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5. März 2013
Thomas Vorwerk
für satt.org

Berlinale 2012




TVs Berlinale Top 20 (54 Filme gesichtet)
  1. Chiralia (Santiago Gil, Perspektive Deutsches Kino)
  2. Oslo, 31. August (Joachim Trier, Gilde-Screening)
  3. Don Jon's Addiction (Joseph Gordon-Levitt, Panorama)
  4. Fynbos (Harry Patramanis, Forum)
  5. I kori / The Daughter (Thanos Anostopoulos, Forum)
  6. Elle s'en va / On the Way (Emmanuelle Bercot, Wettbewerb)
  7. Lovelace (Rob Epstein & Jeffrey Friedmann, Panorama)
  8. Hitler's Madman (Douglas Sirk, Retrospektive)
  9. Will you still love me tomorrow? (Arvin Chen, Panorama)
  10. Computer Chess (Andrew Bujalski, Forum)
  11. Dark Blood (George Sluizer, Wettbewerb außer Konkurrenz)
  12. I used to be darker (Matt Porterfield, Forum)
  13. La maison de la radio (Nicolas Philibert, Panorama)
  14. The Small Back Room (Michael Powell & Emeric Pressburger, Retrospektive)
  15. Epizoda u zivotu beraca zelieza / An Episode in the Life of an Iron Picker (Danis Tanovic, Wettbewerb)
  16. A Single Shot (David M. Rosenthal, Forum)
  17. Stoker (Park Chan-wook, Gilde Screening)
  18. Upstream Color (Shane Carruth, Panorama)
  19. Narco cultura (Shaul Schwarz, Panorama)
  20. Prince Avalanche (David Gordon Green, Wettbewerb)

Cinemania-Logo 95:
Berlinale-Rest
und reguläre Kinostarts

Wie in jedem Jahr blieben die uninteressantesten Berlinale-Filme am längsten (und ich bin superschnell diesmal) liegen – und was noch so als Lückenbüßer mit in den Sack gestopft wurde, ist auch nicht viel besser. Die Leser mögen mir verzeihen, dass ich meinen Unmut nicht auf vielfältigere und amüsantere Weise zusammenfassen konnte. Oder mir zumindest ein paar Filme aufgespart habe, die mich stärker berühren konnten – ob positiv oder negativ.

Dieses Cinemania ist in liebevoller Anerkennung allen Frauen mit dem Namen Anja gewidmet. Ihr seid besser als diese Filme!

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  The Master (Paul Thomas Anderson)


The Master
(Paul Thomas Anderson)

USA 2012, Buch: Paul Thomas Anderson, Kamera: Mihai Malaimare Jr., Schnitt: Leslie Jones, Peter McNulty, Musik: Jonny Greenwood, mit Joaquin Phonix (Freddie Quell), Philip Seymour Hoffman (Lancaster Dodd), Amy Adams (Peggy Dodd), Laura Dern (Helen Sullivan), Barlow Jacobs (James Sullivan), Jesse Plemons (Val Dodd), Ambyr Childers (Elizabeth Dodd), Rami Malek (Clark), Lorelai Hoey (Baby), Joshua Close (Wayne Gregory), Jillian Bell (Susan Gregory), Kevin Walsh (Cliff Boyd), Kevin J. O'Connor (Bill William), Patty McCormack (Mildred Drummond), Christopher Evan Welsh (John More), Lena Endre (Mrs. Solstad), Madisen Beaty (Doris Solstad), 144 Min., Kinostart: 21. Februar 2013

Paul Thomas Anderson kleckert nicht, er klotzt. Schon die ersten Einstellungen seines neuen Films nehmen einen gefangen. Das Wasser als Naturgewalt, ein im Vergleich (trotz Helm) sehr verletzlich wirkender Soldatenkopf, den man sofort mit dem Anfangsmassaker aus Spielbergs Saving Private Ryan assoziiert. Doch Anderson hat es nicht nötig, anderen Regisseuren nachzueifern, mit intensiven Pinselstreichen kreiert er sein eigenes Film-Gemälde.

Schon in There will be Blood waren ihm die intensive Inszenierung und die kraftvollen Schauspieler wichtiger als die eigentliche Geschichte. Und dabei handelte es sich noch um eine Literaturverfilmung. Diesmal dreht sich die Geschichte um den psychisch angeschlagenen Kriegsveteran Freddie (Joaquin Phoenix) und Lancaster Dodd (Andersons meistgenutzter Darsteller Philip Seymour Hoffman), den Führer einer ominösen Bewegung und titelgebenden »Master«. Die beiden Schauspieler wurden bei den Filmfestspielen in Venedig gemeinsam ausgezeichnet, Anderson bekam den Silbernen Löwen für die Regie, und das war nur der Startschuss diverser Auszeichnungen. Dass die Figur des »Masters« lose vom Scientology-Gründer L. Ron Hubbard inspiriert sei, ist einerseits der Dreh- und Angelpunkt mancher Rezension des Films, wird andererseits aber vom Regisseur und Autor heruntergespielt. Und stellte für mich eines der großen Probleme des Films dar. Denn obwohl fiktive Biografien, die sich an bekannte Persönlichkeiten »anlehnen« oder auch nicht, in der Filmgeschichte nichts neues sind (man denke nur an Orson Welles' Citizen Kane und sein Vorbild Randolph William Hearst oder Chaplins The Great Dictator), so sollte eine solche Biografie doch vielleicht eine von zwei Anforderungen entfüllen: Entweder einen ertragreichen Vergleich liefern oder als für sich stehendes Werk überzeugen. Oder am besten gleich beides. Anderson kann leider beides nicht liefern.

Jetzt mal ganz abgesehen davon, dass der Film an sich trotz kraftvoller Inszenierung und spielfreudiger Darsteller schon nach etwa zwanzig Minuten wie eine Spermaspur im Sand versiegt und die drei oscarnominierten Hauptfiguren (Amy Adams als Gattin des »Masters« ist die dritte im Bunde) mich erstaunlich wenig interessierten, ich kann mir auch nicht vorstellen, dass es viele Zuschauer geben wird, die vor oder nach dem Film bei wikipedia oder dergleichen die biografischen Details von L. Ron Hubbard nachschlagen, und dessen womöglich vage ähnlich uninteressante erste Karriereschritte mit denen der Filmfigur vergleichen.

Ungeachtet des in die Irre führenden Titels ist die Hauptfigur des Films offensichtlich Freddie, dessen Geschichte man vielleicht als gescheiterte Domestizierung durch den »Master« (= »Herrchen«) ansehen könnte. Phoenix verzerrt sein Gesicht wie das eines gemeingefährlichen Köters, der jederzeit zuschnappen könnte. Selbstzerstörerisch labt er sich an selbstgebranntem Schnaps, den man wahrscheinlich genauso gut als Putz- oder Lösungsmittel benutzen könnte, seinen animalischen Sexualtrieb lebt er aus, dass man nicht mal mehr zuschauen möchte (und man ist Anderson für einige Ellipsen dankbar), und mit pseudopsychologischen Mitteln und viel Aufmerksamkeit soll er zu einem halbwegs funktionierendem Mitglied der Gesellschaft verwandelt werden, wie der Wolfsjunge oder Tarzan. Nur eben mit dem Unterschied, dass beide Vergleichsfiguren ungleich interessanter (und zur Identifikation einladender) sind als der knautschgesichtige Phoenix, der mittlerweile ein wenig wie ein Klaus Kinski des kleinen Mannes wirkt (und ich wähle diesen Vergleich in eklatantem Desinteresse für Kinski).

Daran kann auch Andersons Regie nichts dran ändern, wenn Stanley Kubrick ein eher mittelmäßiges Abenteuer der Schlümpfe realverfilmt hätte, wäre das Ergebnis wahrscheinlich noch ansehnlicher ausgefallen – und sei es nur aufgrund der unübersehbaren Absurdität. Für mich ist The Master der Irrweg eines zuvor kaum vom Weg abgekommenen Meisterregisseurs, der auch den vorhergehenden Film There will be Blood in unschönem Licht erscheinen lässt. Bisher bin ich aber zuversichtlich, dass wir von Anderson auch wieder Filme bekommen werden, bei denen neben der Form auch der Inhalt gegeben ist. Oder aber der Inhalt noch unwichtiger wird, man das aber als Betrachter nachvollziehen kann.

Ich muss allerdings auch zugeben, dass das Detail, dass Anderson mittlerweile von Film zu Film je fünf Jahre braucht, einem irgendwie das Gefühl gibt, er habe sich doch mehr dabei gedacht, als auf den Zuschauer übergeht. Bei anderen Regisseuren, die sich in ähnliche Sackgassen manövriert haben, habe ich da schon die »Hoffnung« oder den »Glauben« aufgegeben. Etwa bei der lyrischen Esoterik eines Terrence Malick oder der zum Selbstzweck avancierten Provokation Lars von Triers. Bei den beiden muss ich aber zugeben, dass ich schon gar nicht mehr jeden Film anschaue. Toi toi toi, PTA!

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Frances Ha
(Noah Baumbach, Panorama)

  Frances Ha


USA 2012, Buch: Noah Baumbach, Greta Gerwig, Kamera: Sam Levy, Schnitt: Jennifer Lame, mit Greta Gerwig (Frances), Mickey Sumner (Sophie), Michael Esper (Dan), Adam Driver (Lev), Michael Zegan (Benji), Charlotte D'Amboise (Colleen), Grace Gummer (Rachel), 86 Min.

Noah Baumbach war ein junges Filmemacher-Talent, das man sich merken musste. Für seine erste »große« Regiearbeit The Squid and the Whale wurde er gleich für den Drehbuch-Oscar nominiert, seine anderen Projekte als Co-Autor (u.a. The Life Aquatic und The Fantastic Mr. Fox zusammen mit Wes Anderson) waren auch äußerst gelungen, Margot at the Wedding hatte ich damals leider verpasst und bisher nicht nachgeholt – obwohl ich viel gutes darüber gehört hatte. Und dann lief 2010 im Berlinale-Wettbewerb Greenberg, der mich ziemlich kalt ließ. Damals nahm ich auch erstmals Greta Gerwig wahr, die ich damals noch als die positivste Überraschung des Films auffasste. Nun hat Baumbach erneut mit Greta Gerwig zusammen gearbeitet, das Drehbuch haben sie sogar zusammen erstellt. Und ich komme dabei zum Schluss, dass ich Greta Gerwig als Schauspielerin wie als Frau zunehmend fader finde. Zuletzt langweilte sie mich in Lola Versus, und das Schlimmste an Frances Ha ist, dass insbesondere Gretas Rolle – aber auch die Story des Films als Ganzem – sich kaum verändert haben. Auch als Frances ist Greta eine Frau, die als mittlerweile 27jährige (Rollenangabe) noch nicht die Richtung für ihr Leben gefunden hat. Sie hat mal irgendwann studiert, war Tänzerin (hierbei entwickelt sie sich vom vielversprechenden Talent zur älter werdenden Mittelmäßigkeit ohne den nötigen Biss fürs Training) und mit Beziehungen etc. hat sie auch wenig Glück.

In der Inhaltsangabe des Films klingt es noch am interessantesten, dass sie anfänglich mit ihrer Freundin Sophie ein »eheähnliches Zusammenleben« führt, doch dieser Aspekt, der der immer gleichen Geschichte vielleicht noch entscheidende Aspekte hätte zuführen können, weckt trotz Plazierung in der Panorama-Sektion höchstens falsche Erwartungen. Der Film schildert unter anderem, wie Frances' Lebensträume ganz allmählich zerkrümeln, und ihr langsamer Abstieg wird durch Adressen versinnbildlicht, die wie Kapitelüberschriften den Film aufteilen. Bei alledem bewahrt sie sich aber eine positive Einstellung. Der Berlinale-Katalog fasst den Film wie folgt zusammen: »ein humorvolles Großstadtmärchen in Schwarzweiß über das Erwachsenwerden nach dem Erwachsenwerden«. Nur schade, dass das Ganze weder märchenhaft noch besonders humorvoll ausfällt. Außer wenn man sich bei Sätzen wie »You love your phone that has email more than you love me« schier vor Lachen in die Ecke schmeißen will. Das Schlimmste am Humoranteil des Films war, dass mir irgendwann aufgefallen ist, dass die rar gesäten witzigen Szenen jeweils durch »putzige« Musik getragen wurden. Nun mag die Subtilität bis kurz vor der Nichtexistenz für manchen bereits eine kunstvolle Errungenschaft sein, aber selbst dafür (und für das US-Independent-Kino) gab es auf der Berlinale sehr viel bessere Beispielfilme wie Computer Chess (bei dem das Schwarzweiß den Film immerhin unterstützte) oder I Used to be Darker.

Die beste Szene des Films (bei der auch die Subtilität und der Humor funktionierten) war für mich eine, bei der Frances bei einem Abendessen irgendeine Geschichte erzählt, während man die zutiefst gelangweilten Augen eines Zuhörers betrachtet. Was aber auch symptomatisch für den Film ist, bei dem Form und Inhalt immerhin zusammenpassen, denn die »verpassten Chancen«, die Frances jeweils erst zu spät als solche wahrnimmt, beschreiben auch das Plätschermäßige des Films. Es gibt ein paar Peinlichkeiten, eine kurze Rückkehr zu den Eltern (mit zwei Rolltreppeneinstellungen immerhin in einer schönen visuellen Klammer) und zum Schluss eine Aktion, die man nur als panisch beschreiben kann, wenn Frances eine kurzfristige Chance ergreift, nach Paris zu fliegen – dort aber das Leben mit eher noch größerer Geschwindigkeit an ihr vorbeiplätschert (der subtile Humor des Films erlebt hier seinen Höhepunkt: bei dem Wochenendtrip verplempert sie ihre Zeit u.a. damit, dass sie Puss in Boots in einem französischen Kino schaut). Es gelang mir nicht, das Humor- oder Filmkunst-Potential des Films als solches wertzuschätzen, und es fiel mir auch sehr schwer, mich mit den Problemen dieser Frau zu identifizieren, die 27 Jahre als »alt« auffasst – denn ich bin 45 und übergewichtig und habe niemanden, der für mich hinter der nächsten Wegesbiegung ein aufgesetztes Happy-End zusammenbastelt. Und ja, mir ist nicht entgangen, dass das Ende ziemlich ambivalent ausfiel. Wobei mir das Adjektiv »unausgegoren« einfach besser zu passen scheint.

Das einzige Buch von Benjamin Stuckrad-Barre, dass ich jemals gelesen habe (Soloalbum), beschreibt auf weitaus ärgerlicher Weise ein ähnliches »Problem«, und besonders übel stieß mir dabei auf, in welch arroganter Weise der Protagonist als Sprachrohr des Autors hier des Wesen einer Person mithilfe eines Anagramms zusammenfasst: »Anja« hat die selben Buchstaben wie »naja«. Mit dieser Herangehensweise könnte »Greta« »great« sein, aber sie braucht vielleicht noch etwas Zeit, um zur »Greatness« zu finden. Und Noah Baumbach, um dazu zurückzufinden …

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  Hyde Park am Hudson (Roger Michell)


Hyde Park am Hudson
(Roger Michell)

Originaltitel: Hyde Park on the Hudson, Großbritannien 2012, Buch: Richard Nelson, Kamera: Lol Crawley, Schnitt: Nicolas Gaster, Musik: Jeremy Sams, Kostüme: Dinah Collin, Ausstattung: Simon Bowles, mit Bill Murray (Franklin D. Roosevelt), Laura Linney (Daisy), Samuel West (Bertie), Olivia Williams (Eleanor), Olivia Colman (Elizabeth), Elizabeth Wilson (Mrs. Roosevelt), Martin McDougall (Tommy), Andrew Havill (Cameron), Eleanor Bron (Daisys Tante), 95 Min., Kinostart: 28. Februar 2013

Der in Südafrika geborene Brite Roger Michell hat bisher Jane Austen (Persuasion) und Ian McEwan (Enduring Love) verfilmt, sich bei einem Psychothriller (Changing Lanes) wie bei einer modernen Screwball Comedy (Morning Glory) bewährt, sein mit Abstand bekanntester Film bleibt aber eine der erfolgreichsten Romantic Comedys aller Zeiten, Notting Hill, ein Film, der ähnlich wie Hyde Park on the Hudson vom culture clash zwischen den Vereinigten Staaten (Julia Roberts) und Großbritannien (Hugh Grant) erzählte.

Doch was heutzutage angesichts fortschreitender Globalisierung keine große Schwierigkeit mehr darstellt, war kurz vor Ausbruch des zweiten Weltkriegs noch ein riesiger Abgrund, insbesondere wenn der US-Präsident auf die aberwitzige Idee kommt, das britische Königspaar zu »Hot Dogs« einzuladen.

Franklin D. Roosevelt wird hier dargestellt von Bill Murray. Normalerweise ein Vollblutschauspieler mit großartigem Comedy Timing. Apropos Timing: Leider erinnert Murrays Darstellung fast durchgehend an einen seiner besten Filme, der sich um eine eigentümliche Zeitreise drehte. Der Unterschied besteht darin, dass diesmal der Zuschauer sich in einer Zeitschlaufe zu befinden scheint. Und durchgehend grinst einen dabei Bill Murray mit einem Gesicht an, das nicht in geringem Maße an jenes Murmeltier aus Groundhog Day erinnert. Dabei könnte der Film einiges bieten: Roosevelt saß fast die Hälfte seines Lebens wegen einer Polio-Erkrankung im Rollstuhl oder konnte sich nur mithilfe von Beinschienen fortbewegen, er leidet unter seiner herrischen Mutter (Elizabeth Wilson), und seine First Lady (Olivia Williams) ist ein ziemliches Mannweib. Was ihn aber alles nicht von seiner politischen Karriere abhält oder davon, mit einer Cousine fünften oder sechsten Grades (Laura Linney) eine Affäre zu unterhalten. Und der Besuch von King George (Samuel West) und Queen Elizabeth (Olivia Colman) wirft weitere Schatten auf das Herrschaftshaus, die man sowohl dramatisch als auch komödiantisch ausnutzen könnte.

Im Grunde kombiniert der Film eine unterkühlt leidenschaftliche Liebesgeschichte vergangener Zeiten wie in The Remains of the Day mit dem Potential einer culture clash comedy, wie man sie erst letztes Jahr in Jayne Mansfield's Car miterleben durfte. Nur leider bleibt der Film von beiden erreichbaren Möglichkeiten weit entfernt. Weder schlägt man Kapital aus der Affäre, den kleinen Intrigen und unterschiedlichsten Motivationen der Figuren, noch kann der Streifen auch nur ansatzweise jenes Amüsement liefern, was man von einem Bill-Murray-Film – noch dazu mit diesem verheißungsvollen Sujet – erwarten würde.

Vielleicht liegt das am Respekt den historischen Persönlichkeiten gegenüber, doch es hätte ja nicht gleich ein Farrelly-Film mit Titel »Hand Jobs and Hot Dogs« draus werden müssen, einfach nur etwas mehr Mut, Spielfreude, Herzblut … irgendwas. Ähnlich wie Night Train to Lisbon wirkt dieser Film wie für ein Rentnerpublikum in den 1970ern geschaffen, wenn es dann mal die berüchtigte »Erleichterung« für den Präsidenten gibt (ich musste mehrfach an Mr. Clinton denken) oder es zur weltpolitisch hochbrisanten Szene mit dem Hot Dog kommt, wirkt das fast eine Spur anachronistisch. Oder, besser formuliert: nicht zum Rest des Films passend.

FDR: »Your Majesty, would you like a hot dog? Would you like mustard?«
Bertie: »I'll take everything you would like me to take.«

Hört sich ja immerhin nach einem Happy End an. Wer wissen will, ob dies kulinarisch, politisch oder doch ein bisschen sexuell ausfällt, muss halt den Film schauen. Aber ich persönlich empfehle mal eine Bill-Murray-Pause. Auch schon auf den nächsten Film bezogen, der bald mit ihm in Deutschland anläuft.

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The Look of Love
(Michael Witterbottom, Berlinale Special)

  The Look of Love


Großbritannien 2012, Buch: Matt Greenhalgh, Kamera: Hubert Taczanowski, James Clarke, Schnitt: Mags Arnold, Musik: Anthoy Glenn, Martin Slattery, Kostüme: Stephanie Collie, Production Design: Jacqueline Abrahams, Art Direction: Carly Reddin, mit Steve Coogan (Paul Raymond), Tamsin Egerton (Fiona / Amber), Imogen Poots (Debbie), Anna Friel (Jean), James Lance (Carl Snitcher), Chris Addison (Tony Power), Matthew Beard (Howard), Simon Bird (Jonathan Hodge), Kieran O'Brien (Jimmy Humphries), Shirley Henderson (Rusty Humphries), David Walliams (Hochwürden Edwyn Young), Stephen Fry (Barrister), 99 Min.

Michael Winterbottom ist so ein Regisseur wie Steven Soderbergh, dessen Filmographie eng mit der Berlinale verwoben ist. Meinen ersten Winterbottom-Film sah ich 1995 auf meiner ersten etwas intensiver erfahrenen Berlinale (Tom DiCillo und Frank Darabont beim Q&A erlebt), wo Butterfly Kiss im Wettbewerb lief, ein sehr umstrittener Film, der es aber damals in meine Jahres-Top-10 schaffte. Und natürlich hatte ich seitdem ein Auge auf Winterbottom, dessen Stadtporträt Wonderland und Thomas-Hardy-Adaption The Claim ganz großartige Filme sind. Spätestens bei seinem letzten Berlinale-Wettbewerbsbeitrag The Killer Inside Me (den ich wegen Desinteresse frühzeitig verließ) kehrte ich Winterbottom aber den Rücken.

The Look of Love kann man ebenso wie die Hardy-Adaptionen und Stadtporträts in eine Reihe innerhalb Winterbottoms Filme stellen. The Trip mal außen vor, sind drei von vier Zusammenarbeiten zwischen Winterbottom und Steve Coogan jeweils Biopics mit Humoranteil. 24 Hour Party People porträtiert den Musikproduzenten Tony Wilson und A Cock and Bull Story die literarische Figur Tristram Shandy (die sich wie im legendären Roman von Laurence Sterne der eigentlichen Biografie entzieht, was Winterbottom sehr schön mit eigenen, filmischen Mitteln umsetzt). In The Look of Love geht es nun um den »Gastronomen« und »Verleger« Paul Raymond, der mit unzähligen Nightclubs Mitte der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts zum »King of Soho« aufstieg, während er, auch mithilfe des zunehmend pornografischen Magazins »For Men«, sein Vermögen auf 650 Millionen britische Pfund hochschraubte. Eine Art britischer Hugh Hefner, mit größtenteils goldenem Händchen. Und vielleicht einen Hauch schmieriger.

Das Herzstück des Films ist die Beziehung Raymonds zu seiner Tochter Debbie (Imogen Poots), die sich als Sängerin und Tänzerin von seinem trotz schier unbegrenzter finanzieller Möglichkeiten nicht immer positiven Einfluss distanzieren möchte und allein aufgrund ihrer Fähigkeiten (und ohne Nacktauftritte) berühmt werden möchte. Zu Beginn und Ende des Films gibt es zwei Passagen mit Limousinenfahrten, die zeigen, wie Raymond jeweils anhand einer Immobilienvorführung um Anerkennung und Liebe eines kleinen Mädchen buhlt, wobei der Film sein Scheitern mit dem Fazit der Enkelin »I want my mummy« unmissverständlich herüberbringt.

Das erste Viertel oder vielleicht sogar Drittel des Films ist noch ganz unterhaltsam und schildert den frühen Aufstieg des »Visionärs« Raymond, der sich gegen Sauertöpfigkeit und Skandale durchsetzen muss, aber schnell seine lukrative Nische im Geschäft mit dem Fleisch findet. Ein Höhepunkt an Absurdität ist dabei eine schludrig inszenierte Boulevard-Komödie, drapiert um einige Nackedeis, die sich in einem für das Publikum durchsichtigen Wasserbecken zur Schau stellen. Die Presse verreißt das Stück (»the worst play of the last 25 years [...] arbitrary display of naked flesh«) und mit diesen Zitaten auf dem Plakat wird es ein riesiger Erfolg. Geschichten über dressierte Delphine, die bei jungen Damen die Badebekleidung entfernen, oder über Photostrecken im Magazin, die man nicht machen könne, weil man »nicht in Deutschland« sei (wo die Gesetzgebung wohl zu irgendeinem Zeitpunkt laxer gewesen sein muss), sind hierbei noch recht amüsant, doch schnell wird der Film zum langgezogenen Herrenwitz mit Kalauern wie »nice jugs« (kongenial untertitelt mit »die Krüge sind hübsch« – denn es geht tatsächlich um Wassergefäße)

Immer stärker geht es dann darum (ohne eine komplette Tonänderung wie bei Lovelace), dass etwa Raymonds Partnerschaften scheitern, weil er »auch nur ein Mann« ist und sich den Avancen der vielen halbseidenen gerade mal volljährigen »Hoffnungsträgerinnen« (die oft sonst eher wenig tragen) nicht erwehren kann. Auch sein gestörtes Verhältnis zu mehreren seinen Kindern wird gezeigt (was mich ein wenig an die Rolf-Eden-Doku vom letzten Jahr erinnerte). Und spätestens in der zweiten Hälfte wird dann die mit eher rudimentärem Talent ausgestattete Debbie zum zweiten Mittelpunkt des Films, wobei sich die väterliche Fürsorge oft darin erschöpft, dass Paul ihr einen »Aufpasser« zur Seite stellt, der beispielsweise dafür sorgt, dass sie keine billigen (und potentiell gestreckten) Drogen zu sich nimmt, sondern den teuren »guten« Stoff. Was eine gewisse Entwicklung des Films quasi schon vorwegnimmt.

Was ich dem Film besonders übel nehme (abgesehen von seinem besonderen Talent, selbst fortgesetzten Fleischbeschau irgendwann zur Langeweile verkommen zu lassen), ist die Schlusssequenz, wo Imogen Poots als Debbie den Titelsong »The Look of Love« (nicht von ABC, sondern den 1967er-Klassiker von Burt Bacharach, u.a. durch Herb Alpert und Dusty Springfield bekannt), wobei sie nicht nur die Zeile »Don't ever go – I love you so«, sondern den kompletten Song, in Scheibchen geschnitten durch eine Montagesequenz in herzzerreißender und sehr emotionaler Bravour zum Besten gibt. Der Film dabei aber offenbar vergisst, dass wir den exakt selben Auftritt (nur ein anderes Lied) bereits zuvor gesehen haben – und dort gibt sich Fräulein Poots reichlich Mühe, die Talentlosigkeit Debbies vorzuführen, unterstützt durch Gegenschüsse ins gelangweilte Publikum. Ich verstehe ja die Aussage der Szene, die Diskrepanz der väterlichen Erinnerung zur Realität, aber auf diese Weise habe ich das Gefühl, dass Winterbottom sein Publikum nicht ernst nimmt. Und das ist noch nett formuliert. Der Niedergang dieses Regisseurs wird fortgesetzt, und ich muss zugeben, dass langweilig noch schlimmer als ärgerlich ist.

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Night Train to Lisbon
(Bille August)

  Night Train to Lisbon (Bille August)


Dt. Titel: Nachtzug nach Lissabon, Deutschland / Schweiz / Portugal 2013, Buch: Greg Latter, Ulrich Hermann, Lit. Vorlage: Pascal Mercier, Kamera: Filip Zumbruch, Schnitt: Hansjörg Weißbrich, Musik: Annette Focks, mit Jeremy Irons (Raymund Gregorius), Mélanie Laurent (Estefania, jung), Jack Huston (Amadeu de Prada), Martina Gedeck (Mariana), Tom Courtenay (Joao Eca, älter), August Diehl (Jorge O'Kelly, jung), Bruno Ganz (Jorge O'Kelly, alt), Lena Olin (Estefania, älter), Marco D'Almeida (Joao Eca, jung), Beatriz Batarda (Adriana, jung), Christopher Lee (Vater Bartolomeu), Charlotte Rampling (Adriana, älter), Dominique Davenport (Nicole), 110 Min., Kinostart: 7. März 2013

Der Beginn dieses Film nahm mich sehr gefangen. Die Eingangsszene, in der der reichlich piefige Gregorius (Jeremy Irons) eine potentielle Selbstmörderin von einer Berner Brücke rettet, war ein guter Einstieg, aber noch besser gefiel mir, wie seine Schüler darauf reagieren, wie der sonst so langweilige Lateinlehrer eine durchnässte junge Frau mit zum Unterricht bringt. Die folgende Exkursion in meine Schulzeit ist hochgradig unprofessionell, aber Jeremy Irons hat mit der Unprofessionalität angefangen, ich lasse mich also nur leiten vom Film. Ich hatte auch mal einen Lateinlehrer, der noch weitaus weltfremder war als »Gregorius« (sein Vorname war ähnlich altertümlich und komplett daneben). Dieser Lateinlehrer ließ sich in der achten Klasse – zumindest machte es auf uns unreife Bande den Anschein – ein wenig ääh »beeinflussen« durch eine Schülerin, die in der ersten Reihe saß und der wir unterstellten, dass sie absichtlich auch mal geringfügig tiefere Ausschnitte spazierenführte, um davon zu profitieren, was wir in unserer mittelalterlich unreifen sexistischen Weise den »Busen-Bonus« nannten. Die Schülerin war – abgesehen von ihren Lateinkenntnissen – mitunter recht clever, und wusste zum Beispiel, dass man nach eine passablen ersten Klausur bei der zweiten Klausur des Halbjahrs manchmal gut beraten ist, termingerecht zu erkranken. Und eine der großen Legenden unserer Schulzeit war dann der Nachschreibetermin, den sie ganz allein wahrnehmen »durfte«, wobei es im zu übersetzenden Text um die Legende der vestalischen Jungfrau Rea Silvia ging, die eine seltsame Begegnung mit dem Kriegsgott Mars hatte. Einer der zu übersetzenden Sätze sollte angeblich lauten: »Und dann befahl er ihr, die Kleider abzulegen.« Die meisten Leser werden sich fragen, was das alles mit dem Film zu tun hat. Nun hat Jeremy Irons einst den Humbert Humbert in Adrian Lynes überflüssiger Lolita-Version gespielt, und zu Beginn des Films gibt es da ja nicht nur die junge Selbstmörderin, die Irons aus dem Konzept bringt. Nein, unter seinen Schülerinnen gibt es auch eine, bei der ich mir einbildete, dass sie aufgrund einiger Blickwechsel im folgenden Film noch eine größere Rolle spielen könnte. Diese sitzt ziemlich weit vorne im Klassenzimmer und bekommt die Aufgabe, eine Übersetzung zu liefern. Als sie dabei etwas ins Straucheln kommt, steigt Gregorius etwas selbstvergessen in den Text ein, bevor er sich unvermittelt aus dem Klassenzimmer entfernt. Das Satzfragment der Übersetzung, das er seiner Klasse als letztes zukommen lässt, lautet »intercourse with the divine«. Da kann es schon mal passieren, dass die rein zufälligen Ähnlichkeiten einen ein wenig aus dem Fahrwasser bringen.

Der eigentliche Film entwickelt sich dann ganz anders weiter. Das Lateinlehrer hat nach der anfänglichen Szene kein weitergehendes Interesse an der Selbstmordkandidatin, findet aber stattdessen in der Tasche ihres vergessenen Mantels ein kleines Buch mit portugiesischem Text (neben Latein und Altpersisch eine der etwas ausgefalleneren Sprachen, die Gregorius beherrscht). Nebenbei erfahren wir, dass die Selbstmörderin (die aus Portugal stammt) dieses Buch mit Winzauflage in einem Berner Antiquariat fand (die sind offenbar hervorragend sortiert), und das ihr Selbstmordversuch irgend etwas mit der Lektüre zu tun haben scheint, auch wenn der Text eher ins Lyrisch-Esoterische abdriftet. Quasi als Lesezeichen findet Gregorius im Buch ferner ein Bahnticket nach Lissabon, und weil ihn die Geschichte irgendwie fasziniert, nimmt er das Ticket wahr und die eigentliche Geschichte beginnt.

Bis zu diesem Zeitpunkt fand ich am Film (bzw. der Buchvorlage, eines Bestsellers des Schweizers Pascal Marcier) ziemlich interessant, dass man bereits in zwei Büchern (den Lateintext nicht aus den Augen verlieren) hineingeschnuppert hat, womöglich lag es daran, dass ich wenige Tage zuvor Tykwers Cloud Atlas nachgeholt hatte, aber dieses Spiel mit verschiedenen Texten erschien mir sehr literarisch und hochinteressant. Nur schade, dass im weiteren Verlauf des Films kein weiterer Text (außer vielleicht einer telefonbuchähnlichen Gedächtnisübung) eine Rolle spielt.

Stattdessen folgt der Film Gregorius' Recherchen im heutigen Lissabon, bei denen man nur hoffen kann, dass die Informationsvergabe im Buch weitaus filigraner vonstatten ging, denn im Film läuft das ungefähr so: Gregorius trifft jemanden, der etwas mit dem Buch und seinem Autoren zu tun hat. Widerwillig erzählt die Person etwas über den Hintergrund des Buches, das während der Revolution in den 1970ern entstand. Und verweist dann auf eine weitere Person, die auch lieber gar nicht darüber sprechen will. Die jeweiligen Erzählungen der Zeitzeugen werden dann immer mit Flashbacks illustriert, die etwa die Hälfte des Films einnehmen. Dabei geht es um Liebe, Eifersucht, Verrat, Folter usw. Aber immer häppchenweise, einige Szenen sieht man dreimal, jeweils angereichert durch weitere Äußerungen von Zeitzeuge C, D oder E. Das könnte narrativ hochinteressant sein, wie in den 1980ern dieser Werbefilm der britischen Zeitung »The Guardian«, wo ein Skinhead einen Anzugträger angreift, ehe man durch unterschiedliche Perspektiven mehr erfährt*. Doch weder die gestückelte Erzähltaktik noch das, worüber der Film erzählt, ist besonders spannend. Was auch meine Reminiszenzen über meinen Lateinlehrer begründet. Die letzte Szene des Films, die sozusagen darüber entscheidet, ob man als Lateinlehrer Zeit seines Lebens langweilig bleiben muss, ist übrigens noch ganz hübsch geraten (relativ gesehen). Aber nur dafür möchte ich auch keine anderthalb Stunden diesem Film beiwohnen, für den ich wahrscheinlich 20 Jahre älter und eine ganze Ecke langweiliger sein müsste, um ihn gut zu finden.


* Den naheliegenden Vergleich mit
Kurosawa hat der Film nicht verdient.


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  Klein-Lulu (Seymour Kneitel, Izzy Sparber, DVD bei Universum)


Klein-Lulu
(Seymour Kneitel, Izzy Sparber)

USA 1944-48, Comic-Vorlage: Marge, DVD bei Universum, 165 Min., Erscheinungsdatum: 22. Februar 2013

Zu Rezensionszwecken bereitgestellt wurde hier nur die erste von zwei DVDs dieses vermeintlichen Animations-Klassikers, mit 13 der laut imdb 25 Folgen (augf den beiden DVDs sollen es 26 sein) der Zeichentrickadaption eines hierzulande nicht sehr bekannten Comic-Strips. Der Comic hat es in den USA Mitte der 1980er immerhin zu einer Gesamtausgabe im Schuber gebracht hat, die sehr der ursprünglichen Carl Barks Library von Another Rainbow gleicht. Meiner unmaßgeblichen Meinung nach sind aber weder die Comics Meilensteine der siebten Kunst noch die Zeichentrickfilme ihrer Zeit in irgendeiner Weise voraus. In den Jahren 1944 bis 48 (aus denen die Filme stammen) hatten die US-amerikanischen Cartoons ja offensichtlich ihr »Golden Age«, und davon ist Little Lulu dann doch ziemlich weit entfernt.

Ein Problem ist es, dass die Hauptfigur relativ eigenschaftslos bleibt. Immer bereit, ein bisschen dummes Zeug zu machen, aber dabei herzensrein – und gleichzeitig aufgrund des Status als Kind etwas eingeschränkt in den (auch narrativen) Möglichkeiten. Bei den gesichteten Episoden (die übrigens ohne erkennbare Ordnung auf die zwei DVDs verteilt wurden – mein Verdacht ist, dass auf der Rezensions-DVD eher der gelungeneren Folgen versammelt sind) kompensiert man das hin und wieder durch einen Hund, Freund oder Frosch an Lulus Seite, wirklich auffällig ist aber, wie oft man oft in Traumsequenzen in Fantasiewelten abdriftet, die aber weder visuell noch anderswie aus heutiger Sicht besonders spannend erscheinen. Aus film- (bzw. fernseh-) historischer Perspektive ist es ganz kurios, dass die Filme unterschiedlich deutlich ihre Entstehungszeit reflektieren (etwa durch gezeichnete Gastauftritte damaliger Stars wie der Marx Brothers), die deutsche Synchronfassung hingegen offenbar aus den 1970ern oder 80ern stammt. Mit komplett anderer Musik, die mich sehr an damalige Fernsehformate wie Väter der Klamotte erinnerten. Und einer zahnschmerzerzeugenden zuckersüßen Stimme für Lulu, die ich auch irgendwie in dieser Zeit (meine Jugend, nicht die meiner Großeltern) verorte. Meistens werden die Filme, die schon im Original keine Meisterwerke sind, in der Synchro zwar kindertauglicher, aber noch uninteressanter, manchmal werden auch einige Gags (ich habe jetzt nicht alles zweimal geschaut) aus unerfindlichen Gründen einfach »verschenkt«. In Bored of Education (dt. Titel: Schulstreiche) antwortet Lulu etwa auf die Frage des Lehrers, wann Benjamin Franklin gestorben sei: »Ach was, der ist gestorben? Ich hab' gar nicht gewusst, dass der schon gestorben ist ...«. Im Original heißt es: »Gee ... did he die? I didn't even know he was sick ...«, ein naheliegender und natürlich nicht unbedingt taufrischer Scherz, aber warum man das in der Synchro so verschlimmbessert hat, leuchtet nicht wirklich ein. Fand man es vielleicht unangemessen, in einer Kindersendung den Tod einer historischen Figur für eine Pointe zu missbrauchen? Dann lieber den Witz selbst umbringen.

Die Episode, die mir am liebsten gefallen hat, war I'm just curious (dt. Titel: Neugierige Lulu), in der Lulu ein kleines Liedchen trällert, in der sie vergangene Streiche (größtenteils in Einzelbildern wiedergegeben) aus ihrer eigenen Sicht beschreibt. Hier wird die Musikbearbeitung der deutschen Fassung schon eine ziemliche Tortur …

Das einzige Zielpublikum, das mir für diese DVDs einfällt, sind Leute, die diese Episoden womöglich tatsächlich seinerzeit im Fernsehen sahen und darob von Nostalgie erfüllt sind. Weder als Kinderbelustigung noch als Anschauungsmaterial für Zeichentrickenthusiasten erscheinen sie mir empfehlenswert, auch, weil in den meisten Fällen sogar die Titelvorspänne fehlen und es nur eine nachträglich erstellte Kurzintro gibt, auf der ziemlich lieblos jeweils der deutsche Titel eingeblendet wird.

Ich hatte mir durchaus etwas von dieser DVD erhofft, aber da gibt es Stunden, Tage und Wochen von interessanteren Zeichentrickfilmen – auch aus und sogar vor jener Zeit.

Demnächst in Cinemania 96:
Charlies Welt – Wirklich nichts ist wirklich (Roman Coppola), Georg Baselitz (Evelyn Schels), Heute bin ich blond (Marc Rothemund), Rendezvous in Belgrad (Bojan Vuletic).