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Sofie Lichtenstein: Bügeln. Protokolle über geschlechtliche Handlungen





28. Dezember 2008






italo.log
Die wöchentliche
Gedichtanthologie
aus Italien.

Herausgegeben
von Roberto Galaverni
und Theresia Prammer.
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109: Andrea Temporelli
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106: Vivian Lamarque
105: Giancarlo Majorino
104: Toti Scialoja
103: Emilio Rentocchini
102: Eugenio Montale (4)
101: Maria Luisa Spaziani
100: Ignazio Buttita
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097: Nino Pedretti
096: Marco Giovenale
095: Valentino Zeichen
094: Elio Pagliarani
093: Bartolo Cattafi
092: Luciano Cecchinel
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45:
Dario Bellezza


An die Bettstatt der gemeinsam hingebrachten Tage
heftet sich voll Unrast die Erinnerung: glücklicher
Ausgang unfreiwilliger Gedankensprünge
bis zur Erschöpfung im Bett ausgebrütet,
und dann auf das Papier gebreitet.

So brüte ich, nun immer mehr gesundet
von den Toden, die dich bedrohen, von den Kreuzen,
die dich kreuzigen, an meinen wehrlosen Ungewißheiten,
die deine Welt ausmalen in ihrer
nächtlichen Ruhestellung.

Ich reife die Schrift aus, den Stil, den Keulen-
schlag gegen die Wahrheit. Langsamer Einbruch
des Paradieses in dein Grabmal, wo sie sich
herumtreiben die Monster meiner Andersheit:
ohnmächtige Gegnerin meiner Gewöhnlichkeit.

(übertragen von Theresia Prammer)


Al capezzale dei giorni insieme vissuti
la memoria frenetica s’attacca: lieto
fine delle associazioni involontarie
e covate fino allo spasimo nel letto,
prima di depositarle sulla carta.

Così covo, sempre più sano ormai
dalle morti che ti minacciamo, dalle croci
che ti crocifiggono, le mie inermi incertezze
che fingono il tuo mondo giacere
nella notte.

Maturo la scrittura, lo stile, il colpo
di mazza alla verità. Lenta invasione
del Paradiso nel tuo sepolcro dove
s’aggirano i mostri della mia diversità:
avversaria impotente della mia banalità.

(Aus: Invettive e licenze 1971)


Dario Bellezza
Foto © Giovanni Giovannetti/effigie

Dario Bellezza (Rom, 1944-1996) gehört zu den meistgewürdigten italienischen Dichtern der Generation nach '68. Sein erstes Buch, Invettive e licenze (Mailand, 1971), erschien mit einem enthusiastischen Begleittext von Pier Paolo Pasolini, der für die spätere Resonanz die Richtung vorgab. In der Folge publizierte Bellezza die Gedichtbände: Morte segreta (Mailand, 1976), Libro d'amore (Mailand, 1982), Serpenta (Mailand, 1987), Libro di poesia (Mailand, 1990), L'avversario (Mailand, 1994) und Proclama sul fascino (Mailand, 1996). Der Band Poesie 1971-1996, 2002 in Mailand erschienen, umfaßt Bellezzas gesamte dichterische Produktion. Dario Bellezza war auch als Romanautor tätig (z.B. Lettere da Sodoma, Mailand, 1972; Turbamento, Mailand, 1984) und ist Verfasser des biographischen Essays Morte di Pasolini (Mailand, 1981).


Pier Paolo Pasolini über Dario Bellezza:

Da haben wir ihn, den besten Dichter der neuen Generation. (Mittlerweile ist es mir allerdings ziemlich gleichgültig, ob es eine neue Generation gibt; abgesehen davon, daß ich mich einer solchen Kategorie, die mir rhetorisch und zweitrangig erscheint, nie bedient habe.) Aber Dario Bellezza wird, und wohl zurecht, an seiner Jugend gelegen sein. Warum sie ihm also nicht zuerkennen? (...) Wo kommt Dario Bellezza her? Aus einer alten Welt, die er, geblendet von seinem Schmerz und von seinem Freiheitsmangel, nicht als eine alte anerkennen konnte oder wollte oder anzuerkennen wagte. (...) Dario Bellezza hat, zumindest im lexikalischen Sinn, ziemlich wenig von der Literatur übernommen: er hat sich bei den Zeitungen bedient, bei den Literaturzeitschriften des letzten Jahrzehnts, bei den Debatten, der Durchschnittssprache, den auf ein niedriges Niveau herabgestuften literarischen Abfällen oder bei den Sprachgewohnheiten der Privilegierten, beim professionell kleinbürgerlichen Wörterbuch. Auch die Länge seiner Gedichte unterliegt dem Zufall, sie sind wie Zeitungsartikel, ausgeschnitten mit einer Schere, die die Macht hat, sie zu isolieren und gegen die Leere einer grausamen Unendlichkeit zu halten. Mit dem italienischen Literaten alten (und neuen) Stils teilt Dario Bellezza allein den Kult der Strenge. Strenge, die auf die erbärmlichste und niederschmetterndste (so glaubt er) der verfluchten Klagen appliziert wird, doch zweifellos Strenge. Beinahe instinktiv und diabolisch hat Bellezza begriffen, daß, sollte er jemals von seinen nichtswürdigen Kollegen verstanden und geliebt werden, dies nur im Namen seiner Strenge vonstatten gehen könnte. So machte er sich daran, die Formen und die Gegenstände seiner Ängste zu beschreiben (die jeder rechtschaffene Kollege und einfache Leser nur abscheulich finden konnte), als handelte es sich dabei um Formen und Gegenstände des Absoluten; wie die Flaschen und Vasen Giorgio Morandis: Kein Kompromiß, keine Komplizenschaft, kein Strafnachlaß, kein Zugeständnis, kein Aufschub, nicht einmal die Linderung eines beschwichtigenden Untertitels, eines unbekleideten Zitats. In die Rolle eines Spießers schlüpfend, streng und beinahe kalvinistisch, antiquiert wie es sich gehört, bietet Dario Bellezza seine grausame Ware feil. Doch worin besteht diese Grausamkeit, diese Häßlichkeit, die ich selbst, in einer Art discours indirect libre, durch die mögliche Lesart eines durchschnittlichen Adressaten und professionellen Kritikers erlebe? Derlei Grausamkeit liegt im überhöhten Bewußtsein, die Freiheit erreicht zu haben und sie auch zu leben. Dieser herausgekehrte „Exzess“ an Bewußtsein entblößt in Bellezza zum einen das konformistische Grauen vor der eigenen angeblichen Schuld (weshalb er der erste Kleinbürger ist, der über sich selbst urteilt), zum anderen offenbart er in ihm eine Fähigkeit zur Selbsttäuschung, die einem das Herz zusammenschnürt. In Wirklichkeit ist er niemals frei, zu keinem Augenblick, für niemanden. Er ist eingeschlagen in sein Privatleben wie in ein schmutziges Kleidungsstück, verschlossen in seinen „Fall” wie in ein dunkles Zimmerloch mit abgestandener Luft. Der Leser wohnt seinem Gestikulieren bei (das die Bestimmtheit der wahren „antiken“ Dichtung hat), seinem Geschimpfe, seiner Neigung zu Urteilen in Bezug auf die eigene Person, die frei scheinen und doch in Wirklichkeit selbstverstümmelnden Charakter haben. (...) Dario Bellezza ist der Zaungast seines schlecht verwendeten Lebens, sich vortastend in eine Zukunft, wo nichts ihn erwartet außer die Wiederholung seines Zustands. Doch genau darin liegt die wahre „Laufbahn“ eines Dichters. In einer rassistischen Gesellschaft wird er notgedrungen die Freiheit leben müssen: doch er wird sie nicht suchen (weil er ahnt, daß die Freiheit vom Menschen nicht gewünscht wird, von keinem Menschen). So wird er, im Gegenteil, auch weiterhin nach seinem „Herrn“ Ausschau halten, „nach Gehorsamkeit streben“: und die Anerkennung seiner Dichtung, die von seiner Wirklichkeit abgekoppelt ist, zum Lohn dafür nehmen. (Pier Paolo Pasolini im Band Invettive e licenze, Übersetzung: T. P.)