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14. Januar 2010
Kirsten Reimers
für satt.org

Mordsmäßig42

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Bettnässen, Pyromanie, Tierquälerei

Dan Wells: Ich bin kein Serienkiller

Seltsame Morde geschehen in Clayton, einer Kleinstadt im Mittleren Westen der USA: Die Leichen sind geradezu zerfetzt, neben ihnen findet sich eine teerartige Substanz, und ein Motiv für die Tat ist sich nicht ersichtlich. Dafür fehlt stets ein Organ oder ein Körperteil. Der fünfzehnjährige John vermutet dahinter einen Serienmörder. Und John muss es wissen: Er ist geradezu besessen von diesem Thema, hält er sich doch selbst für einen angehenden Serienkiller. Als Beleg dient ihm unter anderem Macdonalds Triade, die vollständig auf ihn zutrifft: Bettnässen, Pyromanie und Tierquälerei. Sein Psychotherapeut versucht vergeblich, ihn vom Gegenteil zu überzeugen.

»Fünfundneunzig Prozent der Serienmörder machen ins Bett, legen Feuer und quälen Tiere, aber das heißt nicht, dass fünfundneunzig Prozent aller Kinder, die dies tun, zwangsläufig Serienmörder werden. Du hast immer die Möglichkeit, dein Schicksal frei zu wählen, und du bist derjenige, der entscheidet. Niemand sonst. Die Tatsache, dass du dir Regeln aufgestellt hast und sie gewissenhaft verfolgst, sagt viel über dich und deinen Charakter aus. Du bist ein guter Mensch, John.«
»Ich bin ein guter Mensch, weil ich weiß, wie gute Menschen sich verhalten, und weil ich sie kopiere«, antwortete ich.

Schließlich gibt es noch weitere Hinweise, auf die John seine Selbstdiagnose stützt: Sein voller Name lautet zum Beispiel John Wayne Cleaver – als Namenspaten sieht der Jugendliche den Serienmörder John Wayne Gacy; jeden Einwand, dass sein Vater ein großer Filmfan ist und eher den Schauspieler im Sinn hatte, wischt John ungeduldig zur Seite – schließlich heißt sein Vater Sam mit Vornamen, wodurch John zum »Son of Sam« wird, wie der Serienkiller, der in den späten sechziger Jahren New York verunsicherte. Und zudem lautet sein Nachname Cleaver und bedeutet also Hackmesser. »Wie viele Menschen kennen Sie, die nach zwei Serienmördern und einer Mordwaffe benannt sind?«, hält er seinem Therapeuten entgegen.

Die blutigen Morde faszinieren den Jungen, denn vielleicht ist da eine verwandte Seele am Werk, zu der er Kontakt aufnehmen kann. Bald schon ist es ihm tatsächlich möglich, die Identität des Täters festzumachen – doch es handelt sich nicht um den vermuteten Serienmörder, sondern um einen Dämon. John wird klar, dass nur er in der Lage ist, den Täter zu stoppen: Wer sonst käme auf die Idee, hier sei etwas Übernatürliches im Spiel, und wer würde schon einem Fünfzehnjährige glauben, der sowieso als sonderbarer Einzelgänger gilt? Doch um sich dem Dämon entgegenzustellen, muss John das Monster, dass er in sich trägt und das er bislang mit ausgeklügelten und strengen Regeln im Zaum hält, von der Leine lassen.

Serienmörder gegen Dämon. Das klingt wie King Kong gegen Godzilla. Ist aber nicht ganz so trashig. Trotz der Reichweite ins Übernatürliche bleibt der Roman weitgehend im Realen angesiedelt. Und so richtig unheimlich wird es auch nicht – was unter anderem an dem eigentlich recht sympathischen Dämon liegt. Allerdings wird nicht ganz klar, warum John unbedingt ein Serienmörder sein muss, um den Dämon zu stellen.

Johns Probleme mit sich selbst wirken zunächst wie der symbolhafte Kampf mit den Veränderungen, die die Pubertät mit sich bringt. Im Laufe der Zeit häufen sich aber durchaus Verhaltensweisen, die nahe legen, dass John nicht ganz so ist wie andere Kinder. Zum Beispiel kann er keine tieferen Gefühle empfinden und sieht in der Nachbarstochter Brooke, für die er auf seine sehr eigene Weise schwärmt, eher ein Ding denn einen Menschen. Ganz anders dagegen der Dämon, der in seiner Menschlichkeit und seiner tiefen Empfindungsfähigkeit sehr warmherzig wirkt.

Der Junge, der gern töten würde, es aber nicht darf, um in der Gemeinschaft weiterleben zu können – und der Dämon, der nicht töten will, es aber muss, um in der Gemeinschaft zu überleben. Das ist ganz ansprechend aus der Perspektive des Jugendlichen erzählt – allerdings mit den Worten eines Erwachsenen. So entsteht eine ironische Distanz, die den Jungen als sehr viel reflektierter und rationaler erscheinen lässt als seine erwachsene Umwelt.

Manches erinnert durchaus an Jeff Lindsays Dexter-Morgan-Thriller, doch steht im Mittelpunkt des Thrillers nicht Johns Auseinandersetzung mit seiner Berufung, sondern mindestens genauso viel Raum und Aufmerksamkeit nimmt die Dämonenhatz ein. Darum führen Titel und Umschlagtexte des Buches auf eine falsche Spur – und dies bereits im Original: »I Am Not a Serial Killer« heißt es dort. Ebenso weckt die auffällig aufwändige Ausstattung unerfüllte Erwartungen: Cover im Prägedruck, dickes Volumenpapier und unregelmäßiger Beschnitt (na ja: regelmäßig unregelmäßig, da maschinell erstellt) versuchen, dem Paperback Bedeutsamkeit und Geheimnisvolles zu schenken, vielleicht soll es gar tagebuchig wirken. Aber nichts davon wird eingelöst. So entsprechen sich am Ende eher unfreiwillig Form und Inhalt: entschieden in der Unentschiedenheit. Denn auch die Geschichte tappt unschlüssig zwischen den drei Eckpunkten Horror-, Serienmörder- und Entwicklungsroman hin und her und kann im Ganzen einfach nicht überzeugen.



Dan Wells: Ich bin kein Serienkiller
Aus dem Amerikanischen von Jürgen Langowski
Piper 2009, kart., 378 Seiten, 12,95 Euro
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