächte, die die Geschichte einrahmen, der Herkunft der Autorin zollt man kurz Respekt, indem man den Film mit einem Antwerpen-Urlaub beginnt, sich dann aber an das deutsche Publikum wendet (Sophie heißt jetzt auch »Ritter« mit Nachnamen). Und so weiter, jede Menge Hinbiegen der Geschichte auf eine gängige Drehbuchstruktur. Nun ist klar, dass auch beim Buch nicht 1:1 die Realität wiedergegeben wurde (»und jetzt beschreibe ich mal detailliert auf 45 Seiten drei Wochen, in denen eigentlich nichts bemerkenswertes passierte«), aber für einen Kinobesucher, der das Buch eben nicht kennt (das erste Kapitel oder so habe ich mal im Magazin der deutschen Bahn beim Erscheinen der deutschen Übersetzung gelesen, und der Eindruck war klar besser als beim Film), stellt sich oft die Frage, ob einige eher ärgerliche Wendungen nur von der Drehbuchautorin stammen (oder zurechtgebogen wurden) oder sich in ähnlicher Form auch schon im Buch finden.

Das beginnt schon in Antwerpen. Um klarzumachen, dass Sophie in der Blüte ihres Lebens steht, ist sie vor allem damit beschäftigt, mit ihrer besten Freundin zusammen Unterwäsche zu kaufen und sich von Jungs anbaggern zu lassen. Das Thema der Lebensfreude ist ja ein ganz zentrales in Buch und Film. Sophie verliert durch die Chemotherapie die Haare, erfindet sich aber über Perücken komplett neu, das »Mädchen mit den neun Perücken« ist auch ein Mädchen mit vielen Namen und unterschiedlichen Persönlichkeiten, die sie sozusagen »spielt«. Auch die Sexualität ist da wichtig. In Antwerpen gibt es noch ungetrübten, großartigen Sex, am Morgen danach drängt sich dann der wiederkehrende Husten zunehmend in den Mittelpunkt.

Wo die Autorin einer Autobiographie selbst entscheiden kann, wie sie ihr Leben lebt und wie sie dieses Leben in ihrem Buch darstellt, hat man bei dieser Verfilmung oft - sehr oft! - das Gefühl, dass viele Entscheidungen nicht von der Figur stammen, deren Leben wir mitverfolgen, sondern von einer (mit Ausnahme von zwei Kurzfilmen hier debütierenden) Drehbuchautorin und dem Regisseur, einigen Produzenten etc.

Ganz zu Beginn darf Sophie Sex haben. Sie ist jung, unbeschwert und im Urlaub. Danach geht es zwar immer wieder darum, wie die Männer auf Sophie reagieren (und wie sie auf die Männer reagiert), aber man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass das ganze Spiel mit der Kostümierung, das Sophie eine »normale« oder »durchschnittliche« Sexualität erlauben sollte, auf keinen Fall dazu führen darf, dass sie dem Publikum jetzt als promisk erscheint. Denn das könnte a) irgendwie die Identifikation erschweren oder b) unangemessen für das Thema Krebs sein. Ich bin mir dessen bewusst, wie bescheuert das klingen könnte, aber in Deutschland denkt man halt teilweise seltsam, ich kann mich an die Rezeption von Brian Fies' ebenfalls autobiographisches Werk Mutter hat Krebs erinnern, wo man allerorts mit fehlendem Gespür für das Medium fragte »Darf man einen Comic über Krebs machen?«

Und zu allem Übel umwirbt man den Film Heute bin ich blond allen Ernstes auch noch als »Komödie«, zumindest als »Teilkomödie« oder ähnliches. Eine Autobiographie muss nicht Tragödie, Komödie oder wasauchimmer für ein Genre sein. Zur Vermarktung eines Films ist so etwas aber offenbar notwendig, und wenn man dann nach dem Film sagt, dass es gar nicht so traurig oder gar nicht so witzig wie erwartet war, dann ist selbst dass bereits »Mundpropaganda«, also erwünscht. Beim Buch darf man auch bei einem ernsten Thema zwischendurch mal lachen oder das Gegenteil. Auch, wenn Bücher natürlich auch Produkte sind, die man vermarkten muss. Aber das funktioniert manchmal anders. Film ist ein Gemeinschaftserlebnis, wenn die Freundesgruppe aus dem Kino kommt und feststellt, dass die Sophie ja ein durchtriebenes Miststück ist oder eine Schlampe, dann ist das eher schädlich für den Zuschauerzuspruch. Und deshalb geht es in Heute bin ich blond weniger um die mit verschiedenen Frisuren versehenen »Persönlichkeiten« Sophies, sondern zu großen Teilen um ihren besten Freund, der ihr zur Seite steht, und bei dem jeder Zuschauer von Anfang an weiß: da könnte sich was entwickeln …

Potentielle Sexpartner wie ein Dozent werden hier eher zu vermeintlich »komischen« Episoden (»Ich kann's noch. Ich zähle noch. Ich bin noch attraktiv. Aber Tofu-Würstchen? So dringend hab' ich's auch nicht«). Oder eben auch zum Irrweg, nach dem Sophie dann irgendwann die wahren Werte wie Familie und Liebe entdecken kann. Das gab es alles auch bereits sehr ähnlich in dem US-Krebsfilm (ohne realer Inspiration) A Little Bit of Heaven. Und verglichen mit diesem unerträglichen Machwerk ist Heute bin ich blond übrigens durchaus sehenswert.

Es gab aber aus meiner Sicht immer wieder diese zusätzliche Verwässerung der eigentlichen Geschichte durch die »Regeln« (alles selbstauferlegt) einer Spielfilmdramaturgie. Etwa der nette Pfleger, der aufgrund seines Erscheinungsbildes bereits als potentieller love interest ausfällt, dann Sophie beim beschwerlichen Weg beisteht - und sobald die Familie wieder für Sophie da ist, fliegt der Pfleger einfach aus dem Film, wird sozusagen vergessen. Das hat mit Realität nichts zu tun, mit Drehbuchseminaren hingegen jede Menge. Und das war dann einfach nicht der Film, der mein Interesse hätte einfangen können. Blöde Hollywood-Krebsfilme mit positiver Message etc. gibt es genug, etwas Ehrlichkeit wäre da ganz interessant gewesen. Aber offensichtlich muss man auch in diesem Fall eher zum Buch greifen.

Einen Moment im Film gibt es aber, wo ich durchaus das Gefühl hatte, dass man sich stark am Buch orientierte: Als Sophie plötzlich einen inneren Dialog mit den Worten »Du, Krebs ...?« begann. Das erinnerte mich aber leider auf sehr negative Weise an die saublöde Fernsehreklame, wo eine Frau fragt »Du, sag' mal, e-on ...« und dann tatsächlich auch eine Geschichte zu hören bekommt, die sich an dieser Frage orientiert. Immerhin wurde dadurch unfreiwillig auch der Komödienbeitrag geliefert. Aber meistens übernehme ich diesen Teil bei schlechten Filmen selbst. Als etwa der Arzt Sophie seine erstaunlich formulierte Diagnose offenbart (»Eine sehr seltene und sehr aggressive Krebsart«), raunte ich meiner Sitznachbarin in bewährt politisch-unkorrekter Weise zu »Bei Pokémon ist das der Jackpot!«

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  Dead Man Down (Niels Arden Oplev)


Dead Man Down
(Niels Arden Oplev)

USA 2013, Buch: J.H. Wyman, mit Colin Farrell (Laszlo), Noomi Rapace (Beatrice), Dominic Cooper (Darcy), Terrence Howard (Alphonse), Isabelle Huppert (Valentine Louzon), Luis Da Silva jr. (Terry), F. Murray Abraham (Gregor), Armant Assante (Lon Gordon), Stu Bennett (Kilroy), Franky G (Luco), Declan Mulvey (Goff), John Cenatiempo (Charles), Roy James Wilson jr. (Blotto), 118 Min., Start: 4. April 2013

Noomi Rapace mag mir verzeihen, aber mit Ausnahme von Prometheus (der auch einige unübersehbare Schwächen hat) hat mich bisher keiner ihrer Filme (Millennium-Trilogie »verpasst«, zweiten Sherlock-Holmes-Film von Guy Ritchie weiträumig umfahren und Brain DePalmas Passion noch nicht zu Gesicht bekommen) überzeugen können. Babycall war so unfassbar bodenlos, dass ich sehr froh war, dazu keine Rezension schreiben zu müssen, und Dead Man Down ist auch keine wirkliche Verbesserung.

Bei Regisseur Niels Arden Oplev erwähnt auch jedermann seinen erfolgreich im Kino gelaufenen Beitrag zur Millennium-Fernsehserie, dass er zuvor auch mal den wirklich gelungenen Kinderfilm Drømmen drehte, wird gänzlich unterschlagen. Allerdings befürchte ich auch, dass sich Dead Man Down weitaus stärker an Millennium-Fans wendet. Auch, wenn ich nicht glaube, dass es da eine allzu große Schnittmenge gibt. Abgesehen von den Leuten, für die jede Kriminalgeschichte, bei der es eine Handvoll Tote und ein bisschen Spannung gibt, bereits einen gelungenen Abend beschert. Ich hingegen würde es als komplett missratenen Kinoausflug werten.

Dabei ist die erste narrative Überraschung des Films durchaus noch gelungen (weshalb ich darüber auch nicht sprechen werde). Doch schon in der ersten längeren Szene (noch vor der Überraschung) ist es offensichtlich, dass es sich hier um einen Action-Bumm-Bumm-Film dreht, bei dem jede Menge namenloser hawaiianische, albanische und angeblich ungarische Gangster zur Verfügung stehen, die sich gegenseitig über den Haufen schießen dürfen. Und hin und wieder gibt es auch einen Briten. Und ein anonymes Zettelchen, auf dem die mysteriöse Nachricht »719, now you realize« steht. Und jetzt wird es einerseits spannend, andererseits kann ich auch nicht tausendprozentig schwören, dass ich beim zweiten kurzen Blick auf den Zettel alle wichtigen Informationen korrekt mitbekommen habe. Eindeutig ist, dass der Schreiberling durch die Sieben einen Strich gezogen hat. Und da Amerikaner anders schreiben, muss der Autor dann wohl der Brite sein, der auch gleich »befragt« (peng, peng!) wird. Dass hingegen die Eins nur aus einem vertikalen Strich besteht (amerikanische Schreibweise) und ein gut erzogener Engländer »realise« immer mit »s« schreiben würde, das wird im Film nicht thematisiert. Ob das einfach ein Versehen des Autor, des Regisseurs oder des für die »Props« verantwortlichen Menschen war, oder ob das irgend etwas über den Zettel-Autor im Film sagen soll: keine Ahnung. Das ist kein Film zum Denken, sondern zum Schießen. Nachher stellt sich dann heraus: es war nicht der Brite. Na gut, dann bleibt halt die Spannung erhalten …

Hauptdarsteller Colin Farrell, der übrigens in Dublin geboren ist, spielt in diesem Film einen Ungarn, und gleich zu Beginn merkt jemand an, dass er ja gar keinen ungarischen Akzent habe. Nein, er habe auch lange daran gearbeitet, sich diesen abzutrainieren. Dummerweise gilt das auch für die anderen angeblichen Ungarn im Film (darunter Oscar-Gewinner F. Murray Abraham), die allesamt ihren ungarischen Akzent so gut ablegen konnten, dass sie nicht einmal mehr ungarische Namen auf landestypische Weise aussprechen. Und Noomi Rapace spielt die Tochter einer von Isabelle Huppert gespielten Französin, womit ihr für amerikanische Ohren wohl schlecht zu verortender Akzent wohl irgendwie erklärt werden soll. Man hört Noomi auch drei oder vier Sätze auf Französisch aufsagen, aber das hat auch eher Alibi-Funktion. So viel zum »europäischen Einfluss« Niels Arden Oplevs auf das US-Kino. (Schudder!)

Kurz zurück zur Geschichte. Action-Bumm-Bumm ist ja nicht für jedermann (bzw. insbesondere für jederfrau) abendfüllend, und so gibt es auch noch eine zarte Liebesgeschichte mit der durch einen Autounfall auf einer Gesichtshälfte mit Narben verzierten Noomi. Auf so manche Ballerszene folgt deshalb eine lange Einstellung mit emotionaler Tiefe, dräuender Musik, zärtlicher Zerbrechlichkeit, angedeutetem Trauma - und das Paar zusammenschweißende gemeinsame Rachegelüsten. Man merkt, dass der Film versucht, seinem Publikum weiszumachen, er sei clever, aber während ich mich schon damit abgefunden hatte, dass der Streifen nicht mehr zu retten sei, kam dann auch noch ein hochgradig bescheuerter Showdown, der alles, was man zuvor an Dummdreistigkeit sah, noch mal spielend in den Schatten stellt. Während Colin Farrell quasi im Alleingang eine Villa stürmt, in der es von schwer bewaffneten Gangstern nur so wimmelt, darf Noomi Rapace als zierliche Figur, die es aber faustdick hinter den Ohren hat, für einen Schlussgag sorgen, der nicht nur auf umständlichste Weise vorbereitet wurde, sondern auch in Sachen vermeintlicher Cleverness wirklich unterirdisch wirkt. Als hätte ein Achtjähriger beispielsweise Seven und The Sixth Sense gesehen und sich gedacht: »Jetzt nehme ich mir mal fünf Minuten Zeit, um mir auch so eine schlaue Wendung auszudenken ...« Hatte ich eigentlich schon erwähnt, dass die bekannteste frühere Arbeit des Drehbuchautors The Mexican war? 'Nuff said.

Wahrscheinlich verdient Niels Arden Oplev mit diesem Film eine ganz nette Stange Geld. Die besseren Filme hat er aber in Dänemark (und vielleicht noch in Schweden) gedreht.

Demnächst in Cinemania 97:
Beerland (Matt Sweetwood), Charlies Welt - Wirklich nichts ist wirklich (Roman Coppola), Georg Baselitz (Evelyn Schels), Der Tag wird kommen (Gustave de Kervern & Benoît Delépine) und Rendezvous in Belgrad (Bojan Vuletic).