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Sofie Lichtenstein: Bügeln. Protokolle über geschlechtliche Handlungen




2. Mai 2010
Kirsten Reimers
für satt.org

Mordsmäßig47

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Spurensuche innen und außen

Catherine O’Flynn: Was mit Kate geschah

Kate ist elf, als sie die Detektei Falcon-Ermittlungen gründet. Das ist im Jahr 1984. Ihr einziger Mitarbeiter ist Mickey Monkey, ein Stoffaffe, den sie zu ihrem Detektivpartner ausbildet. Besonders gut geeignet ist Mickey für Observierungen.

Er war klein genug, um trotz seines exotischen Outfits nicht aufzufallen. (...) Er trug einen Nadelstreifen-Gangsteranzug mit Gamaschen. Die Gamaschen verdarben zwar den Sam-Spade-Effekt etwas, aber Kate mochte sie trotzdem.

Wichtigste Grundlage für ihre Arbeit ist das Buch »Wie werde ich Detektiv«, dass ihr ihr Vater kurz vor seinem plötzlichen Tod schenkte. Mit ihm verband Kate die Leidenschaft für Krimis und Detektivspiele. Die Mutter hat die Kleinfamilie schon vor Jahren verlassen. Nun wächst Kate bei ihrer Großmutter auf, die sich nur wenig für das Kind interessiert. So hat Kate – unauffällig und höflich, in der Schule fleißig und zurückhaltend – den Freiraum, den sie braucht, um ihren Ermittlungen nachzugehen. Das tut sie mit großer Ernsthaftigkeit.

Kate notierte in ihrem Büchlein: »Gurken/Cornichons – nicht dasselbe: Unterschied recherchieren.« Sie hatte keine Lust, auf einer USA-Mission wegen eines so blöden Fehlers aufzufliegen.

Ihr wichtigster Tätigkeitsbereich ist das neueröffnete Einkaufszentrum Green Oaks. Andere Kinder dürfen nur mit ihren Eltern herkommen, doch Kate nimmt sich die Freiheit, es allein zu erkunden. Hier streift sie durch die Geschäfte, informiert sich über notwendige Ausrüstungsgegenstände (Walkie-Talkies, Stempelkissen für Fingerabdrücke und Ähnliches) und observiert Menschen, die ihr verdächtig erscheinen. Denn Kate ist sich sicher: Eines Tages wird hier ein Verbrechen geschehen – ein großes. Dafür will sie gerüstet sein.

Donnerstag, 26. April
Heute gesehen, wie sich großer Mann mit weißer Hautfarbe in Tropenpflanzenrondell in der Mitte des Hauptatriums versteckte. Schien mit einem Blatt zu reden. Kein kriminelles Motiv erkennbar, also gingen Mickey und ich schnell weiter.
Freitag, 27. April
Während Bankenobservierung plötzlich gesehen, wie einzelner Mann an mir vorbei und durch die Tür von Barclays ging. Hielt es eindeutig für einen Überfall. Folgte ihm mit meiner Kamera, aber er brüllte nur den Bankangestellten wegen irgendwelcher Bankgebühren an. Er benutzte eine Menge vulgärer Wörter, war aber unbewaffnet und plante offenbar keinen Bankraub. Trotzdem eine gute Übung – er hat uns kalt erwischt.

Doch eines Tages verschwindet Kate spurlos.

Im Jahr 2003 entdeckt Kurt, Wachmann in der Shoppingmall Green Oaks, eines Nachts ein kleines Mädchen mit einem Stoffaffen und einem Notizbuch auf einem seiner Überwachungsmonitore. Doch er scheint der Einzige zu sein, der das Mädchen sehen kann. Gemeinsam mit Lisa, Managerin vom Dienst im CD-Laden der Mall, macht er sich auf die Suche nach dem Mädchen, denn Lisa hat einen verstaubten Stoffaffen mit weißen Gamaschen in einem der Versorgungsgänge entdeckt.

Die Suche nach dem Mädchen bringt Lisa und Kurt aber nicht nur einander näher, sondern lässt auch ihre Lebenslügen offenkundig werden. Und nicht nur ihre. Denn das Shoppingcenter Green Oaks wird in Catherine O’Flynns Debütroman zum Knotenpunkt zahlreicher Lebensläufe und Gesellschaftsentwicklungen. Hier treffen sie aufeinander, die Armen, die in den Mülltonnen nach Essbaren wühlen, die Klebstoffschnüffler, die auf dem Dach des Centers nicht mit ihrem Leben zurechtkommen, die konsumierfreudigen Angehörigen der unteren Mittelschicht, die wie gierige Zombies durch die Gänge wanken, die Besessenen, die in Green Oaks einen Lebenssinn finden, die Angestellten, die von diesem riesigen Gebäudekomplex regelrecht verschlungen werden. In kurzen Exkursen kommen sie zu Wort.

Im Zentrum aber stets: Green Oaks. Dieser Koloss von einem Einkaufszentrum mit seiner Ober- und Unterwelt. Während die Ladenpassagen glitzern und leuchten, freundliche Entspannungsoasen die Kunden einladen, sich niederzulassen, sind die Angestellten dazu verdammt, hinter den Kulissen durch graue, fensterlose Versorgungsgänge zu hasten, sich in winzige Teeküchen zu quetschen oder ihre Toiletten mit Kartons zu teilen. Zahllose Überwachungskameras beobachten sie dabei. Die Mall scheint lebendig zu sein, zu atmen, zu lauern.

Es war etwa 23 Uhr, als Kurt plötzlich mitten auf seinem Rundgang stehen blieb und den Atem anhielt. Er spannte die Gesichtsmuskeln an und horchte. Er versuchte, durch das leise Surren der Neonröhren und das noch leisere Schwirren der Lüftungsventilatoren hindurchzuhorchen, aber da war nichts. Er war ganz in Gedanken gewesen und konnte nicht sagen, wie lange er schon gespürt hatte, dass da jemand war.

Green Oaks fängt die Menschen ein und lässt sie nicht los. Die kleinen Läden in der Hauptstraße verlieren ihre Kunden, die Innenstadt verödet und wird gefährlich für wehrlose oder ältere Passanten. Kurts Mutter muss das schmerzhaft erfahren. Die gesellschaftliche Schere wird größer, das soziale Klima kälter. Wer überleben will, passt sich an in Green Oaks, schuftet stundenlang, um sich eine Wohnung leisten zu können, in der er sich kaum aufhält.

Bei allem Sozialbezug: Nie hebt Catherine O’Flynn anklagend oder gar besserwisserisch den Zeigefinger: Sie beobachtet scharf und klug und lässt das Erkannte leichtfüßig und unaufgeregt in ihre Geschichte einfließen. Witzig und elegant erzählt sie anrührend – ohne je sentimental zu werden – die Geschichte von Kate, die mit ihrem Leben und über ihr Verschwinden hinaus viele Menschen berührt und verändert. So gelingt es O’Flynn, Kriminalgeschichte, Gesellschaftsporträt und Gespenstererzählung zu einem einfühlsamen und intelligenten Entwicklungsroman zusammenzuführen.


Catherine O’Flynn:
Was mit Kate geschah

Aus dem Englischen von
Cornelia Holfelder-von der Tann
Atrium 2009
geb., 270 S., € 19,90
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